2026 _ 100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann. Ein reiches, unerreichtes literarisches Leben. Ein Werk, das bis in die Gegenwart begeistert, inspiriert und Maßstäbe setzt. Diesem epochalen Werk steht ein Leben in der Öffentlichkeit, das von tiefer Liebe, Glück wie auch Tragik umgeben war.
Alexander Honold geht nun in seinem sehr spannenden Beitrag zum Bachmannjubiläumsjahr den literarischen Spuren in den Liebesbeziehungen zu Paul Celan und Max Frisch nach und überrascht wie besticht dabei in seiner facettenreichen Aufschlüsselung, Analyse der literarischen Chiffren wie direkten Verweise der Personen wie auch der detailreichen biographischen Referenzen Bachmanns dazu.
Sehr interessant sind auch die Zugänge zur jeweiligen literarischen Entwicklung im Zusammenhang der gesellschaftlichen Verfasstheit in Moral und Norm der Zeit. Die gute Kapiteleinteilung ermöglicht da eine spannende Gegenüberstellung und bietet neue Einblicke zu Leben und Werk aller drei.
In Summe ein sehr beachtlicher Beitrag zu Werk und Leben Ingeborg Bachmanns wie der vergleichenden modernen Literaturgeschichte.
Liebeslinien. Ingeborg Bachmann in ihren Literaturbeziehungen mit Paul Celan und Max Frisch. Alexander Honold. Schwabe Verlag.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ (1961) und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Melina Nicolussi, Schauspielerin
Zur Person:Melina Nicolussi (sie/ihr)
Schauspielerin _ tätig in Wien und London auf der Leinwand, auf der Bühne und im Puppentheater. Zuletzt gesehen als Leonie im Film „Februar“, als Serena in „The Siren“ oder in verschiedenen Rollen beim Original Wiener Praterkasperl.
Liebe Naoko, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Das Fotoshooting mit dir gab mir die Gelegenheit, mich mit einigen ihrer Werke auseinanderzusetzen. Sonst hätte ich diese Chance wohl nicht gehabt, da ich Bücher lieber auf Japanisch lese und Ingeborg Bachmann in Japan allgemein unbekannt ist. Umso mehr freute es mich, dank deiner Einladung, ihre Texte auf Deutsch lesen zu können, und es war doch schön.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Unerschütterliche Logik und ihre feingliedrige, brennende Leidenschaft aus ihrem Tiefsten. Und wie diese zusammen in ihrem Text leben.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
„Undine geht“. Das sprach mein Gefühl einfach an und geht unter die Haut. Auch das Element Wasser zog mich an.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde mich gerne für ihre wunderschönen und beeindruckenden Werke bedanken, und auch dafür, dass sie überhaupt existiert hat.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im November plane ich eine kleine Ausstellung mit meinen Arbeiten und Arbeiten meines verstorbenen Mannes Josef Kinz. Ansonsten arbeite ich am liebsten allein und in Abgeschiedenheit an meinen Bildern.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ja, diese Logik habe ich gelernt, dass einer Hans heißen muss, dass ihr alle so heißt, einer wie der andere, aber doch nur einer. Immer einer nur ist es, der diesen Namen trägt, den ich nicht vergessen kann, und wenn ich euch auch alle vergesse, ganz und gar vergesse, wie ich euch ganz geliebt habe. Und wenn eure Küsse und euer Samen von den vielen großen Wassern – Regen, Flüssen, Meeren – längst abgewaschen und fortgeschwemmt sind, dann ist doch der Name noch da, der sich fortpflanzt unter Wasser, weil ich nicht aufhören kann, ihn zu rufen, Hans, Hans …“ Undine geht, Ingeborg Bachmann, 1961
2026 _ 100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann. Das große Jubiläumsjahr brachte und bringt viele Zugänge zu Leben und Werk dieser so außergewöhnlichen Schriftstellerin, die konsequent, mutig wie erfolgreich ihren Weg in der modernen deutschsprachigen Literatur in Lyrik wie Prosa ging und Leben, Liebe und Gesellschaft genial variantenreich wie kritisch in das Wort setzte. Ein unerreichter Maßstab bis in die Gegenwart.
Lebensorte sind für jedes Leben von großer Bedeutung und prägen wie inspirieren. So auch bei der in Klagenfurt geborenen Büchnerpreisträgerin, die 1946 in Wien ankam und danach längere Lebensstationen in Zürich und Rom hatte. Eine wichtige Station ist dabei auch das Lebens/Arbeitsjahr in München 1957/58, in dem ihre Karriere richtig Fahrt aufnimmt. Es ist ein Jahr der Entscheidung und Entscheidungen…
Nicola Bardola bietet einen wunderbar recherchierten und genial eingeordneten Überblick über das Münchner Bachmannjahr und eröffnet dabei sehr interessante Ein- und Ausblicke zu Leben und Werk.
„Ein sehr spannender Beitrag zum Bachmannjubiläumsjahr, der in Recherche und Zusammenschau besticht und ganz neues Licht auf das Münchner Lebens/Werkjahr und dessen Folgen wirft!“
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Clemens Schittko, Schriftsteller
Marcela Selinger, Sängerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto:Clemens Schittko _ privat
Fotos: Marcela Selinger, Sängerin _ Wien _ performing Malina _ Originalschauplatz Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann,.1971 _ Walter Pobaschnig 9/21.
Hier regiert das Chaos, die Gewalt und die Angst. Hier in dieser Stadt, in der sich alle, die es sich leisten können, auf dem Weg hinaus machen, um dem Tod zu entfliehen. Hin zum Schiff, wohin die zahlungskräftigen Bewohner mit dem Militärhubschrauber gebracht werden. Jetzt warten sie am Dach des bewachten Wohnhauses und hoffen, dass es gelingt, bevor Banden in das Wohnhaus eindringen können…
Im Tumult der Stadt werden Familien getrennt und zu Feinden. Die Spirale der Gewalt dreht sich unerbittlich zwischen Tat und Rache…
Doch wie kann es nun weitergehen? Wer kann retten, gerettet werden und kann es einen neuen Morgen und Aufbruch geben?…
Bestsellerautor Jo Nesbø legt seinen neuen Roman vor, der in eine dystopische Welt führt und dieses urbane Untergangsszenario bietet in gewohnter Nesbø Manier beste Thrillerspannung bis zum furiosen Ende.
„Jo Nesbø beweist einmal mehr, dass er ein Meister moderner Thrillerspannung ist!“
Insel der Ratten, Jo Nesbø. Roman. Ullstein Verlag.
Hardcover, 208 Seiten
Originaltitel: Rotteøya og andre fortellinger
Übersetzung/aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
im Interview _ Clemens Schittko, Schriftsteller _ Berlin
Lieber Clemens, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich schreibe Lyrik, seitdem ich 15 oder 16 bin. Da kommt man um Bachmann eigentlich nicht herum. Ihre Gedichte habe ich das erste Mal mit 18 oder 19 gelesen. Und dann immer wieder. Wenn auch in den letzten Jahren seltener. Aber vielleicht ändert sich das mit ihrem 100. Geburtstag.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Eine radikale Offenheit. Das Festhalten an der Liebe, obwohl gerade Bachmanns Zeit von so viel emotionaler Kälte geprägt war. Das Existentielle. Die Ernsthaftigkeit – bis hin zur Melancholie. Eine gewisse Zartheit. Die Suche nach (einer) Wahrheit, sofern so etwas überhaupt gibt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Natürlich Die gestundete Zeit und Anrufung des Großen Bären. Warum? Weil da etwas Dunkles ist, etwas, das nicht aufgeht und von Hölderlin über Trakl bis zu etwas reicht, das noch zu schreiben ist. Außerdem ist da eine Kraft in den Gedichten, in den Bildern, die Individuelles und Politisches auf einzigartige Weise zusammenführen und sie bis heute sowohl für Konservative als auch für Progressive interessant machen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob sie Rolf Dieter Brinkmann gelesen hat und was sie von seiner Lyrik hält. Beide hätten sich 1972/73 in Rom begegnen können. Ein Treffen ist aber nicht belegt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich möchte ein dreiteiliges Langgedicht über den Anfang, die Gegenwart und das Ende des Universums schreiben. Zudem suche ich für zwei bis drei Manuskripte mit Langgedichten einen neuen Verlag.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Einen einzigen Satz haltbar zu machen,
auszuhalten in dem Bimbam von Worten.
(zit. aus dem Gedicht Wahrlich)
Herzlichen Dank für das Interview!
Clemens Schittko, Schriftsteller
Zur Person: Clemens Schittko, geboren 1978 in Berlin (Ost). Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u. a. als Fensterputzer, Lektor, Kirchwart, Gärtner, Empfangskraft und Lagerarbeiter. Recherchestipendium des Berliner Senats 2021. Zuletzt erschienen: nur Sex(XS-Verlag, Berlin 2024). Lebt in Berlin(-Friedrichshain).
im Interview _ Gunther Neumann, Schriftsteller _ Wien
Lieber Gunther, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
In meiner Schulzeit blieb mir Bachmann verschlossen. Als Erstes hatte ich von ihrem tragischen Tod gehört. Und dann gerade vom Todesarten Zyklus. Wohl nicht zufällig unvollendet.
Meinerseits mehr Fragen als Analysen: Wie bauen wir aus Düsternis, Trümmern und Verzweiflung etwas Neues – nicht nur sprachlich? Wie gehen wir mit Machtansprüchen und den Wunden verheerender Gewalt um. Und wie können wir sie als Einzelne verarbeiten, da sich das Kollektive, Politische nur zögerlich oder in Lippenbekenntnissen damit befassen wollte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Wie jede große Literatur ist sie unter die Oberfläche der Wirklichkeit, in tiefere Schichten der Realität vorgestoßen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ohne Geringerschätzung anderer Werke: Das dreißigste Jahr hat mich schon mit 25 berührt, mit 35 in den Bann gezogen, mit 45. Statt einer Exegese ihrer Werke (das können andere besser) nur eine Ermunterung: Sie lesen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ihre literarische wie gesellschaftliche Fragen erscheinen mir nicht ortlos, aber zeitlos. Nach dem Scheitern diverser -ismen zur Weltenrettung im 20. Jahrhundert bleibt unser Verlangen nach universell anwendbaren Formeln zur Befreiung – die es nicht gibt. Antworten in einer immer wieder neuen Sprache müssen wir, muss jede Generation neu ergründen, und prüfen. Persönlich UND gemeinsam. Auch das Vertrauen will ertastet werden, aufgebaut, gepflegt.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Frag‘ mich etwas Leichteres … Allzu oft eine Kampfzone, individuell, politisch. Die existentielle Sehnsucht nach Vertrauen bleibt, und auch unsere Verletzlichkeit. Einfache oder gar pauschale Antworten habe ich keine.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Dem Begriff „Martyrium“ haftet etwas Religiöses an. Jede Art von Kreativität und Kunst hat in der nötigen Innenschau etwas Abgründiges und auch Einsames. Wenn es gelingt, das Ergebnis des Ringens zu teilen, dann lohnt es sich. Und wenn es Resonanz bei anderen Menschen findet, dann ist es mehr, als wir hoffen dürfen. Im Schreiben, im Leben.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Was große Literatur oft ausmacht: Die Verflechtung individueller Schicksale und gesellschaftlicher Geschichte. Und das lyrische Schreiben, das Ertasten des sonst Unsagbaren – mit all ihrer Sprachskepsis.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr gerne zugehört, ohne etwas zu fragen. Falls doch: Wie kommen wir – unbeschadet an Körper und Seele – durch diese Zeiten?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Über ungeborene Dinge möcht‘ ich lieber schweigen. Und außerliterarische Aufgaben überwiegen im Moment.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Wo sie in Malina ihrerseits Antonio Gramsci zitiert: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.