
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Andreas Pittler, Schriftsteller _ Ferlach/Kärnten
Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich muss zugeben, dass meine Antwort noch vor kurzem gänzlich anders gelautet hätte. Erst durch „Literaturoutdoors“ habe ich nämlich erfahren, dass ich vier Jahre lang in jenem Haus in der Severingasse wohnte, in dem auch Ingeborg Bachmann ihre Bleibe in Wien gefunden hatte. Und ich bin ehrlich schockiert, dass es dort für sie nicht mindestens eine Gedenktafel gibt. Jedenfalls hat mich dieser Umstand dazu veranlasst, Bachmann in diesem Lichte neu zu lesen. Ich weiß noch sehr gut, wie überwältigt ich war, als ich Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts erstmals „Malina“ las. Ein Werk, das so vielschichtig ist, dass man bei jeder neuen Lektüre einen weiteren Aspekt entdecken kann, der einem zuvor entgangen ist.

Die Büchnerpreisträgerin kam hier im Herbst 1946 bei Verwandten an und zog dann nach wenigen Wochen in die Beatrixgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, dem Sie mit dem „Ungargassenland“ ein literarisches Denkmal im Roman „Malina“ setzte.
Walter Pobaschnig, 5/26, folgende




Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Auch wenn Bachmann fast vier Jahrzehnte vor mir zur Welt kam, fühle ich mich ihren Grundgedanken sehr verbunden, was meiner eigenen Familiengeschichte geschuldet ist. Gerade der Themenkomplex „Nationalsozialismus“ mit all seinen Vorläufern hat mich (und damit auch mein eigenes Werk) sehr stark geprägt, da ich noch in einer Zeit aufwuchs, wo die damit verbundenen Fragen weitgehend tabuisiert waren und nach Möglichkeit totgeschwiegen wurden. Bachmann erweist sich in ihren Werken als eine Pionierin, wobei nicht vergessen werden sollte, dass die österreichische Literatur mit Hans Lebert, Albert Drach, Elfriede Jelinek, Peter Handke, Milo Dor, Reinhard Federmann und Paul Celan, um nur einige wenige zu nennen, eine Vielzahl an hervorragenden Werken geschaffen hat, die wir gerade angesichts der aktuellen politischen Situation mehr denn je zu Raten ziehen und propagieren sollten.
Dabei freilich möchte ich hervorheben, dass Bachmann eben nicht bei der sozio-politischen Analyse stehenbleibt, sondern auch die unmittelbaren Auswirkungen auf den Einzelnen in den Blick nimmt. Menschenverachtende Theorien wirken eben sehr lange nach, auch wenn sie schon längst überwunden scheinen. Bachmann erkennt diese „Krebszellen“ in uns, die, auch wenn sie vermeintlich keine akute Bedrohung (mehr) darstellen, dennoch beständig in uns schlummern. Der/die SchriftstellerIn ist somit der Arzt am Krankenbett unserer Gesellschaft, dessen/deren Werke die unumgänglichen Kontrolluntersuchungen sind, um einen neuerlichen Ausbruch der verderblichen Krankheit hintanzuhalten. Und in diesem Punkt erwies sich Bachmann als Primaria.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Neben „Malina“ hat mich persönlich „Die gestundete Zeit“ sehr beeindruckt, die wir noch in der Schule mit unserem sehr engagierten Deutschlehrer lasen. „Der Fall Franza“ wiederum eröffnete mir während meiner Studienzeit eine völlig neue Perspektive, da ich darin Themata angesprochen sah, die mich zuvor unbewusst beschäftigt hatten, ohne sie für mich noch artikulieren zu können. Für Bachmann ist die Angst die größte Bedrohung unseres Seins, sie zeigt aber auch, wie die Angst zu überwinden ist, oder, um eine andere ganz Große der deutschsprachigen Literatur, Christa Wolf, zu paraphrasieren: die Angst zeichnet uns, aber deswegen vermögen wir dennoch, selbst zu zeichnen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich bin mir nicht sicher, ob es sich für einen „alten weißen Mann“ ziemt, sich zu dieser Frage zu äußern. Erschütternd finde ich jedenfalls, dass die von Bachmann thematisierten Aspekte auch nach mehr als einem halben Jahrhundert erschreckend aktuell sind. Persönlich denke ich, dass an dieser Stelle jede Antwort, und sei sie noch so ausführlich, kaum mehr als kursorisch ausfallen kann. Denn jeder Satz, den man hier schreibt, differenziert höchstens die Fragestellung und löst nachgerade automatisch weitere Fragen aus, die wiederum weitere Fragen ergeben – da capo al fine.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Man gestatte mir, diese Frage auszulassen. Denn wie auch die obige kann sie unmöglich verbindlich beantwortet werden. Wir lieben in jeder Phase unseres Lebens anders. Hoffnung, Wille, Vorstellung, Erfahrung(en), sie alle prägen uns an einem jeweiligen Punkt und legen einen neuen Pfad an, den wir nur mit Glück bewusst weitergehen, während wir zumeist fremdbestimmt weitertorkeln, ohne uns darüber im Klaren zu sein, was uns dazu veranlasst, was uns antreibt und warum wir tun, was wir schließlich tun. Und was die „Krankheit“ angeht, so möchte ich Bachmann – als Mann, wie ich zugebe – gerne korrigieren. Es ist unsere Gesellschaft, die unheilbar krank ist – und wir alle, Männer wie Frauen, sind es in ihr. Es kommt daher darauf an, die Gesellschaft zu ändern, wenn wir unsere eigene Krankheit überwinden und gesunden wollen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Als Autor von mittlerweile 30 Romanen würde ich sagen, es kommt immer auf die Thematik an, die man beschreiben will. Und in diesem Lichte kann die Darstellung des rumänischen Holocausts, ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das hierzulande kaum bekannt ist, mehr Martyrium darstellen als eine autobiographische Schrift. Persönlich habe ich übrigens die Erfahrung gemacht, dass man allgemein gültige Literatur nur sehr selten für sich allein und aus sich heraus schaffen kann. In jedem Schreibprozess stehen einem eine Vielzahl an Menschen bei, von deren Erfahrungen die Schreibenden profitieren. Und wirklich allein ist man beim Schreiben nie. All die AutorInnen, die vor einem waren, aus deren Werken wir Kraft schöpfen und lernen, sie begleiten uns bei jeder Zeile, die wir selbst zu Papier bringen.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich teile mit Bachmann nicht nur die Severingasse, wohne ich doch seit mittlerweile fünf Jahren in Ferlach, einen Steinwurf weit von der slowenischen Grenze (und auch nicht weit von Italien) entfernt. Die Reisen in diese beiden Staaten verschaffen mir immer wieder neue Erkenntnisse, die ich in meine eigenen Werke einfließen lasse. Bachmanns Werk hat sehr viel mit Grenzüberschreitungen zu tun, denn nur, wer über Grenzen geht, dringt zum Wesentlichen vor.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie oben bereits erwähnt, wohnte ich im selben Haus wie sie. Mir gefällt die Idee, sie zu mir in meine Wohnung (ich wohnte im 4. Stock) zu einem Frühstück hinaufzubitten. Und wie befruchtend wäre es gewesen, die Abende in diesem Haus gemeinsam zu verbringen.


folgende/Wohnung/Andreas Pittler



Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im Herbst wird der Roman „Grenzwertig“ bei Kremayr & Scheriau erscheinen. Dabei handelt es sich um eine weitere Geschichte rund um meinen Polizisten Paul Zedlnitzky, die diesmal im Jahr 1990 angesiedelt ist. Denn so, wie ich mit David Bronstein die österreichische Geschichte zwischen 1913 und 1955 aufzuarbeiten versucht habe, will ich mit Zedlnitzky die jüngere Vergangenheit obduzieren. Und ich würde gerne sagen, dass ich mit dieser Art des Schreibens eigentlich auf den Spuren meiner Hausnachbarin wandle.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Es ist ein Klassiker: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Für mich ist dieser Satz die Richtschnur all meines Schreibens. Er begleitet mich seit den 70ern und wird es (hoffentlich) auch weiterhin tun. Denn Literatur ist nur dann dauerhaft, wenn sie wahr ist.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zu Person/Werk: https://www.andreaspittler.at/
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Foto: Andreas Pittler _ privat
Fotos: Severingasse/Wien _ erster Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien/1946 _ Walter Pobaschnig 5/26
Walter Pobaschnig, 25.5.26














































































































