50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _Lioba Happel, Schriftstellerin _ Lausanne/CH
Bachmannpreisnominierte 1992
Liebe Lioba, Du hast 1992 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?
Zunächst, vor der Lesung, viel freundliche Heiterkeit allüberall, dann … im Boden versunken. Diese Frau in der Jury da… ich habe ihren Namen vergessen, sie schreit los…sie schreit immer wieder ein Wort aus meinem Text… „Was lese ich da?“ schreit sie… – welches Wort nur war es… es war ein sehr zerbrechliches Wort, ein altes, ein im Text zitathaft gesetztes Wort…In meiner Erinnerung schreit sie es noch immer und sie hört einfach nicht auf damit und sie gestikuliert dabei, als schwinge sie Schwerter …
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Entweder sie demütigen in der Jury oder sie plätschern. Es gibt leuchtende Ausnahmen – die machen das Besondere aus.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Verena Auffermann, ebenfalls Jury, sagte nach dieser plärrenden Schreierei einen Satz: „Ich denke, die Frau Happel lacht über uns.“ Das war sehr, sehr nett, ich habe ihn heute noch im Ohr. Es hat leider lange gedauert, bis es soweit war, dass ich darüber lachen konnte. Trotzdem an dieser Stelle so viele Jahre später: danke!
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?
Seitdem die grundsätzliche Überzeugung: wenn du schreibst und veröffentlichst, kann jederzeit etwas Furchtbares über dich hereinbrechen. Eine einzige Stimme, wie viel oder wenig berufen sie auch sei, kann alles zerstören. Damals kam auch noch ein brutaler Rausschmiss aus meinem Verlag auf mich zu, mein bereits positiv diskutiertes, drittes Manuskript – für das ich übrigens später einen großen Preis bekommen habe- wurde zurückgewiesen. Warum? Weil mein Verleger im Gespräch auf der Buchmesse von mir den Arbeitgeber meines damaligen Partners erfuhr, mitten in unserer Plauderei aufstand und grußlos davonging. Anruf des Verlags später: „Ja, haben Sie denn nicht gewusst, dass…“… Nein, habe ich nicht gewusst. Ich bin jetzt mehr als bereit, meiner äußerst demütigenden Erinnerung an den Bachmannwettbewerb diese Erinnerung hinzuzufügen.
Ich nutze bewusst diese Möglichkeit, nachdem ich jahrelang über beides geschwiegen habe. Und nein, ich habe mich nicht zu beklagen. Ich habe Preise, Stipendien, bekommen. Aber was den Literaturbetrieb betrifft, ist etwas in mir tief „gestört“; ich weiß schon lange nicht mehr, „wie es geht“. Veritable Angstzustände – es gibt noch weitere gnadenlose „Betriebs Momente“, ich könnte ein Buch darüber schreiben. Und ja, ich werde es vielleicht tun.
Wer sich bei mir zur Mitarbeit melden möchte, Autor:innen, Verlage…?? Gern! Arbeitstitel:
„Der Germanist als Polizist und Wie Verleger Autoren ver-legen“: Fall/Beispiele (der erste Titel Teil stammt von ebenjenem Partner aus früheren Zeiten, werde bei Gelegenheit seine Erlaubnis einholen); die Titelei wird natürlich noch deutlich gegendert.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Mehr Dichtung. Ingeborg Bachmann ist eine Dichterin. Mehr Mut, neues Text Bewusstsein zu schaffen – gegen das Gängige. Literatur ist auch Neuschöpfung, ist auch Kunst, verfertigt nicht nur das Bekannte, allgemein Anerkannte, das „Markt Bedienende“ – so schwierig es ist, auch sowas zu schreiben.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Mehr scharfe – äußerst respektvolle – Debatten und Schluss mit dem altbackenen Schweigegebot für die Lesenden.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Happel, Lioba, 1957, Aschaffenburg, geboren und aufgewachsen in Franken, studierte in Berlin Sozialarbeit, Pädagogik, Ältere und Neuere deutsche und spanischsprachige Literatur. Für ihre Veröffentlichungen, Lyrik und Prosa, erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien. Um immer schreiben zu können, arbeitete sie in Brotberufen an verschiedensten Stellen, v.a. in Schulen. Sie lebt in Lausanne und Berlin. Happel, Lioba | Rimbaud Verlag 20.6.26

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Lioba Happel _ Rimbaud Verlag
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt-Wörthersee_ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 20.6.2026




























































































