„Ich wäre mit Bachmann gern durch Rom spaziert“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Andreas Pavlic, Schriftsteller _ Wien 11.6.2026

Ingeborg Bachmann _ Andreas Pavlic

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom/Bocca de Leone, um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Andreas Pavlic, Schriftsteller _ Wien.

Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Es gibt bei mir keine systematischen Zugänge, sondern es handelt sich um Leseerfahrungen, die ich über die Jahre gemacht habe. Meine Entdeckung von Ingeborg Bachmann liegt viele Jahre zurück. Ich arbeitete damals noch in einer Spedition und besuchte die Abendschule. Es war die Zeit in der ich die Literatur für mich entdeckte, vor allem die Lyrik und ebenfalls Gedichte schrieb – für die Schublade. Mein erster Zugang verlief also über ihre Gedichte und gleichzeitig blieb mir dieser etwas verwehrt (zumindest bei einigen). Auch wenn mir damals bereits klar war, dass Bachmanns Gedichte sehr fein gearbeitet sind.

Ich las dann andere Text von ihr. Stärker angesprochen hatte mich der Text das dreißigste Jahr. Ich war zwar noch nicht dreißig, hatte aber das Gefühl, dass sich nun Dinge entscheiden, ich Dinge entscheiden musste, um nicht zurück zu fallen. Ich wollte weiter und da passte dieser Text gut in meine Lebenssituation.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Das ist für mich schwer zu sagen. Am ehesten ist es die Vielfältigkeit ihres Schreibens, sie hat ja Gedichte, Essays, Hörspiele, Reden, Erzählungen, Roman(e) und Libretti geschrieben. Das, was ich von ihr kenne, klingt, als hätte sie ihren eigenen Tonfall gefunden.

Natürlich ist es auch die poetische Kraft ihrer Essays und die Klarheit ihrer Erzählungen. Auch wenn Malina, den Roman las ich wiederum ein paar Jahre später, mir unheimlich war.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Nein, aber was mir damals noch sehr gefiel war der „Gute Gott von Manhattan“.  Gibt es eine Liebe, die nicht durch eine Bombe zerstört werden kann? Die über die, nennen wir sie, romantische Zweierbeziehung hinaus reicht?

Es gibt eine Stelle die ich mir damals unterstrich. Der ‚Gute Gott‘ erwähnt in dieser Textstelle das Lachen der beiden Liebenden. Ein unbeschreibliches Lächeln ohne Grund und er empört sich darüber, dass die beiden Liebenden in der Öffentlichkeit lachten und noch dazu, diese ausschlossen. Da frische Liebesbeziehungen für andere etwas Unverständliches haben, da die Liebenden es selbst oft noch nicht richtig verstehen.

Jedenfalls sagt der Gute Gott: „Dieses Lächeln steht da wie ein Fragezeichen, aber ein sehr rücksichtsloses.“ Ich glaube das trifft es sehr gut. Jede romantische Liebe  hat etwas Rücksichtsloses und hat etwas Unaussprechliches. Trotz alledem – ich würde mich dennoch für die Liebe aussprechen und gegen den ‚Guten Gott‘.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich denke mir, in unsere Gegenwart wird die destruktive Kraft der patriarchal geprägten Männer deutlich sichtbar. Dabei sind die Femizide nur ein Teil der Spitze dieses patriarchalen Eisbergs.

Auch die patriarchal geprägten gesellschaftlichen Strukturen zeigen auf vielen Ebenen die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern – das reicht von der Entlohnung bis zur Medizin.

Die zerstörerische patriarchale Kraft zeigt sich in den Beziehungen, den Familien, den Betrieben, der Politik, aber auch im Bereich der Kunst und Kultur.

Bachmann war, soweit ich das sagen kann, eine der Stimmen der aufkommenden zweiten Frauenbewegung. Jedoch ging sie insofern weiter, da sie in ihrer Romantrilogie oder in ihrem Projekt der Todesarten, sie diese Welt mit einer Analyse des Faschismus bzw. Nationalsozialismus verband. Beide können als Ideologie des Krieges und Todes, um es so mal ganz allgemein zu formulieren, bezeichnet werden. Jedoch hat sie diese Verschränkung von Patriarchat und Faschismus in den vielen alltäglichen Handlungen von Männern wie Hans von nebenan, gezeigt und nicht an Hand von den mächtigen Männern. Somit hat sie einen immens wichtigen politischen Ansatz gefunden.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Ich kenne jetzt das Interview nicht zur Gänze. Interessant wäre zu wissen, worin für Bachmann die Krankheit besteht. Für mich würde sie in den unterschiedlichen Formen von Gewalt bestehen; es geht um Machtansprüche, um Dominanz und die Abwertung von Anderen – vor allem von Frauen und die eigenen Privilegien nicht erkennen und falls doch, sie als Selbstverständlich zu erachten. Das ist für mich die Krankheit „der Männer“ unter der andere Leiden müssen. Das Lieben beginnt gegenüber davon, auf der anderen Seite.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

So etwas zu lesen schmerzt. Sich einsam und verdammt zu fühlen, ist für mich ein Ausdruck einer großen existentiellen Krise. Jedoch kann ich und will ich Bachmanns Leben hier nicht weiter beurteilen, dafür kenne ich es zu wenig und das was ich weiß, umfasst hauptsächlich die tragischen Seiten ihres Lebens. Jedoch sollte diese Aussage von Bachmann nicht verallgemeinert werden und ich halte Vorstellungen, wie Künstler:innen leiden oder Kunst als Martyrium, wenig zuträglich. Sie sind eher Ausdruck einer Mystifizierung, als sie etwas über künstlerische Zugänge oder Prozesse aussagen. Für mich stimmt es jedenfalls nicht. Ich schreibe lachend, singend und pfeifend.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich wäre mit ihr gern durch Rom spaziert und hätte mit ihr über die politische Bewegung in Italien der 60er und 70er Jahre gesprochen. Auch in Italien gab es einen Aufbruch und eine unglaublich breite „68er“ Bewegung – von Arbeiter:innen, Jugendliche und Studierende – die von den politischen Kräften kaum gezähmt werden konnten. Ich hoffe sehr, sie hatte damals noch Augen und Ohren dafür. Mich würde es sehr interessieren wie sie diese Zeit wahrgenommen hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Im Moment feiere ich meinen neuen Roman „Selige Unruhe“ und widme mich meinem Lyrikprojekt „Echos of Krach“.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Andreas Pavlic, Schriftsteller

Aktueller Roman von Andreas Pavlic:

Margit, Amela, Gerda und Carla haben vor 30 Jahren voll jugendlicher Tatkraft in Funkberg gegen den Bau eines Kraftwerkes demonstriert. Nun trommelt Gerda die alte Truppe wieder zusammen. Das Funkberger Kloster soll heimlich an Immobilienhaie verhökert und in ein Kongresszentrum umgewandelt werden. Gemeinsam mit der Studentin Bezé und Angelika, der letzten im Kloster lebenden Nonne, wollen sie das bedrohte Kulturgut der Stadt retten. Bei ihren Nachforschungen legen die Frauen eine unglaubliche Geschichte frei, die sie bis zu den Beginen ins 14. Jahrhundert führt. Und damit zu einer der ersten Frauenbewegungen, die weit mehr war als eine religiöse Gemeinschaft.

Andreas Pavlic zeigt in seinem neuen Roman humorvoll und eindrücklich, dass es für zivilen Widerstand immer einen Weg gibt. (Pressetext/Verlag)

Selige Unruhe, Andreas Pavlic. Roman. Edition Atelier.

248 Seiten

Selige Unruhe | Edition Atelier

www.andreaspavlic.com

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze.

Foto: Andreas Pavlic _ Jorghi Poll _ Edition Atelier

Walter Pobaschnig,4.5.2026

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„Ich finde gut, wie es läuft“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Guy Helminger, Schriftsteller _ Köln 11.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _  Guy Helminger, Schriftsteller _ Köln

Bachmannpreisnominierter 2004, 3sat Preis Gewinner

Guy Helminger, Schriftsteller

Lieber Guy, Du hast 2004 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Eine Menge guter Teilnehmer waren dabei, gemeinsam zogen wir abends um die Häuser, das war sehr vergnüglich: Artur Becker, Richard Precht, Wolfgang Herrndorf, Simona Sabato, Sandra Hoffmann, Arno Geiger, Roswitha Haring, Arne Roß, Thomas Raab u.a. Wir haben uns sehr gut verstanden, gute Atmosphäre.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Drei Tage jeder eine halbe Stunde vortragen und dann eine kompetente Jury, die urteilt. Ich kenne kein vergleichbares Unternehmen innerhalb des Literaturbetriebes. Dazu Kontakte knüpfen, Kolleginnen und Kollegen kennenlernen und die Aufregung, ob man einen Preis mitnimmt. Das war schon sehr besonders.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Alles Gesagte fiel unter die Meinungsfreiheit, selbst die ein, zwei Entgleisungen. Ich konnte das öffentliche Gemurre und Gezeter, das eine Kollegin am Schluss vor der Preisvergabe hinlegte, nicht nachvollziehen. Vielleicht war das ein Vorgeschmack auf die Empfindlichkeit heutiger Tage, wo dauernd jemand sich angegriffen fühlt. Wer mit seinen Texten an die Öffentlichkeit geht, muss damit rechnen, dass sie einigen nicht gefallen, andere sie missinterpretieren oder nicht verstehen, aber trotzdem urteilen. Ich fand die Jury fair, wusste aber zugleich, dass sich jede von den Kritikerinnen und jeder von den Kritikern auch darstellt, sich eventuell gegen Kollegen positioniert, um seinen Kandidaten durchzubekommen. So ist das in der Arena. Und das ist einem klar, bevor man dahingeht.

Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?

Sehr positiv. Ich hatte bis dahin Bücher in Luxemburg verlegt, war in Deutschland, Österreich, Schweiz unbekannt. Nach meinem Auftritt hatte ich etliche Angebote von Verlagen und bin zu Suhrkamp gegangen.

Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?

Nicht alles, was ein gewisses Alter hat, muss erneuert werden. Ich habe mir immer wieder Lesungen über die Jahre im Fernsehen angehört und finde gut, wie es läuft. Man muss sich klarmachen, dass es um Literatur geht. Und das soll auch so bleiben. Den Hang, alles zum Event zu degradieren, nervt mich.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Mitgeben kann und will ich nichts. Jeder, der dort hingeht, weiß, was er tut und weiß um die Chance, die ein Auftritt dort mit sich bringen kann.

Wünschen tue ich der Veranstaltung ein sehr, sehr langes Leben!

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Guy HelmingerSchriftsteller

Home | Guy Helminger (wixsite.com)

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Guy Helminger _ privat.

Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 1.6.2026

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„Der Bachmannpreis soll bitte bleiben, wie er ist.“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Stefan Beuse, Schriftsteller _ Hamburg 11.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Stefan Beuse, Bachmannpreisnominierter 1999

Im Interview _ Stefan Beuse, Schriftsteller _ Hamburg

Bachmannpreisnominierter 1999

Preis des Landes Kärnten

Lieber Stefan, Du hast 1999 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Das Idyll, der Frieden, dieses ganz eigene, freundliche, behutsame, feinnervige Umfeld. Maria Loretto, der Kellner dort, der Saibling, der See. Das freundschaftliche Miteinander, der Zauber.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Wo bekommt Literatur bitte noch diesen Raum? 3 Tage lang live im Fernsehen? Leute, die was vorlesen? Kluge Gespräche über Literatur? Das Format wird von Jahr zu Jahr liebenswerter. Außerdem: Die größte Klassenfahrt der deutschsprachigen Literaturszene!

Wie hast Du Deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Das Seltsame war, dass ich in dem Moment, als ich an diesem Podest stand und zu lesen begonnen habe, vollkommen ruhig geworden bin. Ich empfand das Lesen als fast meditativ, die Diskussion als sehr angenehm. Hängen geblieben ist mir ein Satz von Thomas Hettche zu meinem Text: „Ich versteh’s nicht, aber ich find’s sehr gelungen.“

Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?

Neben Ruhm, Bestätigung und Folgeveranstaltungen ist es für Autor:innen, die ja fast immer unter prekären finanziellen Bedingungen leben, ein großes Glück und existenziell wichtig, hin und wieder mit Geld überschüttet zu werden.

Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?

Der Bachmannpreis soll bitte bleiben, wie er ist.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Habt Spaß am Krawall, an der Liebe, feiert dieses fremde und seltsame Leben in euren Texten, euren Reden!

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Stefan Beuse, Schriftsteller

Zur Person: Stefan Beuse arbeitete als Texter, Fotograf und Journalist. Für sein literarisches Werk wurde er u.a. mit dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und dreimal mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet.

Er war Writer in Residence und Gastdozent für deutschsprachige Gegenwartsliteratur an der Cornell University in Ithaca/ New York. Seine Romane »Kometen« und »Meeres Stille« wurden fürs Kino verfilmt und international ausgezeichnet. Stefan Beuse lebt mit seiner Familie in Hamburg. 

Website: Stefan Beuse

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Klagenfurt/Wörthersee

Foto: Stefan Beuse _ Simone Scardovelli.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio/Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 3.6.26

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„Die ungewöhnlich große Öffentlichkeit, die einem geboten wird“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _  Jan Peter Bremer, Schriftsteller _ Berlin 11.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _  Jan Peter Bremer, Schriftsteller _ Berlin

Bachmannpreisnominierter 1993

Bachmannpreisträger 1996

Lieber Jan Peter, Du hast 1993 und 1996 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Das erste, an das ich mich erinnere, ist die Hitze, die an diesen Tagen herrschte und die ungewöhnlich frühe Uhrzeit, zu der ich zu meiner Lesung antreten musste.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Die ungewöhnlich große Öffentlichkeit, die einem geboten wird, das Wertende und Sportliche dieser Veranstaltung,- und dann natürlich, dass man selbst gar nicht abschätzen kann, worauf man sich am Ende mit seinem Text wirklich eingelassen hat.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Bei meiner ersten Lesung 1993 ging es in der Jury ziemlich kontrovers zu, als ich dann 1996 den Bachmann Preis gewann, herrschte weitgehende Einmütigkeit. Aufregend war beides!

Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?

Das kann ich nicht beurteilen. Auf das Schreiben selbst hat er sich wahrscheinlich nicht besonders ausgewirkt, aber wahrscheinlich war mir dadurch eine größere Aufmerksamkeit gewiss.

Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?

Auf jeden Fall sollte er seinen Unterhaltungswert beibehalten.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Sie sollen die Tage genießen und dem Bachmann wünsche ich, dass er auch weiterhin jüngere Menschen anspricht und ihre Neugier auf Literatur weckt oder verstärkt.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Jan Peter Bremer, Schriftsteller

Zur Person: Jan Peter Bremer, 1965 in Berlin geboren, erhielt für einen Auszug aus seinem Roman „Der Fürst spricht“ 1996 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Er nahm Aufenthaltsstipendien im In- und Ausland wahr, unterrichtete am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und veröffentlichte zahlreiche weitere ausgezeichnete Romane, Hörspiele und ein Kinderbuch. Sein Roman „Der amerikanische Investor“ (2011) wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Mörike-Preis und dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Roman „Der junge Doktorand“ (2019), der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Jan Peter Bremer lebt in Berlin.

Bachmannpreis/Publikum/Spannung vor der Preisverleihung/ORF Studio

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Ingeborg Bachmann und Christine Lavant _ Musilmuseum Klagenfurt
Wörthersee/Abendstimmung

Foto: Jan-Peter Bremer _ Andreas Hornoff

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Studio/Musilmuseum/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 8.6.2026

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„Mut“ 50 Jahre Bachmannpreis _ Ingrid Puganigg, Schriftstellerin _ Höchst/AT 11.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Ingrid Puganigg, Bachmannpreisnominierte 1986

Im Interview _ Ingrid Puganigg, Schriftstellerin _ Höchst (Vorarlberg)

Bachmannpreisnominierte 1986

Preis des Landes Kärnten

Liebe Ingrid, Du hast 1980 und 1986 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Wollte damals vor der Lesung mit niemandem reden. Eine Person kam auf
mich zu. Nannte mich vor allen Leuten arrogant.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Aus schwachen Texten lernen.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Lebhaft.

Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?

Schulden bezahlt.

Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?

Kritik. Spontaneität. Komik. Durcheinanderreden.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Mut.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Ingrid Puganigg, Schriftstellerin

Zur Person: Ingrid Puganigg (eigentlich I. Roth-Kapeller), Schriftstellerin, geb. am 21. 1. 1947 in Glaisen (Kärnten). Puganigg absolvierte eine Lehre zur Drogeristin, die sie jedoch abbrach. Sie arbeitete in verschiedenen Berufen, u. a. als Werbetexterin und Foto-Graveurin. Seit 1962 lebt sie in Höchst (Vorarlberg). 1978 gab sie ihr literarisches Debüt mit dem Gedichtband Es ist die Brombeerzeit die dunkle. Ihr 1980 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnetes Prosadebüt Fasnacht (1981), wurde 1985 von Beate Kurt unter dem Titel Martha Dubronski verfilmt, wobei Puganigg auch die Hauptrolle spielte.

Ingrid Puganigg in „Martha Dubronski“

Zu ihrem sprachkritischen Werk, mit dem sie gegen eine „verpsychologisierte Welt“ in der „alles in eine Begrifflichkeit eingesperrt“ sei, Widerstand leisten möchte, zählen die Romane La Habanera (1984), Laila. Eine Zwiesprache (1988) und Hochzeit. Ein Fall (1992). Puganigg erhielt das Staatsstipendium für Literatur (1977), den Bodensee-Literaturpreis (1983) sowie den Preis des Landes Kärnten im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (1986) und wurde mit dem Preis für die beste Darstellerin beim Filmfestival von San Remo (1985) ausgezeichnet.

Österreichische Nationalbibliothek/Literaturarchiv Nachlassverzeichnis – I. Puganigg   3.6.26

Bachmannpreis

Bachmannpreis 1986

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Fotos: Ingrid Pugganig_ privat.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachman

Foto: Bachmannpreis/Woche der Begegnung Klagenfurt _ H.G.Trenkwalder

Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ Klagenfurt/Rathaus _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 3.6.2026

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„Manchmal“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Text & Performance _ Andreas Pavlic/Miriam Fontaine Wien 11.6.2026

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Originalschauplatz/Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _

Walter Pobaschnig 8/21

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz „Malina“ Wien.

MALINA_ Akrostichon

Text _ Andreas Pavlic, Schriftsteller _ Wien.

Performance _  Miriam Fontaine_Schauspielerin, Sängerin _Wien.

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Originalschauplatz/Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _

Walter Pobaschnig 8/21

MALINA

M anchmal

A außerhalb

L eben

I nnerhalb

N eben

A nderen

Andreas Pavlic, 4.5.26

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Originalschauplatz/Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _

Walter Pobaschnig 8/21
Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Originalschauplatz/Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _

Walter Pobaschnig 8/21

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Text & Performance am Originalschauplatz „Malina“ Wien.

MALINA_ Akrostichon

Text _ Andreas Pavlic, Schriftsteller _ Wien.

Performance _  Miriam Fontaine_Schauspielerin, Sängerin _Wien.

Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig

Ingeborg Bachmann Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.

Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.

Andreas Pavlic, Schriftsteller 

Aktueller Roman von Andreas Pavlic:

Margit, Amela, Gerda und Carla haben vor 30 Jahren voll jugendlicher Tatkraft in Funkberg gegen den Bau eines Kraftwerkes demonstriert. Nun trommelt Gerda die alte Truppe wieder zusammen. Das Funkberger Kloster soll heimlich an Immobilienhaie verhökert und in ein Kongresszentrum umgewandelt werden. Gemeinsam mit der Studentin Bezé und Angelika, der letzten im Kloster lebenden Nonne, wollen sie das bedrohte Kulturgut der Stadt retten. Bei ihren Nachforschungen legen die Frauen eine unglaubliche Geschichte frei, die sie bis zu den Beginen ins 14. Jahrhundert führt. Und damit zu einer der ersten Frauenbewegungen, die weit mehr war als eine religiöse Gemeinschaft.

Andreas Pavlic zeigt in seinem neuen Roman humorvoll und eindrücklich, dass es für zivilen Widerstand immer einen Weg gibt. (Pressetext/Verlag)

Selige Unruhe, Andreas Pavlic. Roman. Edition Atelier.

248 Seiten

Selige Unruhe | Edition Atelier

www.andreaspavlic.com

Miriam Fontaine_Schauspielerin, Sängerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.

Foto: Andreas Pavlic _ Jorghi Poll _ Edition Atelier

Fotos: Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien _ acting Malina _ Originalschauplatz/Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _

Walter Pobaschnig 8/21

Walter Pobaschnig,4.5.2026

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„Es ist alles, was die Leute seit der Antike lieben“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Sibylle Severus, Schriftstellerin _ Zürich 11.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Sibylle Severus, Schriftstellerin _ Zürich

Bachmannpreisnominierte 1998

Liebe Sibylle, Du hast 1998 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Ich erzähle über meine Erinnerungen – nach der Frage:
Wie ich die Sache erlebt habe.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Es ist das Wesen des Wettbewerbs. Das grandiose Gewinnen und ein erschütterndes, grausames Verlieren. Es ist alles, was die Leute seit der Antike lieben: die eigene und die geteilte Begeisterung, Schadenfreude, Voyeurismus – den Helden zuzusehen beim Häuten der eigenen Person.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Hatte meine Erfahrungen literarisch verarbeitet.
Der Text erschien 2001, im Passauer Pegasus:

IMMER AN DIESEM SEE VOLLER WÖRTER, DAS KLAGEN                    

Das erste Zeichen war der Traum mit dem Schwein.
Ich hielt das Schwein für einen Glücksbringer, ein Schwein, das glühte wie eine vergessene Herd­platte: Wun­dervoll! Dazu die angenehme Kälte im Flug­zeug, statt der lastenden Sommerhitze draußen.

Die Füße in den leichten Sanda­len sind schon vor dem Start eiskalt. Sie werden in Zeitungen verpackt, damit der Kopf nicht ständig an die Füße denkt.
Ich hatte meinen Sitz A, zweite Reihe – contre coeur – dem Journalisten angeboten. Er sagte übellaunig, er habe be­wusst gewählt, er wolle lesen.
Man liest in Flugzeugen!, presst nicht die Stirn an dreckige Fenster. Ich schon. Auch beim hundertsten Flug noch. Bedauerte, links zu sitzen, das Gebirge ist rechts:von Zürich aus.

Das kleine Schwein war in einem leeren Raum auf einer Platte wie festgeschraubt gestanden. Auf einer Fläche, die sich immer mehr erhitzte, die das Tier durchglühte, bis es ganz durchsichtig geworden war. Es zerfiel jedoch nicht. Ich schrie vor Entsetzen im Traum und erwachte. Mit pochen­dem Herz sagte ich mir, ein Schwein bringe Glück, besonders ein erleuchtetes und so weiter –
Einem realistischen Menschen hätte die Summe der Vorzei­chen genügt. Er hätte sich Masern auf die Haut gemalt und wäre still zurück nach Hause gefahren mit dem Liebchen.
Ich war nicht nur von einem Traum gewarnt wor­den, sondern auch von einem Weisen. Allgemeines Abraten stachelt mich an. So kam ich im Lauf der Zeit zu sieben Geschichten, deren Figuren mir nah wie Töchter waren. Jede hatte einen anderen Vater. Männer, die sich nach dem Aufschreiben einfach verliefen. Die Töchter aber wurden nach ihren Vätern benannt. Ottilia Liebchens Vater war ein Otto.

Angekommen in der Stadt, fahre ich an einem walfischgrossen Drachen vorbei, vor dem Georg eine Holzpatsche schwingt. Es fallen mir Puppen und Plüschtiere ein, die in der Kindheit alle mit ins Bett kamen.  Der Lauf der Welt wollte es, dass eines der Spielzeuge jeweils außen liegen musste: ungeschützt den Geistern und Nachtmah­ren ausge­setzt. Ich sagte stets zur äußersten Puppe, mein Liebchen dürfe morgen ganz innen schlafen, zuallerin­nerst! Die Spielzeuge wurden Nacht für Nacht umge­schichtet, absolut gerecht. Auch für die Reise wählte ich jene Tochter, die zu diesem Zeitpunkt an der Reihe war, eine Chance zu bekommen: Ot­tilia mit dem runden Kopf und Augen, deren unteres Lid nach außen abwärts verläuft. Ottilia sieht aus, als hätte sie einen Schlag auf den Kopf bekom­men, sie erinnert an den abnehmenden Mond. Aber das täuscht. Ottilia Liebchen ist nicht dumm!
An dem Wettbewerb unter dem Motto, Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, nehme ich mit Ottilia teil. Sieben Leute urteilen über die Dar­bie­tungen. Sieben Ka­meras filmen, sie befördern das Spektakel in eine Welt, die Freund wie Feind vor dem Bildschirm vereint.
Ich drehe und wen­de die Ottilia, hebe ihr Röck­chen, lasse sie tänzeln, klappe dreißig Minuten den Mund auf und zu. Dann reden die sieben Leute lange über mein Liebchen. Es entsteht, trotz des Zan­kens und Zausens, eine platte Stille, wie eine bleierne De­cke senkt sie sich herab. Sie ist an seidenen Fäden aufgehängt, die das Ge­wicht aushalten – wenn noch ein gu­tes Wort, ein für Ottilia günstiges, aus den Mün­dern kommen sollte. Nach jedem Satz hoffe ich auf den nächsten, denke: Hut ist weg, Stock ist weg, August, der sitzt im Dreck.
Sehe mich als Kind, das vom Kinderwagen aus, den Bauch eines Pferdes streichelt.
Das Brauereipferd beißt die Mutter in die Schulter.
Noch immer kein günstiger Satz.
Ottilialieb sieht mich in einem Halb­kreises sitzen, inmitten von sieben Rössern, sieht, wie sich Pferde mit Händen in die Mäh­nen greifen, hört sie wiehern; sieht, wie Ober­lippen von Zähnen gezogen werden, beobachte Pferde­ohren, die sich nervös vor- und zurückbewegen. Links wie rechts sehe ich Profile mit je einem braunen Auge, das über mich hin­weg­schaut. Ich weiß, was in den großen Köpfen los ist: Sie mögen mein Liebchen nicht, nein, sie mögen es nicht. Sie verurteilen es, nein, sie ver­urteilen es nicht. Sie den­ken, mein Liebchen sei ein dummes Lieschen. Nein, sie denken nicht ‚dumm’, sie sagen laut – ach, was sagen sie nicht alles … Davon werden sie müde. Köpfe sinken auf stattlichen Hälsen herab, bebende Nüstern erlahmen. Doch ein haarumschäumter Kopf reißt sich noch einmal hoch. Ein gutes Wort? Nein! Er steigert sich, er schnaubt, er beißt… Ich, die schweigt, die jede Ritze dicht macht, die nicht mehr hört, was jemand zu jemand sagt.
An vielen Leuten vor­bei gehe ich aus dem Saal, hinaus in den Park, in dem noch viel mehr Men­schen stehen. Die teilen sich augenblick­lich, kehren mir den Rü­cken, bilden eine Furt.
Ich gehe trocke­nen Fußes hindurch: Unsichtbar, zu Luft geworden, inner­halb einer Stunde.

In der Stadt werden vierzig Grad gemessen oder mehr. Ich klebe am Laken des Ho­telbetts fest. Hitze steigt aus Bo­den, glüht mich weich, verformt mich, nimmt mir die Luft, treibt mich aus dem Zimmer, jagt mich zum See.

Mit dem Liebchen sitze ich am Ufer. Ein Schwan schaukelt herbei, be­trachtet die Denkenden, fließt weg, dunkelgraue Füße im Wasser nach­ziehend. Hinter dem Rü­cken das Aufheulen eines Mo­torrads. Hellgraue Schäumchen schwappen auf und ab.
Schwarze Frau tritt Pedale eines dunkel­blauen Bootes.
Das Brummen einer Propellermaschine, die im Himmel hängt.
Immer an diesem See voller Wörter, das Klagen der I.B.: – da gibt es doch nur lauter Mei­nungen, schneidige Behaup­tungen, Meinungen über Meinungen (-)‘

Ottilialieb folgt Undines Gesang; sie geht tiefer und tiefer ins Wasser, das sich sogleich wieder nahtlos wellt. Das ist etwas ganz gewöhnliches, ja, es ist das Allergewöhnlichste.“  
Mond trödelt am Himmel. Nacht verspricht keine Abkühlung

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?

Ein ‚Weiser‘ sagte damals: „Wenn du verlierst, bis du eine lange Zeit out!“
Ich brauchte Jahre, um bei Verlagen und Redaktionen erneut Chancen zu bekommen. Meiner persönlichen Art , eine Geschichte zu erzählen, blieb ich treu; die Kunst der Formulierung hat sich mit dem Fortschreiben naturgemäß weiterentwickelt.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Ein hohes Niveau der Texte. Ab und zu ein Genie.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den Teilnehmer:innen: eine Ritterrüstung, mit  geschlossenem Visier.
Dem Publikum: Weltenöffnende, nie gehörte Texte.
Der Jury:  Der Versuchung, geistesblitzend zu brillieren, zu widerstehen.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Sibylle Severus, 1937 in Oberbayern geboren, lebt in Zürich. „Nauenfahrt“ ist die Fortsetzung ihrer beiden ersten Romane „Zum Mond laufen“ (1981) und „Seiltanz“ (1984).

Die Ich-Erzählerin in ihrem neuen Roman erfährt von einer Frau, deren Biographie erstaunliche Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte aufweist. Geschichten werden erzählt. Imaginierend versetzt sich die Erzählerin in Luise oder Louise, in ein oszillierendes Ich oder Wir. Der spielerische Umgang mit der Fiktion, die Überlistung des Endlichen, die Relativierung der Schwermut durch Witz, aber auch die Magie eindrücklicher Landschaften und die leidenschaftliche Teilnahme an der Welt machen das Buch zu einem Lese-Erlebnis. Einmal mehr gelingen der Autorin eindringliche Bilder und Benennungen für bodenlose Verlorenheit.

Sibylle Severus, Nauenfahrt. Roman. Studienverlag.

ISBN 978-3-7066-2151-9

144 Seiten, broschiert

19,90 €*

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Lenndkanal_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 9.6.2026

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„Es braucht Neugier und Frustrationstoleranz“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Rolf Schönlau, Schriftsteller _ Schlangen/D 10.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview: Rolf Schönlau, Schriftsteller _ Schlangen/D  

Bachmannpreisnominierter 2004

Lieber Rolf Schönlau, Du hast 2004 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Eine interessante Erfahrung.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Lange Lesedauer, Kritik direkt im Anschluss, hohe mediale Aufmerksamkeit.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Lesung: gute Atmosphäre; Jurydiskussion: nicht immer unvoreingenommen, manchmal zu viel Geltungsbedürfnis der Juroren; Preisverleihung: keine besondere Erinnerung.

Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?

Einige Monate Schreibhemmung, dann neuer Schwung.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Selbstkritik der Jury.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Frustrationstoleranz, Neugier, noch viele Jahre Bestehen.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Rolf Schönlau, Schriftsteller

Zur Person: Rolf Schönlau, geb. 1950, Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler, lebt und arbeitet in Schlangen (NRW) und Rom. Literaturpreis der Stadt Georgsmarienhütte 2000, Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2004, Stipendium im Künstlerdorf Schöppingen 2016, Stipendium im Künstlerhaus Lukas Ahrenshoop 2023, Residency in Hawthornden Castle 2025. Wichtige Veröffentlichungen: Nölting oder Die Erfindungsfolter, Axel Dielmann Verlag: Frankfurt am Main 2008; Das Hibernat, WDR 3 Hörspiel: Köln 2013; Geoästhetik, Online-Katalog der imaginären Ausstellung, http://www.geoaesthetik.de, 2020; Die Erkundung von Selborne durch Reverend Gilbert White, Übersetzung, Die Andere Bibliothek: Berlin 2021; Ich Grabbe – Das Werk am Stück, Berliner Hörspiele: Berlin 2023; John Milton: Paradies verloren – erzählt, übersetzt, kommentiert, Friedenauer Presse: Berlin 2024; Lesebuch – Rolf Schönlau, Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 136, Aisthesis Verlag: Bielefeld 2025.

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

 Humbert Fink _ Autor und Journalist, Bachmannpreisgründer

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Wörthersee/Schloss Loretto _ Empfang der Stadt Klagenfurt

Foto: Rolf Schönlau _ privat

Foto: Humbert Fink _ privat

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Schloss Loretto_Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 10.6.26

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„seine Weltberühmtheit“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _  Kurt Oesterle, Schriftsteller _ Tübingen 10.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Kurt Oesterle, Schriftsteller _ Tübingen

Bachmannpreisnominierter 2007

Lieber Kurt Oesterle, Du hast 2007 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?

Wie viele freundliche, bescheidene und gesprächsbereite Menschen es im Publikum gab – ohne Ansehen des Autors … 

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Seine Weltberühmtheit

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Größtenteils gerecht – sie hat die eigenen Zweifel am vorgetragenen Text bestätigt!

Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?

Ich fürchte, nicht bis kaum, dazu war ich am Ende wohl nicht gut genug plaziert; Dabeisein ist eben doch nicht alles.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Gute Texte!

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Teilnehmer-innen: Furchtlosigkeit

Jury: Scharfsinn

Publikum: Geduld

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Kurt Oesterle, Schriftsteller

Zur Person: Kurt Oesterle, 1955 in Oberrot/Nordwürttemberg geboren, studierte Literatur, Geschichte und Philosophie, Dr. phil., Zeitungsjournalist von 1988 bis 2009 insbesondere für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und beim Schwäbischen Tagblatt, Tübingen.

Von 1996 bis 2010 mehrere Gedichtinterpretationen in Marcel Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“ in der FAZ.

Monographien über die Schriftsteller Wolfgang Koeppen und Peter Weiss (die 1989 zuerst erschienene Doktorarbeit über die „Ästhetik des Widerstands“ kann beim Verfasser bezogen werden). Essays u.a. zu Schiller und Uhland („Ich hatt‘ einen Kameraden“), wofür er 1997 den Theodor-Wolff-Preis erhielt.

1995 erschien von ihm der Band „Nordwand und Todeskurve“, zwei Sportgeschichten, zwei Sportlerporträts aus der deutschen Nachkriegszeit.
Neuauflage 2008: Mordwand und Todeskurve

Der Roman „Der Fernsehgast oder wie ich lernte die Welt zu sehen“ erschien im Jahre 2002. Das Buch wurde noch im selben Jahr mit dem Berthold-Auerbach-Preis ausgezeichnet und von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gewählt.

„Stammheim. Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck“ erschien im Jahre 2003.

Website: Kurt Oesterle | Aktuelle Bücher, Vorträge & Essays

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Wörthersee/Schloss Loretto _ Bachmannpreis-Empfang der Stadt Klagenfurt

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Kurt Oesterle _ Da Maddalena

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt _  Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 9.6.2026

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„eine Bestätigung für das Dialogische der Literatur“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin _ Müllheim/CHE 10.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin _ Müllheim/CHE

Bachmannpreisnominierte 1983

1986 Gewinnerin des Preises der Stadt Wiesbaden (Partnerstadt von Klagenfurt)

Liebe Zsuzsanna, Du hast 1983 und 1986 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?

Teilgenommen hatten damals weitaus mehr Schreibende als heute, so dass sich neben den Lesungen kleinere Gruppen zusammenfanden, um intensiv über Literatur zu reden.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Dass die Diskussionen prominent wahrgenommen werden, dass sie in einigen Medien zeitgleich verfolgt werden können.

Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?

Bei meiner Teilnahme 1983 las ich unmittelbar nach Rainald Götz, der sich die Stirnhaut aufgeschlitzt hatte und vor aller Augen blutete. Das Publikum und ich waren benommen, die eigene Lesung war im Grunde eine geistesabwesende Autofahrt. Den Sommer über träumte ich von braunen Stiefeln.

Drei Jahre später war es schön, dass die Jury für meine Darstellungsweise gestimmt hatte. Mein Text hatte mit „dann, dann, dann“ nichts zu tun, ich hatte ein szenisches Projekt vorgestellt, kurze Zeit später in meiner „Abendgesellschaft“ zu finden.  

Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?

Für mich ist Literatur seit jeher ein Dialog mit der Sprache, mit fiktiven und erlebten Episoden (die ich Erzählinseln nenne), ein Gespräch mit früheren und heutigen Autoren und mit meinen Lesern. Entsprechend anregend fand ich die öffentlichen Dialoge bei der Tagung. Sie bleiben eine Bestätigung für das Dialogische.

Bei meiner Teilnahme gab es weniger Preise als nun in den letzten Jahren, und den damals einmalig vergebenen Preis der Stadt Wiesbaden erhalten zu haben, eine Auszeichnung von Klagenfurts Partnerstadt, gefällt mir bis zum heutigen Tag. Natürlich hätte ich den Hauptgewinn nicht abgelehnt.

Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?

Das ältere Modell, bei dem die Jury auf Texte zu reagieren hatte, die sie nicht kannte, fand ich interessanter, lebendiger. Solche Begegnungen wären auch zukünftig spannend.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Allen wünsche ich das Beste und vor allem gute Gespräche auch jenseits der Lesungen.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin

Zur Person: ZSUZSANNA GAHSE ist eine österreichisch deutsch schweizerische Schriftstellerin, geb. 1946 in Budapest. Nach ihrer Gymnasialzeit in Wien und Kassel lebte sie mehr als ein Vierteljahrhundert in Stuttgart, seit Ende 1998 in Müllheim, TG, Schweiz.

ZSUZSANNA GAHSE – Autorin, Schriftstellerin

Bachmannpreis/ORF Studio Klagenfurt

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

„Ingeborg Bachmann – wie ich Sie in Rom sah“ Ausstellung von Heinz Bachman,
Musilmuseum Klagenfurt 2016
Wörthersee

Fotos _ Portrait: Zsuzsanna Gahse _ 1 Ch.Rütimann; 2 Yves Noir

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Studio/Musilmuseum/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 8.6.26

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