Monika Helfer, hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer und ihr Mann Michael Köhlmeier, Schriftsteller _ Verleihung des österreichischen Buchpreis 2025 _ Monika Helfer war Nominierte
Im Interview _Petra Ganglbauer, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Petra, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Monika Helfer war eine ganz besondere Persönlichkeit, die es verstand, das Unprätentiöse kostbar zu machen und in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Sie hatte eine starke Ausstrahlung und war gewissermaßen eine Autorität per se. Beides speiste sich aus einer ganz natürlichen Zentriertheit, die ihr zu eigen war.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Monika Helfer widmete sich mit Verve und Humor den kleinsten, einfachsten Dingen des Lebens, dem Alltag – das ist eine Kunst, zumal sie diese Dinge auf ihre ganz eigene Art zu poetisieren imstande war.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Ich möchte eigentlich kein einzelnes Werk hervorheben; ihre Arbeit ist nachhaltig. Und damit meine ich ihre gesamte Arbeit.
Wie hast Du Monika Helfer als Lesende bzw. als Kollegin erlebt?
Als eine solidarische, aufmerksame Persönlichkeit, mit subtilem Humor und einer souveränen Selbstironie.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
„(…)unser Vater, der so grau aussah, eben wie ein Beamter, der er ja auch war, obendrein ein Finanzbeamter, unser Vater sei ein bunter Mann in Wahrheit.“ (Monika Helfer: Vati, Hanser, 2021)
Herzlichen Dank für das Interview!
Petra Ganglbauer, Schriftstellerin, Künstlerin
Zur Person: Petra Ganglbauer, Schriftstellerin, Künstlerin _ Wien _ Petra Ganglbauer
Monika Helfer, hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer und ihr Mann Michael Köhlmeier, Schriftsteller _ Verleihung des österreichischen Buchpreis 2025 _ Monika Helfer war Nominierte
Erinnerung an Monika Helfer _ Thomas Kunst, Schriftsteller
Lieber Thomas, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Der Besuch bei Monika und Michael in Hohenems im April 2024 gehört für mich zu den glücklichsten Eindrücken meines Lebens. Die Bergwanderung. Die Pasta mit geraspeltem Trüffel von Michael zubereitet, sagenhaft…Gespräche. Getränke. Schnäpse, die an den Geruch von Regen auf einer staubigen Landstraße erinnerten. Monikas Urwald im Wohnzimmer, in dem ich schlafen durfte. Die Katze Fraule. Der Garten. Mit Monika und Michael im Garten. Im Garten.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich schimpfe nahezu täglich über den Siegeszug der autofiktionalen Literatur. Nicht jeder hat eine Biographie, die dazu taugt, in Romanen nacherzählt zu werden. Monika brauchte sich um solche Anmaßungen nie zu kümmern. Sie hatte diese verdammte Biographie, die dazu taugte. Sie konnte so feinsinnig und tragisch und melancholisch erzählen, dass ich um ihre literarische und freundschaftliche Hand anhielt.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Löwenherz. Löwenherz. Löwenherz. Bruder-Schwester-Geschichte. Überragend. Einer der wichtigsten Romane der letzten 20 Jahre für mich. Basta.
Wie hast Du Monika Helfer als Lesende bzw. als Kollegin erlebt?
Sie war für mich die nahezu feinste Erscheinung im Literaturzirkus. Ihre Eleganz. Ihre pure Schönheit. Ihr überlebensgroßes Herz. Ihre Stimme. Ihre Augen. Ich wollte, dass sie 2021 den Deutschen Buchpreis gewinnt. Bin so glücklich, dass uns das Glücksspiel Literatur auf der Shortlist zusammengeführt hat. Sie schenkte mir damals eine Anstecknadel mit einem blauen Glitzerköpfchen. Ich verlor sie. Das war ein Weltuntergang. Meine Liebe ihr gegenüber gibt es zur Sicherheit gleich mehrere Male.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
im Interview _ Margrit Schriber, Schriftstellerin _ Zofingen/CH
Liebe Margrit, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Sie war meine Lehrmeisterin. Mein Vorbild im Überdenken des Lebens als Frau, Begehrte, Verstoßene, sich als Einzelgängerin Behauptende.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich weiss, wieviel Versenkung notwendig ist, um dieses Rufen Locken, Seufzen, Trauern so auf Papier zu bringen, dass es spontan, flüssig und glaubwürdig klingt. Man muss so in die Erzählung eintauchen, dass man zu dieser Person wird, die von ihrem Schicksal gezeichnet, atemlos durchs Leben rennt. Sich verrennt. Der die Worte aus dem Mund rieseln, als wäre sie ein überfliessendes Gefäss: Dies ist die eigentliche Kunst.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Man muss alles lesen. Am besten gefiel mir SIMULTAN.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich zähle zu Ingeborg Bachmanns Generation. Mein Lebenspartner und meine Freunde gehören dazu. Was ändert? Wenig! Das Geschlecht spielt nicht die entscheidende Rolle. Einmal übernehmen diese und einmal die anderen den Part von zerstörerischen Patriarchen.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Menschen lieben und leiden seit es sie gibt. Wir schwelgen im Glück, betrügen und lassen den Kopf hängen, solange wir leben. Dies ist das Geheimnis des Lebens. Ein Grund zum Leben oder zum Sterben. Es wird sich nicht ändern, olange es Menschen gibt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Die Suche nach der passenden Form für meine Erzählung ist eine mit Verzweiflung gespickte Leidenschaft. Meine Form von Glück. Schreiben gibt meinem Leben einen Sinn. Ich kann und will mir meine Tage nicht anders vorstellen. Texten ist eine Art zu denken. Es öffnet Türen, erweitert die Sicht, bereichert mein einfaches Schreibtischdasein mit Abenteuern und vervielfältigt das eine einzige Leben ums Tausendfache.
Kurz: Ich besaufe mich schreibend am Leben.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich will mich nicht festlegen. Es gibt unzählige Aspekte. Ein jeder ist bemerkenswert.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich lese ihre Texte. Schaue durch ihre Augen. Vollziehe ihre Gefühle nach. Das genügt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein Erzählband BLATTGOLD erscheint im Oktober 26 beim Atlantis Verlag Zürich. Und ich schreibe an einem Roman, der wohl im Herbst 2027 erscheint.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Die Sätze: Ich brauche dich nicht, weder dich noch einen anderen, es hat nichts mit dir zu tun, nur mit mir, und das wünsche ich nicht zu erklären! liessen sich leicht denken, aber nicht ohne weiteres in Paris sofort sagen. (Simultan: Drei Wege zum See)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Anne Mai, Schriftstellerin
Xiting Shan, Schauspielerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Anne Mai _ privat.
Fotos: Xiting Shan, Schauspielerin_Wien _ acting Malina & Undine geht _ Roman/Erzählung Ingeborg Bachmann _ Walter Pobaschnig 5/21 & 7/26.
Im Interview _ Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin _ Müllheim/CH
Liebe Zsuzsanna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Im Mittelpunkt steht für mich der Roman „Malina“. Eindrucksvoll ist Ingeborg Bachmanns intensiver, geduldiger Blick auf jede einzelne Person in diesem Buch, vor allem die ruhige, nachvollziehbare Darstellung von Malina.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ihre aufmerksamen Beobachtungen. Ihr unverzagter Blick steht ihr ins Gesicht geschrieben, und ich mag ihre Fotos, die das zurückhaltende und zugleich prüfende Gesicht zeigen. Ihr Schreiben steht ihr ins Gesicht geschrieben.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ingeborg Bachmann hatte einen anderen Lebenshintergrund als ich. In erster Linie hatte ich einen wunderbaren Vater, der mich weiterhin stützt und stützen wird, bis ich 150 Jahre alt werde. Außerdem kenne ich neben besonders guten Begegnungen mit Frauen auch das Gegenteil, weibliche Personen mit Machtgebaren, die gerne Hiebe austeilen. Es wäre zu einfach, die Welt nach Männern und Frauen in zwei Teile zu zerlegen. Darüber würde ich mit Ingeborg Bachmann gerne reden, und ich kann mir vorstellen, dass wir mitunter beide lachen würden.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vor einem Vierteljahrhundert skizzierte ich in einem Stillleben einen Himbeermann, denn Malina bedeutet Himbeere. Hier ein kleiner Ausschnitt:
„Im Urwald der wunderbar nackte Himbeermann. Und
weite Strecken des Waldes auch ohne Mann, mit Mann,
ohne Mann, drei Wochen lang.“
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Natürlich ist „Malina“ zum Teil ein trauriger, traumhaft trostloser Roman, aber immer wieder blitzt Bachmanns Selbstironie auf und erst recht ihr Humor. Ich glaube, ihr Humor wird zu wenig beachtet. Hier ein Dialog-Beispiel aus dem dritten Kapitel des Romans:
„Malina: Warum bringst du immer solche Korrekturen an?
Ich: Ich darf sie doch anbringen, weil ich zu einer Karikatur geworden bin, im Geist und im Fleisch. Sind wir nun zufrieden?“
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Aus „Malina“, Zweites Kapitel, „Der dritte Mann“
„Die Zeit ist nicht heute. Die Zeit ist überhaupt nicht mehr, denn es könnte gestern gewesen sein, lange her gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin
Zur Person: ZSUZSANNA GAHSEist eine österreichisch deutsch schweizerische Schriftstellerin, geb. 1946 in Budapest. Nach ihrer Gymnasialzeit in Wien und Kassel lebte sie mehr als ein Vierteljahrhundert in Stuttgart, seit Ende 1998 in Müllheim, TG, Schweiz.
Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist _ performing Ivan in „Malina“ _ Romanschauplatz Malina Wien _ Walter Pobaschnig 1/26, folgende _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance am Originalschauplatz
INGEBORG _ Akrostichon
Text& Performance _ Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist _ performing Ivan in „Malina“ _ Romanschauplatz Malina Wien _ Walter Pobaschnig 1/26, folgende _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
INGEBORG
ihren
noblen,
großherzigen
Essays
besonders
originelle
Richtungen
gegeben.
Roman Seeliger, 27.1.2026
Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist _ performing Ivan in „Malina“ _ Romanschauplatz Malina Wien _ Walter Pobaschnig 1/26, folgende _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance am Originalschauplatz
INGEBORG _ Akrostichon
Text& Performance _ Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist
Ingeborg Bachmannist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina, den sie in Rom abschließt, spielt in Wien. Das „Ungargassenland“ im III.Wiener Gemeindebezirk ist dabei topographischer Bezugs- und Mittelpunkt. Ebenso nehmen viele Gedichte auf Wien Bezug.
Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist _ performing Ivan in „Malina“ _ Romanschauplatz Malina Wien _ Walter Pobaschnig 1/26
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Roman Seeliger, Pianist, Kabarettist _ performing Ivan in „Malina“ _ Romanschauplatz Malina Wien _ Walter Pobaschnig 1/26_ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
Vielen Dank für die freundliche Kooperation an „Teppiche Tarani“ und „Timmy`s cut“ _ Ungargasse, Wien 1030.
im Interview _ Norma Norvald, Schriftstellerin _ Waldviertel/AT
Liebe Norma, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine erste Begegnung mit Bachmanns Schreiben, war als Germanistikstudentin in Norwegen. Erst hier in Österreich habe ich aber ihre Werke wirklich kennengelernt und erleben dürfen, welche fesselnde Wirkung ihre lyrischen Bilder und ausdruckstarke Sprache jenseits `der Wortlosigkeit` auf mich haben.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Aufrufe, Ellipsen, Appellen, an einen DU /ihr gerichteten Fragen, konkrete Bilder usw., schaffen eine Unmittelbarkeit und Dringlichkeit, als würde kein Abstand zwischen dem Zeitpunkt und der Räumlichkeit der Niederschrift und der Lesererfahrung bestehen. Ich finde, manche Schriftstellen tragen den Charakter apokalyptischer Vorboten aus einer ungeahnten Tiefe unseres Inneren; Aus jener existenziellen Tiefe, wo Phrasen und Floskeln ohnmächtig sind, kreiert Ingeborg Bachmann neue Wortkonstellationen für Schmerzerfahrungen in Begegnung mit dem Unfassbaren und in der Konfrontation mit der Gesellschaft als `Täter`.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Beim Lesen von Bachmanns Texten wirkt stets ihre Stimme als Resonanzboden in mir. Daher möchte ich lieber betonen, wie Bachmann ihre Texte vorgelesen hat:
highly strung: In der Musik charakterisiert dieser Term eine intensive, emotional aufgeladene Spielweise, – ich denke hier unmittelbar an die Interpretation der jungen Cellistin Jaqueline du Pré von Elgars Cellokonzert, die Töne sind in jedem winzigen Nerv in mir bebend spürbar. Als literarisches Pendant zu Jacqueline du Pré gilt für mich Bachmanns Stimme, die ihre sonderbare Kraft in dem Melancholischen, Fragilen, Verletzbaren hat.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971. Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Die Kategorien `Mann` und `Frau` werden nicht mehr überall als absolute Größen gesehen, es gibt öffentliche und private Initiative, die für genderfluide Toleranz und Respekt kämpfen. Auf der anderen Seite werden in gewissen politischen Lagern sowohl eine verschärfte Intoleranz gegenüber diese Offenheit als auch eine Favorisierung der patriarchalischen Machtstruktur immer stärker spürbar. In Bezug auf solche Haltungen finde ich die Äußerung von Bachmann durchaus immer noch und immer wieder aktuell. Weiter ist es auch zu unserer Zeit de facto, dass Werbung, Mode und Trend immer noch starre Klischeebilder von Männlichkeit und Weiblichkeit präsentieren.
Was eine Gendersprache betrifft, finde ich das weiblich indizierende Suffix – in in einer Gesellschaft die Toleranz gegen Genderfluid zeigen will problematisch. Die – in Form unterstreicht eine kulturelle Sichtweise, in der das grammatikalische Geschlecht weitgehend mit den sexuellen Kategorien Mann / Frau gleichgesetzt wird, und die Vorstellung bei fehlendem Suffix männlich ist. Fehlt das Suffix – in, ist die kulturelle Logik, dass der Arzt, Autor, Hörer, Zuschauer weiblich sein könnte, auszuschließen. In meiner ursprünglichen Sprachkultur wurde die weiblich angehängte -in u.a. vor mehr als 40 Jahren aufgegeben, und daher ist der Vergleich vom grammatikalischen Geschlecht und biologischem Sexus weniger relevant, was auch nicht immer unproblematisch ist…
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Natürlich nicht, es ist wohl vor allem eine Frage an die Natur und die Weltsicht des schreibenden Menschen und wie er (der Mensch) worüber was schreibt. Aber ich neige dazu zu denken: gute Literatur kann Mensch nicht nur lediglich schreiben, die muss er (der Mensch) leben. Wie ein Teil des Lebens und des Lebendigen Leid ist, muss notwendigerweise auch ein Teil seines literarischen Ausdrucks Leid sein, oder?
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ganz oben auf meiner Wunschliste wäre, dass sie mir ihre Texte persönlich vorlesen würde.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Da ist schon einiges… Jetzt freue ich mich aber zuerst auf ein halbes Jahr als Stadtschreiberin für Waidhofen an der Ybbs, wo ich vor allem lyrisch wirken werden.
Herzlichen Dank für das Interview!
Norma Norvald, Schriftstellerin
Zur Person: Norma Norvald
*1978/ Norwegen. Seit 2015 sesshaft in Österreich. Lebt und arbeitet im Waldviertel. Beruflich: Autorin (GAV, Podium, IG Autorinnen und Autoren), Dozentin (BÖS) Kursleiterin für Deutsch und Basisbildung, Skandinavische Sprachen und Literatur Studium: Deutsche Philologie und Nordistik an der Uni. Bergen / Norwegen. Schreibt Lyrik und Prosa. Sonstiges: Vorliebe für alte Schreibmaschinen, schwarzen Kaffee, Waldlaufen und Katzen. Norma Norvald 17.6.26
Foto: Norma Norvald _ Station bei Undine _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 10/25
Franziska Serokina Lindenthaler, Schauspielerin, Moderatorin_Wien _ acting Malina _ Wien 4/23, Walter Pobaschnig 4/23, folgende
Flucht in eine Mauerritze
Akrostichon zu Ingeborg Bachmanns Roman MALINA
Malina klingt nach süßen Beeren. Ach, wie der Schein doch manchmal trügt! Lässt manches sich doch nur erklären,
Indem man selber sich belügt. Nur stellt sich, was erratisch war,
Auch nicht in Mauerritzen dar.
Franziska Bauer, 6.1.2026
Franziska Serokina Lindenthaler, Schauspielerin, Moderatorin_Wien _ acting Malina _ Wien _ Walter Pobaschnig 4/23
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
im Interview _ Monika Wogrolly, Schriftstellerin _ Graz
Liebe Monika, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ein zarter und doch irgendwie widersprüchlicher Zugang, fast wie zu einer großen Schwester, die ich nie hatte, oder einer Freundin, die vieles besser konnte und schon woanders lebte – die wie in einer Brieffreundschaft über ihr Werk mit mir verbunden war. Im Deutschunterricht bei Fredy Kolleritsch und dann als so genannte vielversprechende, hoffnungsvolle Jungliteratin wurde ich immer wieder mit der Bachmann als Vorbild, Ikone, aber auch als Gescheiterte konfrontiert. Ich bewunderte sie für ihre Anpassungsfähigkeit, da sie zur Literatinnengarde zählte und über ihren Tod hinaus unsterblich und unnahbar, aber äußerst lesenswert geblieben war.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Bachmann schrieb sich klar in eine Verwirrung hinein. Was blieb, war eine klärende Aporie, auf die nichts folgen musste.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das dreißigste Jahr, das ich lang vor meinem Dreißiger mehrmals las, das zweite Mal mit etwa knapp über zwanzig. Ich las ein ganz anderes Buch „Das dreißigste Jahr“, wie sich jedes Buch sofort ändert, wenn du es in einer anderen Zeit lest. Ein Recyclingeffekt von Literatur. Selbst eigene Texte erscheinen mir immer neu und fremd, wenn ich sie nach Monaten oder Jahren wieder lese. Bei der Bachmann-Lektüre entwickelte ich mehrerlei Empfindungen: Ein bisschen Ehrfurcht und großen Respekt vor ihrer glasklaren Wahrhaftigkeit. Eine Sehnsucht, mit ihr in einer WG zu leben, nicht für lang, eher nur vorübergehend zur persönlichen Verstärkung dessen, was ich war, und zur Beruhigung der inneren Unruhe in meinen Zwanzigern. Auch ein wenig Überidentifikation, die mich befiel; zwar weniger wurde, aber noch in manchen Momenten bis heute da ist, irgendwann auch im Ungargassenland gewesen zu sein, wann immer ich in Wien durch die Ungargasse zu meiner Praxis fahre. Zwischen meinen inneren Organen glimmt die Frage wie eine Zigarettenkippe auf: Wie wurde als Ingeborg Bachmann dort wohl geatmet, gegessen, gelebt, geträumt, gefühlt?
Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ und Wohnbezirk Ingeborg Bachmanns1946-53, folgende„Das Tor mit den Löwen _ Ivan“
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie wusste, was Menschen, begabte junge Frauen im Literatur- und Kunstbetrieb, aber nicht nur dort, erlebten, von älteren Männern dominiert, angelockt und schnurstracks zum Objekt gemacht. Wir konnten nicht darüber sprechen, aus Scham, aus Angst, noch weniger mitzuspielen und noch tiefer zu fallen. Es half zwar nichts, die Wunden sichtbar zu machen, war aber ein erster Schritt. Wenn wir darüber schrieben, war das übertrieben oder selbstdarstellerisch, waren wir ja immer selber schuld, hätten ja leise bleiben, nicht so sichtbar werden müssen.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wir lieben im Bindungstrauma-Stil und zerstören uns dabei. Und im Bindungsängstlichen-Vermeidungsstil mit weiß ich wie vielen Beziehungsformaten von Situationship, Mixed Single bis zu Freundschaft Plus, um ja nichts festzulegen. Die Liebe verlagert sich auf sicherere Entitäten als es Menschen sind, neben Autos auf Handys, Chatbots, humanoide Roboter oder Real Life Dolls.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Die Abbildung des persönlichen Martyriums, das wie ein Schmetterling im Flug gefangen und in ein Album gepinnt wird: Wenn das Buch ein Schmetterlingsalbum ist, ist da viel schmetterlingshaft getarntes Ungeziefer aufgespießt, das in Wirklichkeit nie aufhört, deine Seele zu durchlöchern. Das Schreiben will sie einfangen, sichtbar machen, der Welt vorhalten. Das größte Problem dabei: Ein angepinntes Monstrum wirkt surreal und geradezu harmlos. Und vielleicht ist der Schmetterling in dieser Analogie auch nur ein irreführendes Deckwort, um das Trauma – die seelische Erschütterung – in ihrer zerschmetternden katastrophalen Wirkung sachlich handhabbar erscheinen zu lassen. Das Schmetterlingstrauma ist somit ein gut gemeinter Versuch: Bücher schreiben, um mir das Gefühl von Kontrolle zu geben, die Ordnung wiederherzustellen. In Wahrheit aber gibt es keine Möglichkeit, der eigenen Katastrophe zu entkommen.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre Sprache umgab mich beim Lesen wie eiskaltes Wasser die Steine in einem Bach. Erfrischend, erschreckend kühl, letztendlich tut die Kälte Sonnen beschienener Bachsteine bis in die Knochen weh, wirkt zugleich aber hoffnungsvoll belebend. Schreiben härtet ab.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob wir auf einen Kaffee gehen in Rom und ob sie mir Feedback zu meiner Prosa gibt. Und ob sie einen Weg weiß, wie ich offiziell Schriftstellerin bleiben könne, nicht Psychotherapeutin und Coachin werden zu müssen, um heimlich für mich am Martyrium weiterzuschreiben.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich wünsche mir, nicht nur als Liebes- und Beziehungsexpertin und als Ratgeberin in der Welt willkommen zu sein. Und das geschändete verletzte Mädchen in mir mit meiner Belletristik zum Sprachrohr einer Generation zu machen, die litt, aber nie unterging. Und: Meine heimlich geschriebenen Bücher – Worte wie aufgespießte Schmetterlinge, in Wahrheit Monstermotten – unter die Menschen zu bringen, um ihre Erkenntnis zu erhellen wie mit Glühwürmchenzauber. Ein weiteres Projekt: Weiter zu arbeiten an meinem Gesundheitspiloten „Psychohygiene in Klinik und Praxis“ sowie einem neuen Fernsehformat über Psychotherapie.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Natürlich dieses: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.
Herzlichen Dank für das Interview!
Monika Wogrolly, Schriftstellerin
Zur Person:Monika Wogrolly, Schriftstellerin _ publizierte zahlreiche Beiträge für Literaturzeitschriften (lichtungen, wespennest), Rundfunkbeiträge und Texte in Anthologien. Zudem hat sie inzwischen bereits fünf Romane veröffentlicht und gibt eine zweisprachige Kulturzeitung LIVING CULTURE heraus.
Monika Wogrolly ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und der Literatur-Mechana.
Auszeichnungen, Preise (Auswahl)
1986 Literaturförderungspreis der Stadt Graz
1989 Literaturstipendium des Landes Steiermark
1993 Förderungspreis des Landes Steiermark für Literatur
Österr. Staatsstipendium für Literatur
Förderungspreis der Stadt Wien
2004 frauen.kunst.preis
Werke (Auswahl):
Abbilder Gottes. Demente, Komatöse, Hirntote.
Sturzflug ins Schwebende. Prosa. Hrsg.: Emil Breisach. Graz: Leykam, 1987.
PROF.IN DR.IN MONIKA WOGROLLY, geb. in Graz, „Europas erste Klinikphilosophin“ und Psychotherapeutin in Graz und Wien sowie in der Privatklinik St. Radegund. Forschungen zur Hirntodproblematik und zum Selbstwertgefühl. Schriftstellerin und Herausgeberin des Magazins Living Culture für Kultur, Lifestyle und Selfcare; Beziehungsexpertin in Rundfunk und TV. Buch: Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben. (2017) Praxis für Psychotherapie und Philosophie – Attitude Move – Mag. Dr. Wogrolly Monika
Foto: Monika Wogrolly _ Matthias Obergruber
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ _ Walter Pobaschnig