im Interview _ Tim Staffel, Schriftsteller _ Berlin
Bachmannpreisnominierter: 1998 Text: „Hüttenkäse“
Einladender Juror: Robert Schindel
Lieber Tim, Du hast 1998 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Raul Zelik ist mit mir und meinem Gipsarm im Gepäck auf dem Rad zum Wörthersee gefahren, Pfifferlinge, Sonne und Fußballspiele
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Es ist wie ein sportlicher Wettkampf, nur ohne Regeln, man kann seinen Text so präsentieren, wie man in selbst versteht, also dem Text eine hörbare Stimme verleihen.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Die Lesung hatte Sound, Beat, Rhythmus, ich habe es so hinbekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Jury warf mit teils vor, ich wolle sie provozieren und ließ mich wissen, dass sie sich nicht provozieren lasse, das war lustig. Robert Schindel, der mich eingeladen hatte, kämpfte wie ein Löwe, vergeblich
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?
Es schöner Stempel war das: Ich war beim Bachmannpreis, letztlich fühlte ich mich bestätigt und habe trotz der Kritik Selbstvertrauen gewonnen
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Aufregende Texte und Menschen, die sich selbst nicht zu wichtig nehmen
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ich hatte 1998 eine tolle Zeit und sehr viel Spaß – das wünsche ich auch allen für dieses Jahr
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Tim Staffel, Schriftsteller
Zur Person: Tim Staffel hat vier Romane veröffentlicht. Sein Debüt „Terrordrom“ wurde 1998 von Frank Castorf für die Volksbühne dramatisiert. Daneben schrieb Staffel zahlreiche Hörspiele. Er wurde u. a. mit dem Alfred-Döblin-Stipendium und mehrmals mit dem Literatur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet. Sein Roman „Südstern“ stand 2023 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2024 erhielt er das London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
Bachmannpreis _ Publikum/ORF-Studio
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Tim Staffel _ Ken Yamamoto
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis ORF Studio/Wald/Lendkanal _ Walter Pobaschnig
Die in Klagenfurt geborene Schriftstellerin und Büchnerpreisträgerin nimmt in ihren Werken immer wieder auf konkrete Topographien ihrer Kindheit/Jugend Bezug („Jugend in einer österreichischen Stadt“ 1961; „Malina“ 1971) und bearbeitet diese literarisch.
„Alles Wesentliche im Leben einer Schriftstellerin passiert in der Kindheit“ Malina
Anja Knafl und Walter Pobaschnig vor der Schule Ingeborg Bachmanns/Klagenfurt _ 4/26
Auflösung _ „Wo ist Ingeborg?“ am Maturafoto 1944: vorne ganz rechts, unten hockend
im Interview _ Linda Stift,Schriftstellerin _ Wien
Bachmannpreisnominierte 2009 _ Text:„Die Welt der schönen Dinge“
Einladende Jurorin: Karin Fleischanderl
Liebe Linda, Du hast 2009 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Alles war viel unübersichtlicher, als ich es mir vorgestellt hatte. Das Schönste war nach der Lesung und der für mich fatalen Jurydiskussion der Sprung in den Wörthersee.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Es ist eine einmalige Gelegenheit vor sehr großem Publikum zu lesen, Kolleg:innen zu treffen, vielleicht sogar einen Verlag zu finden.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Die Lesung selbst fand ich recht angenehm, umso schlimmer waren dann die Diskussionen. Man hat mir das Recht abgesprochen, über etwas zu schreiben, das ich selbst nicht erlebt habe.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?
Ich war lange Zeit verunsichert und geknickt, es dauerte Jahre, das „Abgewatscht-worden-sein“, wie es medial ausgedrückt wurde, zu verkraften. Ich schrieb monatelang nicht, und als ich wieder anfing, war es aus einem Gefühl des Trotzes heraus.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Gut fände ich, wenn es zwei Juroren-Teams gäbe: eines, das die Texte auswählt, und eines, das dann über die Texte spricht.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Egal, was passiert, man sollte sich nicht alles zu sehr zu Herzen nehmen.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Linda Stift,Schriftstellerin
Zur Person: Linda Stift, geboren 1969 bei Leibnitz/Steiermark, Studium der Germanistik und Philosophie. Autorin und Redakteurin des »Spectrum« der Presse, lebt in Wien. Zahlreiche Preise, unter anderem Alfred-Gesswein-Preis (2007). Teilnahme am Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt (2009). Bücher: Kingpeng (Roman, Deuticke 2005), Stierhunger (Roman, Deuticke 2007), Alle Wege (Anthologie, Sonderzahl 2010), Kein einziger Tag (Roman, Deuticke 2011), Das Meer hat keine Scheibe (Roman, Limbus 2026), Die Handtasche – Eine Kulturgeschichte der Dinge (erscheint am 14. August bei Limbus). https://www.limbusverlag.at/autorinnen/linda-stift/
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt_Rizzibrücke/Lendkanal
Foto: Linda Stift _ Christine Andorfer
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis ORF Studio/Klagenfurt_ Walter Pobaschnig
Im Interview: Wolfgang Hegewald, Schriftsteller _ Hamburg
Bachmannpreisnominierter 1984
Preis der Industriellenvereinigung
Lieber WH, Du hast 1984 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Ich befand mich in einer besonderen Lebenssituation. Ich hatte Ende September 1983 das Weite gesucht und einer kommoden Diktatur namens DDR den Rücken gekehrt. Ich lebte in einer Sozialwohnung in Hamburg, hatte noch kein Buch, kein Ged und auch sonst nichts zu verlieren. Da lud mich Juror Peter Härtling nach Klagenfurt ein; er kante schon Texte von mir. Was für eine Chance für mich, erste Erfahrungen im Konkurrenzuniversum Literaturbetrieb zu sammeln. Aber ich schloss in Klagenfurt auch Freundschaften mit Kolleginnen und Kollegen, jenseits der Rivalität.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Damals war Klagenfurt eine Art Familienausflug des deutschsprachigen Literaturbetriebes. Kontakthof. Gerüchteküche. Prosabörse. Expedition. Kritiker, Lektoren, Agenten, Autoren, Enthusiasten und Verächter des Schaulesens unter sich. Das generische Maskulinum war 1984 noch nicht unter geschlechterpolitischen Verdacht geraten.
Familienbande eben.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich trat als völlig unbeschriebenes Blatt an, schwer und leicht zugleich. Ich erinnere mich, wie mich Marcel Reich-Ranicki während meiner Lesung von der Seite fixierte. Die unausgesprochene Frage, die sich in seiner Mimik ausdrückte, lautete: Ist dieser Typ arrivierbar oder hat er nicht das Zeug dazu.
Später hat MRR meinen Text „Burgenland“ immerhin in der Tiefdruckbeilage der FAZ veröffentlicht.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Im Herbst 1984 erschien mein erstes Prosabuch, und der Erfolg in Klagenfurt hat ihm Aufmerksamkeit eingetragen.
Ich war damals sehr knapp bei Kasse, und mit dem Preisgeld reiste ich sofort nach Venedig. Was für ein Erlebnis, wenn man vor Jahresfrist noch in der DDR eingemauert war.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Dafür fehlt mir die Phantasie. Im Moment verliert die Formel „gute Zukunft“ nicht nur für den Bachmannpreis ihre semantische Plausibilität.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Alles Gute. Alles Gute.
„Frohe Ostern, frohe Western“, mit Wolfgang Neuss gesprochen. Falls sich noch jemand an ihn erinnert.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Wolfgang Hegewald, Schriftsteller
Zur Person:
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Humbert Fink, Bachmannpreisgründer, langjähriger Juror beim Bachmannpreis
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Wolfgang Hegewald _ Roman Pawlowski
Foto: Humbert Fink/privat.
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio_ Klagenfurt/Alter Platz _ Walter Pobaschnig
Im Interview _ Ulrike Haidacher, Schriftstellerin _ Wien
Bachmannpreisnominierte 2024 _ Text: „Schwestern“
Einladender Juror: Klaus Kastberger
Liebe Ulrike, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Eine sehr aufregende und besondere Zeit. Ein bisschen wie Schullandwoche, ein bisschen wie Aufnahmsprüfung, ein bisschen wir Urlaub, stolz dabei zu sein, Freude und gleichzeitig Selbstzweifel. Dazu gekommen ist, dass ich in einem ganz frühen Stadium schwanger war. Ich habe es vor Ort niemandem erzählt, es hab nur ich gewusst, dass ich nicht alleine lese. Kurz nach dem Bachmannpreis ist außerdem mein zweiter Roman „Malibu Orange“ erschienen. Insgesamt also eine sehr besondere Zeit.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Der Bachmannpreis ist etwas Einzigartiges. Dass literarische Lesungen und die Diskussion über Literatur zu einer Show werden, die so viele Menschen mitreißt, ist schon ziemlich cool. Die Persönlichkeiten, die lesen und diskutieren, die vielen unterschiedlichen Texte – der Bachmannpreis zeigt, was in der Literatur alles möglich ist.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich habe es überraschend bewusst und ruhig erlebt. Ich kann mich auch jetzt noch an viele Details ganz klar erinnern. An meinen Weg ins Studio, das Hinsetzen, den Beginn der Lesung, die Lesung selbst und die Diskussion. Ich war in dem Moment dann ganz ruhig. Gleichzeitig war alles sehr surreal.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Weiterhin viele unterschiedliche und spannende Texte, Persönlichkeiten und Mut.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Viel Spaß!
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Ulrike Haidacher, Schriftstellerin
Zur Person:Ulrike Haidacher studierte Germanistik und lebt als Schriftstellerin und Kabarettistin in Wien. Sie schreibt Romane und Bühnenprogramme sowie satirische Kolumnen für das Radio (FM4).
Ihr Debütroman „Die Party“ wurde 2024 am Schauspielhaus Graz uraufgeführt, ihr zweiter Roman „Malibu Orange“ erschien m Juli 2024 im Leykam Verlag.
Bachmannpreis _ ORF Studio Klagenfurt
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
ORF Garten
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
„Drei Wege zum See“ _ Ingeborg Bachmann outdoors _ szenische Wanderung am Weg der Erzählung in Klagenfurt/Kreuzbergl/Wörthersee _ Walter Pobaschnig/Alina Nedwed 2016-2020
„Drei Wege zum See“ _ Christina Wuga/Schauspielerin
Abendstimmung Wörthersee
Fotos: Ulrike Haidacher _ Walter Pobaschnig
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis ORF Studio/“Drei Wege zum See“/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Geboren 1982 in Locarno, lebt in Zürich _ eingeladen von Juror Philipp Tingler.
Seraina Kobler, Schriftstellerin
Liebe Seraina, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung!
Wie hast Du davon erfahren und was war Deine erste Reaktion?
Ich erhielt eine Nachricht von meinem Juror Philipp Tingler, da stand ich gerade unter frisch erblühten Hyazinthen neben einem Wartehäuschen. Ich sah in die gelben Blüten, den Frühlingshimmel und dachte: Wörthersee!
Dein Weg zur Literatur führte über ein Linguistikstudium und die Tätigkeit als Politikjournalistin. 2026 ist Dein vierter Roman „Tal der Schwalben“ im Diogenes Verlag erschienen.
Was waren Stationen auf Deinem Weg zu den Buchveröffentlichungen und schließlich jetzt zur Bachmannpreisnominierung? Was macht für Dich die Faszination des Schreibens aus?
Lesen und Schreiben gehörten für mich schon immer zusammen. Denke ich an meine Kindheit, dann sind da immer die Bücher, Baumhütten und der Geruch des Felles meines Hundes Charly. Ich glaube, der Wunsch, einen Roman zu schreiben und ihn nicht nur zu lesen, hatte mit dieser Zeit zu tun. Mit der unendlichen Leichtigkeit, die einen ausgefüllt, wenn man in einem Text verschwinden kann. Später kam dann aber zuerst einmal der Journalismus, das faktische Schreiben, die Politik. Fragen an die Welt, Ideale, Wut auch.
Vielleicht wollte ich auch deswegen andere Bilder suchen, entwickelte sich der Wunsch, ins Metaphorische zu gehen. Dazwischen, damit und eigentlich immer – waren da auch die Kinder, sind sie Teil meines Schreibens. In dem sie es strukturieren, mich dazu bringen, jeden Tag zu fragen, was wirklich wichtig ist. Diese Fragen haben mich auch in das Tal der frühen Kindheit geführt und somit zu dem Text, den ich nun nach Klagenfurt trage.
Du lebst mit Deiner Familie, fünf Kindern, in Zürich. Wie bringst Du alles unter einen Hut und wo und wie schreibst Du?
Nun, das ist ein bisschen wie beim Jonglieren. Da beginnst du ja auch nicht mit fünf Bällen, zuerst mal einer, dann noch einer … So sind wir in den letzten bald zwanzig Jahren zu einer eingespielten Gruppe zusammengewachsen. Das lustige ist, oft schreibe ich im Alltag mit den Kindern besser, als wenn ich mich in ein Kämmerchen einschliesse und sie dann wiederum vermisse. Die meiste Zeit über schreibe ich sowieso im Kopf, spreche mit den Stimmen, knete die Themen, sammle Fragmente, die ich oft unterwegs einfach kurz und kryptisch in den Notizen festhalte. Sitze ich dann vor einem Word-Dokument, ist da schon eine Fülle an Material, dass ich dann verarbeiten kann, wenn Schule ist oder die Kinder draussen am Spielen sind.
Was man aber auch leider sagen muss: Die letzten fast zehn Jahre dieses Lebens verlangten auch eine unglaubliche Fokussierung auf den Wert des Augenblicks, denn in puncto Absicherung und Altersvorsorge lebe ich sehr prekär. Residenzen kommen mit schulpflichtigen Kinder sowieso nicht in Frage. Oder um Virginia Woolf zu erweitern: Schreibende Mütter und Väter brauchen in der Lebensphase nicht unbedingt Raum zum Schreiben, sondern Geld.
Welche Bedeutung hat der Bachmannpreis heute?
Nun, für mich ist er Mythos und Legende, ein Fenster in den Prozess der Literaturenstehung, Echtzeit-Anlass und natürlich denkt man immer gleich an Sommer und See. Was er tatsächlich für den Literaturbetrieb bedeutet, das müssen andere beurteilen, ich bleibe auf der Ebene des Textes: Da freue ich mich auf Überraschungen.
Wie bereitest Du Dich nun auf Klagenfurt vor und worauf freust Du Dich besonders?
Natürlich gibt es einiges zu organisieren, wenn ich eine Woche weg bin. Meine Jüngste und mein Ältester, sowie meine Schwester und ihr Hund Abrakadabra werden mich begleiten, die anderen bleiben in Zürich.
Als mein Text in die engere Auswahl kam, da hat meine Lektorin spontan gesagt, wenn das klappt, dann komme ich auch mit. Und wir springen zusammen nach der Lesung in den See, antwortete ich ihr. Auf diesen Platsch freue ich mich ganz besonders.
Herzlichen Dank für das Interview, viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
„Inge“ _ Hauptpreis _ Bachmannpreis
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Anspannung vor der Lesung im ORF Studio Mittagspause im schattigen ORF-Garten
Abendstimmung Wörthersee
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Seraina Kobler _ Franco Tettamanti
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio/Garten _ Walter Pobaschnig
Lieber Jan, Du hast 1998 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Ich war ein wenig überfordert. Mein Text stammte aus meinem Erstlingsroman und die Lesung war meine allererste Lesung überhaupt. Dann gleich in dieser Kulisse! – Schön war die Verbundenheit unter den 16 Schreibenden. Wir bildeten eine schöne Einheit, an der sich der Literaturbetrieb wie eine riesige Zecke festbiss. Das fühlte sich wiederum beklemmend an.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Aufmerksamkeit, die er erzeugt, ist wertvoll für Autoren, Verlage und den Literaturbetrieb.
Zur Live-Übertragung: Mir fiel damals auf, dass während der Lesungen eine gewisse telegene Verlegenheit herrschte. Die Kamera schweifte ziellos umher, vom Ohr einer Zuschauerin zum wippenden Fuss eines Jurymitglieds, dann zum Schweisstropfen auf der Stirn des Lesenden usw. Erst nachdem die Lesung überstanden war, fand das Medium Fernsehen auf sein Gleis.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Ich war am letzten Tag an der Reihe und hörte am Vorabend zu meiner Verwunderung eine Jurorin beim Abendessen lauthals und selig verkünden, sie habe ihre Wahl bereits getroffen. –
Ich kann mich erinnern, dass während der Diskussion ein Juror sagte, mein Text müsste nochmals lektoriert werden. Mein Lektor sass mit im Publikum. Wir beide hatten sehr sorgfältig, Satz für Satz, an dem Text gearbeitet und wollten jedes Wort genauso haben, wie es da stand.
Da ich mir vorgenommen hatte, mich nicht an der Debatte um meinen Text zu beteiligen, blieb ich still. Im Nachhinein tat mir mein Schweigen leid, mehr leid noch als die Blasiertheit des Jurors. Ich hätte meinen Lektor verteidigen sollen.
Es tat mir auch leid, dass die Jürgen Ponto-Stiftung ihren Preisträger für den besten Erstlingsroman des Jahres 1998 erst in der Woche nach dem Wettlesen bekannt gab. Ich war der Preisträger und vermutete, dass die Jury im Wissen darum meinen Text respektvoller aufgenommen hätte.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?
Die Teilnahme beeinflusste weder meinen Schreibstil noch meinen weiteren literarischen Weg. Um eine Resonanz zu erzeugen, reicht, so glaube ich, eine Teilnahme alleine nicht aus.– Da braucht es schon die Preisträgerschaft. Vielleicht kann die Teilnahme AutorInnen helfen, die noch auf Verlagssuche sind.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Ich habe den Bachmannpreis nach 1998 nicht weiter verfolgt und kann daher nichts dazu sagen.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Alles Gute. (Und möglichst wenige blasierte Jurierende.)
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Jan Lurvink, Schriftsteller, Organist, Trauerredner
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt _ Alter Platz Wörthersse _ Strandbad Klagenfurt _ Abendstimmung
Foto: Jan Lurvink _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis ORF Studio/Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
im Interview _ Andreas Pavlic, Schriftsteller _ Wien.
Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es gibt bei mir keine systematischen Zugänge, sondern es handelt sich um Leseerfahrungen, die ich über die Jahre gemacht habe. Meine Entdeckung von Ingeborg Bachmann liegt viele Jahre zurück. Ich arbeitete damals noch in einer Spedition und besuchte die Abendschule. Es war die Zeit in der ich die Literatur für mich entdeckte, vor allem die Lyrik und ebenfalls Gedichte schrieb – für die Schublade. Mein erster Zugang verlief also über ihre Gedichte und gleichzeitig blieb mir dieser etwas verwehrt (zumindest bei einigen). Auch wenn mir damals bereits klar war, dass Bachmanns Gedichte sehr fein gearbeitet sind.
Ich las dann andere Text von ihr. Stärker angesprochen hatte mich der Text das dreißigste Jahr. Ich war zwar noch nicht dreißig, hatte aber das Gefühl, dass sich nun Dinge entscheiden, ich Dinge entscheiden musste, um nicht zurück zu fallen. Ich wollte weiter und da passte dieser Text gut in meine Lebenssituation.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das ist für mich schwer zu sagen. Am ehesten ist es die Vielfältigkeit ihres Schreibens, sie hat ja Gedichte, Essays, Hörspiele, Reden, Erzählungen, Roman(e) und Libretti geschrieben. Das, was ich von ihr kenne, klingt, als hätte sie ihren eigenen Tonfall gefunden.
Natürlich ist es auch die poetische Kraft ihrer Essays und die Klarheit ihrer Erzählungen. Auch wenn Malina, den Roman las ich wiederum ein paar Jahre später, mir unheimlich war.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nein, aber was mir damals noch sehr gefiel war der „Gute Gott von Manhattan“. Gibt es eine Liebe, die nicht durch eine Bombe zerstört werden kann? Die über die, nennen wir sie, romantische Zweierbeziehung hinaus reicht?
Es gibt eine Stelle die ich mir damals unterstrich. Der ‚Gute Gott‘ erwähnt in dieser Textstelle das Lachen der beiden Liebenden. Ein unbeschreibliches Lächeln ohne Grund und er empört sich darüber, dass die beiden Liebenden in der Öffentlichkeit lachten und noch dazu, diese ausschlossen. Da frische Liebesbeziehungen für andere etwas Unverständliches haben, da die Liebenden es selbst oft noch nicht richtig verstehen.
Jedenfalls sagt der Gute Gott: „Dieses Lächeln steht da wie ein Fragezeichen, aber ein sehr rücksichtsloses.“ Ich glaube das trifft es sehr gut. Jede romantische Liebe hat etwas Rücksichtsloses und hat etwas Unaussprechliches. Trotz alledem – ich würde mich dennoch für die Liebe aussprechen und gegen den ‚Guten Gott‘.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich denke mir, in unsere Gegenwart wird die destruktive Kraft der patriarchal geprägten Männer deutlich sichtbar. Dabei sind die Femizide nur ein Teil der Spitze dieses patriarchalen Eisbergs.
Auch die patriarchal geprägten gesellschaftlichen Strukturen zeigen auf vielen Ebenen die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern – das reicht von der Entlohnung bis zur Medizin.
Die zerstörerische patriarchale Kraft zeigt sich in den Beziehungen, den Familien, den Betrieben, der Politik, aber auch im Bereich der Kunst und Kultur.
Bachmann war, soweit ich das sagen kann, eine der Stimmen der aufkommenden zweiten Frauenbewegung. Jedoch ging sie insofern weiter, da sie in ihrer Romantrilogie oder in ihrem Projekt der Todesarten, sie diese Welt mit einer Analyse des Faschismus bzw. Nationalsozialismus verband. Beide können als Ideologie des Krieges und Todes, um es so mal ganz allgemein zu formulieren, bezeichnet werden. Jedoch hat sie diese Verschränkung von Patriarchat und Faschismus in den vielen alltäglichen Handlungen von Männern wie Hans von nebenan, gezeigt und nicht an Hand von den mächtigen Männern. Somit hat sie einen immens wichtigen politischen Ansatz gefunden.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich kenne jetzt das Interview nicht zur Gänze. Interessant wäre zu wissen, worin für Bachmann die Krankheit besteht. Für mich würde sie in den unterschiedlichen Formen von Gewalt bestehen; es geht um Machtansprüche, um Dominanz und die Abwertung von Anderen – vor allem von Frauen und die eigenen Privilegien nicht erkennen und falls doch, sie als Selbstverständlich zu erachten. Das ist für mich die Krankheit „der Männer“ unter der andere Leiden müssen. Das Lieben beginnt gegenüber davon, auf der anderen Seite.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
So etwas zu lesen schmerzt. Sich einsam und verdammt zu fühlen, ist für mich ein Ausdruck einer großen existentiellen Krise. Jedoch kann ich und will ich Bachmanns Leben hier nicht weiter beurteilen, dafür kenne ich es zu wenig und das was ich weiß, umfasst hauptsächlich die tragischen Seiten ihres Lebens. Jedoch sollte diese Aussage von Bachmann nicht verallgemeinert werden und ich halte Vorstellungen, wie Künstler:innen leiden oder Kunst als Martyrium, wenig zuträglich. Sie sind eher Ausdruck einer Mystifizierung, als sie etwas über künstlerische Zugänge oder Prozesse aussagen. Für mich stimmt es jedenfalls nicht. Ich schreibe lachend, singend und pfeifend.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich wäre mit ihr gern durch Rom spaziert und hätte mit ihr über die politische Bewegung in Italien der 60er und 70er Jahre gesprochen. Auch in Italien gab es einen Aufbruch und eine unglaublich breite „68er“ Bewegung – von Arbeiter:innen, Jugendliche und Studierende – die von den politischen Kräften kaum gezähmt werden konnten. Ich hoffe sehr, sie hatte damals noch Augen und Ohren dafür. Mich würde es sehr interessieren wie sie diese Zeit wahrgenommen hat.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im Moment feiere ich meinen neuen Roman „Selige Unruhe“ und widme mich meinem Lyrikprojekt „Echos of Krach“.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Andreas Pavlic, Schriftsteller
Aktueller Roman von Andreas Pavlic:
Margit, Amela, Gerda und Carla haben vor 30 Jahren voll jugendlicher Tatkraft in Funkberg gegen den Bau eines Kraftwerkes demonstriert. Nun trommelt Gerda die alte Truppe wieder zusammen. Das Funkberger Kloster soll heimlich an Immobilienhaie verhökert und in ein Kongresszentrum umgewandelt werden. Gemeinsam mit der Studentin Bezé und Angelika, der letzten im Kloster lebenden Nonne, wollen sie das bedrohte Kulturgut der Stadt retten. Bei ihren Nachforschungen legen die Frauen eine unglaubliche Geschichte frei, die sie bis zu den Beginen ins 14. Jahrhundert führt. Und damit zu einer der ersten Frauenbewegungen, die weit mehr war als eine religiöse Gemeinschaft.
Andreas Pavlic zeigt in seinem neuen Roman humorvoll und eindrücklich, dass es für zivilen Widerstand immer einen Weg gibt. (Pressetext/Verlag)
Selige Unruhe, Andreas Pavlic. Roman. Edition Atelier.
Lieber Guy, Du hast 2004 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Eine Menge guter Teilnehmer waren dabei, gemeinsam zogen wir abends um die Häuser, das war sehr vergnüglich: Artur Becker, Richard Precht, Wolfgang Herrndorf, Simona Sabato, Sandra Hoffmann, Arno Geiger, Roswitha Haring, Arne Roß, Thomas Raab u.a. Wir haben uns sehr gut verstanden, gute Atmosphäre.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Drei Tage jeder eine halbe Stunde vortragen und dann eine kompetente Jury, die urteilt. Ich kenne kein vergleichbares Unternehmen innerhalb des Literaturbetriebes. Dazu Kontakte knüpfen, Kolleginnen und Kollegen kennenlernen und die Aufregung, ob man einen Preis mitnimmt. Das war schon sehr besonders.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Alles Gesagte fiel unter die Meinungsfreiheit, selbst die ein, zwei Entgleisungen. Ich konnte das öffentliche Gemurre und Gezeter, das eine Kollegin am Schluss vor der Preisvergabe hinlegte, nicht nachvollziehen. Vielleicht war das ein Vorgeschmack auf die Empfindlichkeit heutiger Tage, wo dauernd jemand sich angegriffen fühlt. Wer mit seinen Texten an die Öffentlichkeit geht, muss damit rechnen, dass sie einigen nicht gefallen, andere sie missinterpretieren oder nicht verstehen, aber trotzdem urteilen. Ich fand die Jury fair, wusste aber zugleich, dass sich jede von den Kritikerinnen und jeder von den Kritikern auch darstellt, sich eventuell gegen Kollegen positioniert, um seinen Kandidaten durchzubekommen. So ist das in der Arena. Und das ist einem klar, bevor man dahingeht.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Sehr positiv. Ich hatte bis dahin Bücher in Luxemburg verlegt, war in Deutschland, Österreich, Schweiz unbekannt. Nach meinem Auftritt hatte ich etliche Angebote von Verlagen und bin zu Suhrkamp gegangen.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Nicht alles, was ein gewisses Alter hat, muss erneuert werden. Ich habe mir immer wieder Lesungen über die Jahre im Fernsehen angehört und finde gut, wie es läuft. Man muss sich klarmachen, dass es um Literatur geht. Und das soll auch so bleiben. Den Hang, alles zum Event zu degradieren, nervt mich.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Mitgeben kann und will ich nichts. Jeder, der dort hingeht, weiß, was er tut und weiß um die Chance, die ein Auftritt dort mit sich bringen kann.
Wünschen tue ich der Veranstaltung ein sehr, sehr langes Leben!
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Guy Helminger _ privat.
Fotos: Bachmannpreis/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Im Interview _ Stefan Beuse, Schriftsteller _ Hamburg
Bachmannpreisnominierter 1999
Preis des Landes Kärnten
Lieber Stefan, Du hast 1999 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Das Idyll, der Frieden, dieses ganz eigene, freundliche, behutsame, feinnervige Umfeld. Maria Loretto, der Kellner dort, der Saibling, der See. Das freundschaftliche Miteinander, der Zauber.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Wo bekommt Literatur bitte noch diesen Raum? 3 Tage lang live im Fernsehen? Leute, die was vorlesen? Kluge Gespräche über Literatur? Das Format wird von Jahr zu Jahr liebenswerter. Außerdem: Die größte Klassenfahrt der deutschsprachigen Literaturszene!
Wie hast Du Deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Das Seltsame war, dass ich in dem Moment, als ich an diesem Podest stand und zu lesen begonnen habe, vollkommen ruhig geworden bin. Ich empfand das Lesen als fast meditativ, die Diskussion als sehr angenehm. Hängen geblieben ist mir ein Satz von Thomas Hettche zu meinem Text: „Ich versteh’s nicht, aber ich find’s sehr gelungen.“
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Neben Ruhm, Bestätigung und Folgeveranstaltungen ist es für Autor:innen, die ja fast immer unter prekären finanziellen Bedingungen leben, ein großes Glück und existenziell wichtig, hin und wieder mit Geld überschüttet zu werden.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Der Bachmannpreis soll bitte bleiben, wie er ist.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Habt Spaß am Krawall, an der Liebe, feiert dieses fremde und seltsame Leben in euren Texten, euren Reden!
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Stefan Beuse, Schriftsteller
Zur Person: Stefan Beuse arbeitete als Texter, Fotograf und Journalist. Für sein literarisches Werk wurde er u.a. mit dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und dreimal mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet.
Er war Writer in Residence und Gastdozent für deutschsprachige Gegenwartsliteratur an der Cornell University in Ithaca/ New York. Seine Romane »Kometen« und »Meeres Stille« wurden fürs Kino verfilmt und international ausgezeichnet. Stefan Beuse lebt mit seiner Familie in Hamburg.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Klagenfurt/Wörthersee
Foto: Stefan Beuse _ Simone Scardovelli.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio/Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig