
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Marco Grosse, Schriftsteller, Übersetzer _ Bonn
Lieber Marco, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Für mich ist Ingeborg Bachmann in zweifacher Hinsicht interessant. Aus der Perspektive des Schriftstellers und Übersetzers und auch durch meinen persönlichen Ägyptenbezug.
In ihrem unvollendeten Romanfragment „Der Fall Franza“ geht es um die psychische und physische Zerstörung der Protagonistin Franza durch ihren Ehemann, den Psychiater Jordan und die darauffolgenden Reise nach Ägypten als Suche nach Heilung.
Alda Merini, die berühmte italienische Lyrikerin, die ich ins Deutsche übersetzt habe, wurde durch ihren Ehemann Carniti in die Nervenheilanstalt eingewiesen. Zwar litt Merini tatsächlich an einer bipolaren Störung, doch die Einweisung in ein „Irrenhaus“ war in der patriarchalen Gesellschaft damals ein gängiges und rechtmäßiges Instrument, um unangepasste oder intellektuell aus dem Rahmen fallende Ehefrauen unkompliziert loszuwerden. Ingeborg Bachmann denunziert in ihren Werken die Unterdrückung der Frau. Sie analysiert radikal das Verhältnis zwischen Ehemann und Frau und glaubte, dass der Faschismus nach Kriegsende nicht verschwunden war, sondern lediglich im Privaten der Beziehungen zwischen Mann und Frau weiterlebte. Hier treffen sich Merini und Bachmann durch die Problematik der Stellung der Frau in Gesellschaft und Familie.
Des Weiteren hatte für mich Ägypten in meiner Kindheit eine befreiende Wirkung, die mir sehr bei der Persönlichkeitsfindung geholfen hat. In Europa fühlte ich mich eingeengt. Die Weite der Wüste hingegen, die Lebensfreude der Menschen mit ihrem alltäglichen Humor, waren der Nährboden, der zur Selbstfindung half. Man könnte also sagen, dass das Land etwas Heilendes besaß. Ägypten war somit ein weiterer gemeinsamer Bezugspunkt.
Es gibt aber für mich noch einen weiteren Zugang.
Ingeborg Bachmann hielt an der Deutschen Schule Kairo, an der ich sieben Jahre zur Schule ging, eine Lesung. Dies war zwar lange vor meiner Zeit, doch ihre Anwesenheit wirkte noch nach. Die Fotos von ihr in Ägypten machten in der Schule immer wieder die Runde und auch ihr Name war bekannt und wurde oft genannt. Doch ihrem Werk näherte ich mich durch Max Frisch. Dies war schon später, als wir im Deutschunterricht Homo Faber lasen, aber auch durch Friedrich Dürrenmatt, der bekanntlich durch eine schwierige Freundschaft mit Max Frisch verbunden war und ebenfalls die Deutsche Schule Kairo 1985 besucht hatte. Auf ihre Weise sind diese Autoren miteinander verbunden und führen zueinander, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Hinsichtlich Bachmanns Lyrik habe ich mich von ihrer existentialistischen Sinnsuche angesprochen gefühlt. Vielleicht hängt sie eng mit der damaligen Zeit zusammen. Generell aber, ohne auf ein spezifisches Werk einzugehen, gefällt mir besonders ihr Ringen um Sprache, die fast juristische Suche nach Begriffsgenauigkeit, um der Wahrheit durch ihre Bedeutungen so nah wie möglich zu kommen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Besonders hervorheben möchte ich „Der Fall Franza“, das ich bereits erwähnte. Im Romanfragment geht Ingeborg Bachmann auf die Atmosphäre der Komplizenschaft zum Deutschland der dreißiger Jahre ein, die sie bei der auslandsdeutschen Gemeinschaft in Kairo erlebt hat. Sie bringt zum Ausdruck, wie bei diesen Menschen und in ihrem Alltag der Faschismus weiterlebte. Ich persönlich kann nicht von ähnlichen Beobachtungen aus den achtziger Jahren berichten. Natürlich gab es viele Auslandsdeutsche, die unterschiedliche politische Einstellungen besaßen. Doch größtenteils, insbesondere hinsichtlich der Deutschen Schule Kairo, waren die Lehrkräfte weltoffen. An der Schule gab es zahlreiche Lehrer, die jünger und von den Achtundsechziger-Jahren geprägt waren. Sie besaßen fast alle Campingbusse und führten ein hippieähnliches Leben. „Sag mir, wo die Blumen sind“ war das Lieblingslied meines Klassenlehrers. Die Lehrer, die verspannt und verkrampft nach Kairo kamen, lernten sehr schnell, eine entspannte und lebensfrohe Gleichgültigkeit gegenüber dem Alltagschaos als Lebenseinstellung einzunehmen, und ließen sich auf Land und Leute ein. Das war anders als in den sechziger Jahren, als Ingeborg Bachmann die Schule besucht hatte. Dies wiederum macht das Buch für mich persönlich so interessant.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Christa Wolf hat in einer Lesung – ich glaube, es war auch an der Deutschen Schule Kairo (oder war es schon in Mailand?) – auf die Frage, ob sie glaube, dass so etwas wie in den dreißiger Jahren in Deutschland erneut passieren könne, mit der Befürchtung geantwortet, dies könne ihrer Meinung nach jederzeit wieder geschehen. Ich würde diese Frage auch an Ingeborg Bachmann stellen wollen, doch mit der Ergänzung, auf welche Art und Weise sie glaube, dass sich eine Wiederholung manifestieren könnte.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe immer viele Projekte, die gleichzeitig ihren Abschluss suchen. Manchmal liegen sie allerdings mehrere Jahre unfertig in einer Schublade, schlummern in meinem Hinterkopf, bis ich sie zu einem anderen, vielleicht passenderen Zeitpunkt zu Ende bringe. Ich vergesse sie nicht, es ist einfach eine Zeitfrage, oft ändern sich auch nur die Prioritäten. Ich muss einen Text, an dem ich arbeite, auch fühlen können. Fast immer versuche ich jedoch, einen Abschluss zu finden.
Konkret spreche ich aber nicht gern über ein Projekt, das noch nicht abgeschlossen ist. Da bin ich etwas abergläubisch.
Was ich aber verraten kann, ist, dass mein nächstes Buch ein kleines Buch auf Italienisch und Englisch sein wird. Es wird von einer bekannten italienischen Illustratorin illustriert und wird sehr bald in Druck gehen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ägypten ist eine Landschaft, für die die Augen gemacht sind.“
Doch da dieses Bachmann Zitat auch auf Adolf Opels Buch, seine Reiseerinnerungen mit Ingeborg Bachmann, steht, möchte ich noch ein weiteres anfügen, das auch gut in unsere Zeit passt. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich/Website: Intermittenze(n) 15.9.2026
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Marco Grosse _ privat
Walter Pobaschnig, 15.9.2026






















































































































