Im Interview _ Daniel Goetsch, Schriftsteller, CH/F
Bachmannpreisnominierter 2017
Lieber Daniel, Du hast 2017 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Der Lindwurm, die gemütlichen Innenhöfe in der Altstadt, ein Gerücht namens Haider, viel Papier, viel Text, viel Ehrgeiz.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die schmerzhafte Verbindung von etwas Intimem (Literatur) mit etwas Extravertiertem (Fernsehen).
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Zwiespältig. Mir hat eine deutsche Kritikerin erklärt, dass man so nicht über deutsche Kriegsverbrechen schreiben dürfe. Mein Großvater, der in deutscher Kriegsgefangschaft war, fand dies ein bisschen schnöde. Am Ende wurde daraus der Roman „Fünfers Schatten“ (Klett-Cotta, Stuttgart 2018).
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Vielleicht sollte die Jury die ausgewählten Texte nicht kennen. Vielleicht sollten Auswahl der Texte und anschließende Wertung bzw. Besprechung von zwei unterschiedlichen Gremien vorgenommen werden. Damit wären die Juroren und Jurorinnen im kalten Wasser wie die Vorlesenden.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Dass die notorischen Angriffe gegen den öffentlichrechtlichen Rundfunk weiterhin gemeinsam abgeschmettert werden. Dass sich die Stadt Klagenfurt weiterhin mit dieser einzigartigen Veranstaltung schmücken will.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Daniel Goetsch, Schriftsteller
Zur Person: Daniel Goetsch, geboren 1968 in Zürich, schweizerische und französische Staatsangehörigkeit, Studium der Rechtswissenschaft in Zürich, seit 1995 schriftstellerisch tätig, nahm 2002 am Dramenprozessor teil, lebt seit 2004 in Berlin, arbeitet seit 2017 teilzeitlich im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Auszeichnungen:
1999 Ehrengabe des Kantons Zürich, 2002 Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts, 2003 Werkjahr des Kantons Zürich, 2007 Werkbeitrag der Pro Helvetia, 2008 Halma-Stipendium in Ruse (BG) und Prag (CZ), 2017 Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb, 2023 Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums
Romane:
Aspartam (Bilgerverlag, Zürich 1999)
X (Bilgerverlag, Zürich 2004)
Ben Kader (Bilgerverlag, Zürich 2006), frz. bei Editions de l´Aire 2010
Herz aus Sand (Bilgerverlag, Zürich 2009), chin. bei Shanghai Translation House 2011
Ein Niemand (Klett-Cotta, Stuttgart 2016)
Fünfers Schatten (Klett-Cotta, Stuttgart 2018)
Nachlass (Geparden Verlag, Zürich, erscheint im September 2026)
Theaterstücke:
Mir (UA Schauspielhaus Zürich, 2001)
Kurzwelle (UA Kampnagel Hamburg, 2001)
Ammen (UA Theater der Stadt Heidelberg, 2003)
Prosperos rechte Hand (Kurzstück, UA Tübingen 2004)
Und sie vermehren sich (Kurzstück, UA Theater Bielefeld 2007)
Hörspiele:
Das Hotel hat ein Loch (DRS1, 2006)
Der Fleischgott (WDR, Oktober 2007)
Kein Wort zu Oosterbeek (WDR, November 2010)
Der Pirat vom Bodensee (SWR, April 2012)
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Foto: Daniel Goetsch _ MKRozsa_Geparden Verlag
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/ORF Studio _ Walter Pobaschnig
Im Interview _ Almut Tina Schmidt, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Almut, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe ihre Texte immer gern gelesen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Einerseits gibt es da von Beginn an diese bestechend treffenden Formulierungen. Und diesen Rhythmus, den vom ersten Lesen an mitreißenden Rhythmus ihrer Texte, nicht nur der Lyrik. Andererseits ist Bachmanns Werk geprägt von inneren Spannungen, von einem Ringen um große Themen und offenere Formen, mit dem sie auch viel riskiert hat.
Man kann sich streiten, wie gut Malina insgesamt gelungen ist; von der ästhetischen Form her ist das für mich der perfekte Roman mit seiner Vielfalt an Tonfällen, den szenischen Passagen, den Briefen, auch viel Komischem, Fragmentarischem, der in Notenform zitierten Musik usw.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die Todesarten sind in meinen Augen der letzte Versuch eines ganz großen Romanprojekts im Geist der klassischen Moderne. Und zugleich ein dezidiert weiblicher Versuch, für persönliche Themen und Ansätze eine umfassende künstlerische Struktur zu entwickeln. Das Scheitern dieses Projekts empfinde ich als tragisch.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wie radikal sie damit für ihre Zeit war, ist mir erst spät gedämmert. Vor allem weil die sprachliche Form, was Geschlechterverhältnisse betrifft, in dieser Zeit gefangen scheint. Da wird nichts gegendert. Heutige Analysen klingen fortschrittlicher – während zugleich die Kritik am Patriarchat zum kulturindustriellen Schlagwort ohne inhaltliche Konsequenz zu verkommen droht: noch nie war es so bequem, pauschal gegen „das Patriarchat“ zu wüten und das bereits als Lösung zu betrachten. Verkürzungen, Projektionen, problematische Zuschreibungen und Aneignungen, ein gewisses Zelebrieren von Abweichung und Opferstatus finden sich allerdings auch in Bachmanns Texten. Und doch bewundere ich ihre Vehemenz, am meisten dort, wo sie diese Vehemenz vielschichtig literarisiert wie in Undine geht.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vielleicht mit etwas mehr Bewusstsein für die Fallstricke, die selbst funktionierenden Beziehungen innewohnen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Irgendwas ist verdammt an jeder Art von Beschäftigung. Die Kunst bietet manchen einen Schutzraum, die unter Menschen nicht leben können. Zugleich birgt sie ihre eigenen Risiken. Das Verfassen sprachlicher Kunstwerke ist nun mal eine persönlichere Angelegenheit als die meisten anderen Jobs. Der Produktionsprozess hat etwas Obsessives. Aber das kommt auch bei anderen erfüllenden Tätigkeiten vor. Wir müssen uns Schreibende, Künstlerinnen als glückliche Menschen vorstellen.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Bachmanns Ringen um die Wahrheit, poetisch, philosophisch, politisch, immer auch ein bisschen pathetisch und definitiv nicht postmodern, fasziniert mich sehr.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
So sehr ich es bedaure, Ingeborg Bachmann niemals begegnet zu sein: es wäre wahrscheinlich nur passiert, was häufiger passiert, wenn ich Leuten, die ich bewundere, persönlich begegne (in der Literaturszene ergibt sich diese Möglichkeit tatsächlich gar nicht so selten): ich wäre verschüchtert und verlegen neben ihr gesessen und hätte mich kaum getraut, etwas zu sagen, geschweige denn zu fragen. Und hätte mich geärgert über den banalen Blödsinn, der dann doch aus meinem Mund herausgekommen wäre.
Der einseitige Text-Leserin-Dialog, bei dem ich mir einbilden kann, mit einer Autorin über die Zeiten hinweg zu kommunizieren, hat auch seine Vorteile.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich versuche gerade, ein paar meiner – tendenziell auch immer zu groß angelegten – Langzeitprojekte endlich abzuschließen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Almut Tina Schmidt, Schriftstellerin
Zur Person: Almut Tina Schmidt, Schriftstellerin _ zahlreiche Bucherscheinungen und Auszeichnungen
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Isabella Breier, Schriftstellerin
Naoko Muneoka,Künstlerin
Foto:Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Isabella Breier _ privat.
Fotos: Naoko Muneoka,Künstlerin _ Wien _ performing Malina am Originalschauplatz _ Malina, Ingeborg Bachmann, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 7/25
Geboren 1974 in Köln, lebt in Berlin _ eingeladen von Philipp Tingler.
Gesche Heumann, Schriftstellerin, Künstlerin
Liebe Gesche, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung! Wie hast Du davon erfahren und was war Deine erste Reaktion?
Per E-Mail, ich habe mich sehr gefreut.
Dein Weg zur Literatur führte über ein Kunststudium und die Tätigkeit als Künstlerin in Düsseldorf, Wien, Berlin.
Was waren Stationen auf Deinem Literatur-Weg und schließlich jetzt zur Bachmannpreisnominierung? Was macht für Dich die Faszination des Schreibens aus?
Wichtige Stationen waren die Tätigkeit für artmagazine.cc. und 2018 die Veröffentlichung meines Romans im Lilienfeld Verlag.
Für die Bewerbung zur Teilnahme am Bachmannpreis habe ich Briefe versendet.
Vermutlich finde ich Schreiben wie Malen wie Bauen wie Essen wie Schlafen beruhigend.
Du lebst in Berlin und bist sehr vielseitig in der Kunst tätig. Wie bringst Du alles unter einen Hut und wo und wie schreibst Du?
Das Beste, was ich von Rüdiger Safranski über Nietzsche gelernt habe, war die Idee von Listen „nach dem Grade der Lust“. Schreiben ist sehr situationselastisch, man braucht nur Stift und Papier, das reicht mir, ich schreibe, wenn es sich nicht um Briefe oder E-Mails handelt, mit der Hand, meistens am Schreibtisch, aber auch sonst überall.
Welche Bedeutung hat der Bachmannpreis heute?
Eine große Bedeutung, oder nicht?
Wie bereitest Du Dich nun auf Klagenfurt vor und was freust Du besonders?
Ich übe flüssiges Vorlesen. Ich freue mich auf meinen Juror und meine Mitstreiterinnen, auch die männlichen.
Vielen Dank für das Interview, viel Freude und Erfolg!
„Inge“ _ Hauptpreis _ Bachmannpreis
Seit 2023 wird die Bronze-Plastik (2,3 kg) vom Bildhauer Helmut Machhammer den Gewiner:innen des Hauptpreises/Bachmannpreies überreicht.
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Gespannte Aufmerksamkeit im Publikum _ ORF Studio
Abendstimmung Wörthersee _ Blick vom Schloss Loretto
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Gesche Heumann _ privat.
Motive: Klagenfurt/Bachmannpreis _ Walter Pobaschnig
Die Erzählung erschien im letzten Erzählband von Ingeborg Bachmann „Simultan“ ein Jahr vor ihrem Tod in Rom. In der Erzählung kehrt die Protagonistin Elisabeth (Fotografin) zu einem Besuch in ihr Elternhaus in Klagenfurt zurück. Auf den regelmäßigen Spaziergängen am nahen Kreuzbergl, alleine und mit dem Vater, begleiten Erinnerungen von Zeit und Leben wie Geschichte und Gesellschaft in Gedanken und Reflexion auf vertrauten Wegen der Kindheit
Ingeborg Bachmann entwirft eine historische Rück- und Zusammenschau österreichischer Geschichte im Dialog zu Existenzfragen um Familie, Liebe, Beruf. Die Verbindung eines individuellen Lebens- und Herkunftspanoramas mit zahlreichen literarischen Referenzen (Joseph Roth) macht den Text zu einem der Schlüsseltexte zu Leben und Werk Bachmanns.
Im Interview _ Thomas Stangl, Schriftsteller _ Wien
Lieber Thomas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ihre späten Gedichte (vor allem Böhmen liegt am Meer) gehören, seit ich sie als Jugendlicher zum ersten Mal gelesen habe, zu den Fundamenten meiner Denk-, Schreib-, Lesewelt und haben entscheidend damit zu tun, was Literatur für mich bedeutet.
Zu ihrer Prosa habe ich erst viel später (und im zweiten Lesen) Zugang gefunden. Ich erinnere mich ans Wiederlesen von Das dreißigste Jahr vor ein paar Jahren und die Freude darüber, dass da in jeder Erzählung und jedem Satz mehr drin ist als das Klischee „Ingeborg Bachmann“, das man irgendwie dann doch im Kopf hat und zu kennen glaubt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Frei nach Dizzy Gilliespies Beschreibung der Besonderheit von Charlie Parker: die Art, in der sie von einem Wort zum nächsten gelangt. Und dass sie pathetisch sein kann, ohne hohl und dumm zu werden, radikal sein kann, ohne die notwendige Ambivalenz aufzugeben.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Immer noch Böhmen liegt am Meer. Und was in Malina mit Personen und Perspektiven geschieht.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Es gab natürlich reale Fortschritte in den letzten Jahrzehnten und manche der Zwänge, denen Ingeborg Bachmann und ihre Frauenfiguren ausgesetzt waren, manche der starren Rollenbilder, sind in dieser Form (jedenfalls in weiten Teilen Europas) nicht mehr wirksam; gleichzeitig gibt es in den letzten Jahren aus bekannten Gründen (Rechtsrutsch, Manosphere, Tradwives, Dogmatismen aller Art, Mörder und Irre an der Macht) wiederum Rückschritte und eine Gegenbewegung, vielleicht wäre es interessant, Bachmann auch in dieser Hinsicht wiederzulesen (ich habe es bisher nicht versucht).
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich glaube, alle knappen Antworten auf solche Fragen sind falsch. Man kann nicht nach, mit, gegen Bachmann (oder Proust oder Barthes oder Illouz oder…) lieben oder nicht lieben; kann es nur konkret und nicht irgendwie allgemein.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht muss das Martyrium Anteil daran haben, aber auch das Glück. Ich glaube, manchmal war (wie ganz sicher für Kafka) auch für Bachmann das Schreiben (mitsamt und auch dank der Einsamkeit, dem Asozialen, dem Verdammtsein, dem Zweifeln und Verzweifeln an Wörtern und Metaphern) etwas Glückhaftes.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Dass sie mit jedem Satz oder fast jedem Satz über Grundpositionen hinausgeht; dass ihre Sprache mit jedem Satz Grundpositionen erschüttern kann – zugrundegehen, das heißt, zum Meer, dort find ich Böhmen wieder. Der gute Grund ist das Fastnichts einer Brücke aus Wörtern.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich weiß es nicht. Ich denke, wenn man den Geistern irgendwelche bedeutsamen Fragen stellt, stöhnen sie nur entnervt auf. Alles was man sagen kann, kann man auch in der Literatur sagen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im kommenden Frühjahr erscheint bei Matthes & Seitz ein neues Buch, halb Roman, halb Erzählband; und der nächste, etwas romanhaftere Roman ist auch schon recht weit fortgeschritten.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„… man kann einen Menschen zutodbeschreiben, von allen Seiten her. Wie aber soll man ihn lebendig schreiben, in dem Rahmen, in dem ja nichts lebendig ist und alles Übereinkommen, zu dem man Leser überredet.“ (aus Male Oscuro)
Und, in Klammern: „(Soll doch. Sollen die anderen.)“
Herzlichen Dank für das Interview!
Thomas Stangl, Schriftsteller
Zur Person: Thomas Stangl, geboren 1966, studierte Philosophie und Spanisch und lebt als freier Schriftsteller in Wien. Seit seinem Debutroman Der einzige Ort (Literaturverlag Droschl, Graz 2004) veröffentlichte er zahlreiche weitere Romane, Erzähl- und Essaybände, zuletzt den Roman Quecksilberlicht (Matthes & Seitz Berlin 2022) und den Erzählband Diverse Wunder (Droschl, 2023). Im Frühjahr 2027 erscheint bei Matthes & Seitz Berlin sein neues Buch Die Ausnahme. Ein Roman von Benjamin Kiefer.
Unter anderem wurde sein Werk mit dem aspekte-Preis für das beste Debut des Jahres 2004, dem Erich-Fried-Preis sowie dem österreichischen Kunstpreis für Literatur und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.
Thomas Stangl gewann den Telekom-Austria-Preis beim Bachmann-Preis (2007).
Im Interview _ Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin _ Minderlittgen (Rheinland-Pfalz), D
Liebe Rose, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich lese Bachmann als Kontinuum.
Mein erster Zugang war sprachlich. Bachmann zeigt, was passiert, wenn ein Satz mehr aushalten muss als Alltag. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – dieser Satz hat mich als Autorin erwachsen gemacht. In „Magica“ prüfe ich das Gegenteil: Ist dem Menschen auch die Magie zumutbar, mit allen Kosten? Bachmann gab mir den Mut, Figuren etwas zuzumuten.“
Ich kam zu „Malina“. Ich las es mit 20 und verstand zum ersten Mal, dass Verschwinden eine Form von Erzählen sein kann. Nicht jede Geschichte muss retten. Manche müssen bezeugen. Das hat mich befreit. Ich muss in „Magica“ niemanden retten. Ich muss nur ehrlich zeigen, was Macht mit Menschen macht. Bachmann hat mir erlaubt, unbequeme Enden zu schreiben.
Mein Zugang ist die Frage nach dem Ich. Bachmann zerlegt es in „Malina“ bis zur Unkenntlichkeit. Sie fragt: Was bleibt, wenn alle Rollen fallen? Ich drehe die Frage in „Magica“ um: Was entsteht, wenn man ein Ich aus Scherben neu baut? Beide Wege tun weh. Beide brauchen Sprache als Werkzeug und als Waffe. Ohne ihre Radikalität hätte ich meine nicht gefunden.
Wie alles zusammenhängt:
„Malina“ ist der Ort, an dem das Ich verschwindet. In der Ungargasse, zwischen Wänden und Sätzen, löst sich eine Stimme auf. Was bleibt, ist nur noch ein Name – mehr Behauptung als Person.
„Undine“ ist das Urteil, das darauffolgt. Wo „Malina“ im Trockenen erstickt, spricht „Undine“ unter Wasser: ohne Luft, ohne Lüge. Verrat hat zwei Gesichter, und der See nimmt, was keine Sprache mehr tragen kann. Zurück kommen nur Echos.
„Geht“ ist das Scharnier zwischen beiden. Nichts endet mit dem letzten Punkt. Trauer geht über in Verwandlung, Erinnerung nimmt, was der Text verliert. Hier kippt das Verschwinden in eine Möglichkeit.
„Ingeborg“ ist die Antwort darauf, warum überhaupt geschrieben wird. In jedem Riss wohnt eine Möglichkeit, und Narben sind die Schrift der Überlebenden. Ihre Waffe war Genauigkeit – gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden. Ein Ich stellte sich der Welt, bis die Sprache brach und Wahrheit wurde. Ruhm war nie ihr Auftrag. Gedächtnis ist er.
So gelesen ist es ein Weg: vom Verstummen in „Malina“ über das Gericht der „Undine“ durch das „Geht“ der Verwandlung hin zu „Ingeborg“, die das Gedächtnis stiftet. Das eine bedingt das andere. Ohne das Zerbrechen gäbe es keinen Grund zu schreiben. Ohne das Wasser keine Prüfung. Ohne das Weitergehen kein Zeugnis. Und ohne das Zeugnis kein Grund, warum wir heute noch lesen.
So zeigt „Malina“ das Verschwinden. „Undine“ spricht das Urteil. „Geht“ verwandelt den Verlust. „Ingeborg“ gibt dem Ganzen einen Auftrag: Gedächtnis. Für mich ist das ein Kreislauf. Bachmann zerlegt, damit nichts vergessen wird. Ich schreibe „Magica“, um aus denselben Scherben etwas Neues zu bauen.
„Wenn ich gefragt werde „Wo ist „Magica“?
Antworte ich: „Magica steht zwischen den Zeilen. Jeder Band fragt: „Was geht, wenn ein Ich zerbricht? Was bleibt, wenn Wasser nimmt? Was schreibt, wenn niemand hört? Bachmann stellt die Fragen. Ich versuche eine Antwort in drei Bänden. Hoffnung geht durch alle drei! „Zumutbar“ ist Bachmanns Kernsatz, ich drehe ihn weiter. Ich gebe Bachmann Kredit für meinen Mut als Autorin. Ich stelle mich neben sie, nicht unter sie. Beide Wege tun weh.“
Wenn ich gefragt werde: „was muten Sie ihren Figuren zu? Halte ich den Bachmann- Maßstab ein? Oder ist „Magica“ nur Eskapismus mit Glitzer?“
Dann antworte ich: „Ich mute meinen Figuren zu, was Bachmann die Wahrheit nannte: dass jede Macht einen Preis hat. In „Magica“ kann niemand zaubern, ohne etwas zu geben. Manchmal ist es Erinnerung. Manchmal ein Körperteil. Manchmal die Liebe. Es gibt keine Rettung ohne Verlust. Das ist mein Gesetz. Weil die Wahrheit dem Leser zumutbar ist – auch in der Fantasy.
Meine Protagonisten können viel sehen. Damit meine ich wirklich sehen. Das klingt nach Geschenk. Ich mute ihnen zu, dass sie an jedem neuen Tag entscheiden: Wem von ihnen gebe ich heute meine Stimme? Wem nicht? Und mit jedem, den sie ignorieren, stirbt ein weiteres Mal. Diese Schuld trage ich ihnen auf. Weil Bachmann gezeigt hat: Schweigen ist auch eine Tat. Und Taten haben Folgen. Ich mute ihnen die Zumutung zu. In „Magica“ rettet Magie nie. Sie kostet. Zeit, Blut, oder die Wahrheit über sich selbst. Wer zaubert, wird.
„Magie kostet immer. Nichts ist ohne Preis. Wer Macht hat, hat Schuld. Wahrheit ist zumutbar. Schweigen ist Tat. Ein Satz muss sich rechtfertigen. Ich bin eine Autorin, die ihren Figuren nicht verzeiht., weil ich sie ernst nehme und weil Verzeihen hieße, ihre Schuld zu tilgen, ihre Taten zu verkleinern, sie zu schonen. Ich mute ihnen zu, die Konsequenz zu tragen. Ohne Ausrede. Ohne Erlösung von außen. Für Magica heißt das: Ich mute Max und Hannah Wagonwheel zu, im Reich der Zeiten allein zu stehen. Ich mute dem Hausschuldbold Bubblegum zu, Schuld zu tragen, bis er davon freigesprochen wird. Ich verzeihe nicht – ich lasse sie wachsen, indem sie es aushalten. Figuren, denen man verzeiht, bleiben Kinder. Figuren, denen man nicht verzeiht, werden Helden. Ich verzeihe ihnen nicht – weil nur so aus Schuld Verantwortung wird. Max und Hannah bekommen keine Absolution. Sie bekommen eine Aufgabe. Das bedeutet für Magica konkret:
Max und Hannah: Ich verzeihe ihnen nicht, dass sie erst nach den Eltern suchen, als es zu spät ist. Ich lasse sie losziehen.
Bubblegum: Ich verzeihe ihm nicht, dass er fremde Schuld trägt. Ich mute ihm zu, sie weiterzutragen, bis jemand anderes sagt: Du bist nicht schuld.
Dunkler Magier.:Er bekommt kein tragisches Backstory-Pflaster. Er will Macht. Punkt. Tragen muss er das selbst!
Das ist kein Bachmann-Kult. Das ist Handwerk. Leser merken sofort, wenn ich meine Figuren schone. Und sie vertrauen mir nur, wenn ich es nicht tue. Bachmann? Nein. Das ist schlicht das, was Figuren brauchen, um lebendig zu werden: Konsequenz. Keine Absolution vom Autor!
Und trotzdem mute ich ihnen Bachmanns Gesetz zu: Die Wahrheit ist zumutbar. Übersetzt für „Magica“ heißt das: Jeder Zauber fordert Bezahlung.
Eine meiner Protagonisten, mit einer kleinen, aber entscheidenden Nebenrolle: ist Liora. Sie ist die Wächterin der verborgenen Kammer in „Magica“. Das klingt nach Macht. Ich mute ihr zu, dass sie jede Nacht entscheidet, welche Tür verschlossen bleibt. Und mit jeder Tür, die sie nicht öffnet, bleibt eine Wahrheit eingesperrt – manchmal eine rettende, manchmal eine zerstörende. Ihre Schuld ist nicht, was sie tut. Ihre Schuld ist, was sie „nicht“ tut. Weil Bachmann gezeigt hat: Auch Schweigen ist eine Tat. Und Wachen heißt wählen. Das ist Bachmanns „Genauigkeit unter Druck“,
„Schweigen ist eine Tat“ und „Wachen heißt wählen“
Liora bewacht die verborgene Kammer. Ich mute ihr zu: Sie muss Türen geschlossen halten, hinter denen Wahrheiten warten. Ihre Macht ist ihr Verzicht. Weil auch in „Magica“ gilt: Die Wahrheit ist zumutbar. Die Lüge nicht.“ Lioras Amt als Wächterin ist ihr Urteil. Ich mute ihr zu: Sie darf die Kammer nie betreten. Sie bewacht etwas, das sie selbst zerstören würde, wenn sie es ansieht. Ihr ganzes Leben ist Dienst an einer Wahrheit, die sie nicht kennen darf. Das ist der Preis für Macht in „Magica“: Wer schützt, verzichtet. Wer wacht, ist blind. Bachmann nannte das zumutbar. Ich nenne es notwendig.“
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Besondere an Ingeborg Bachmanns Schreiben ist die Genauigkeit unter Druck. Ingeborg Bachmanns Werk kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, darunter biografische, literarische und thematische Zugänge.
Besonderheiten ihres Schreibens:
Sprachliche Eleganz: Bachmanns Prosa und Poesie zeichnen sich durch eine raffinierte Sprache aus.
Thematische Tiefe: Sie behandelt Themen wie Identität, Geschlechterrollen und das Trauma des Zweiten Weltkriegs.
Innovative Form: Sie experimentiert mit Erzählstrukturen und Gedichtformen.
Bachmanns Werk ist durch seine sprachliche Tiefe und thematische Vielschichtigkeit geprägt, was es zu einem zentralen Bestandteil der deutschsprachigen Literatur macht. Jeder Satz muss sich rechtfertigen – vor der Sprache, vor der Geschichte, vor dem Schmerz. Sie nennt das: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Das ist kein Trost. Das ist ein Auftrag. Sie schreibt Sätze, als würde jedes Wort über Leben und Tod entscheiden. Nichts ist beiläufig. ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar‘ – das ist kein Spruch, das ist ein Gesetz, das sie ihren Figuren und sich selbst auferlegt. Diese Radikalität macht ihre Sprache unbestechlich. Auch 100 Jahre später kann man sich hinter keinem ihrer Sätze verstecken. Sie schreibt das Schweigen mit. Bei Bachmann ist das, was nicht gesagt wird, genauso laut wie der Text. In „Malina“ verschwindet ein Ich zwischen den Zeilen. In „Undine“ verurteilt das Wasser, nicht die Figur. Diese Leerstellen sind keine Lücken. Sie sind Orte, an denen der Leser arbeiten muss. Das macht ihr Schreiben besonders: Es traut uns zu, das Unausgesprochene auszuhalten. Bachmann verweigert den Trost. Wo andere Literatur Rettung anbietet, bietet sie Zeugenschaft an. Sie sagt: Ich zeige dir den Riss, heilen musst du selbst. Das ist grausam und ehrlich zugleich. Für mich als Fantasy-Autorin ist das wichtig: Auch wenn ich Welten mit Magie baue, darf ich nicht lügen. Die Kosten müssen stimmen. Diese Ehrlichkeit gegenüber dem Schmerz – das habe ich von ihr gelernt.
In der Lyrik zeigt sich das als Sprachmagie ohne Lüge. „Die gestundete Zeit“ gibt keine Idylle. Sie gibt Zeit, die nicht uns gehört.
In der Prosa wird es forensisch. „Malina“ protokolliert, wie ein Ich zwischen zwei Sätzen verschwindet. „Undine geht“ spricht ein Urteil: Wer liebt, zahlt. Wer verrät, ertrinkt.
Ihr Maßstab ist philosophisch: Beeinflusst von Wittgenstein fragt sie, ob Sprache Wahrheit tragen kann – oder ob sie Gewalt verschleiert. Darum schreibt sie das Schweigen mit. Die Leerstellen sind keine Lücken. Sie sind der Ort, an dem das Unausgesprochene arbeitet.
Für mich als Autorin von „Magica“ heißt das: Auch Magie muss sich rechtfertigen. Auch Fantasy darf nicht lügen. Die Kosten müssen stimmen. Bachmann hat gezeigt, was Sprache aushalten muss. Ich prüfe, was Sprache erschaffen kann, wenn sie ehrlich bleibt.
Bachmanns Werk ist kein Trost. Es ist „Zeugenschaft.“ Eine poetische Diagnose, die nach 100 Jahren nicht verjährt ist: Die stille Gewalt lebt in Sätzen. Und nur Sätze können sie benennen.
Bachmanns Suche nach dem Ich – im Dialog mit Freud
Ingeborg Bachmanns Texte lassen sich als literarisches Streitgespräch mit Sigmund Freud lesen. Nicht als Illustration seiner Theorie, sondern als Prüfung.
1. Das zerfallende Ich: In „Malina“ tritt das Ich nicht als Einheit auf, sondern als Kampfplatz. Zwischen der Ich-Erzählerin, Malina und Ivan wird verhandelt, was von einer Person übrigbleibt, wenn die „symbolische Ordnung“ – verkörpert im Vater der Albträume – zuschlägt. Das erinnert an Freuds Strukturmodell, aber Bachmann fragt weiter: Ist das Über-Ich nur Instanz oder schon Täter?
2. Das Unbewusste als Textverfahren: Träume, Sprachlosigkeit, wiederkehrende Bilder – Bachmann nutzt das, was Freud als Symptom beschrieb, als poetisches Mittel. In „Der Fall Franza“ verstummt die Sprache dort, wo die Gewalt beginnt. Das Unaussprechliche wird nicht erklärt. Es wird ausgestellt. Die Leerstelle im Text ist der Ort des Traumas.
3. Das Es – als Frage, nicht als Befund: In den „Frankfurter Vorlesungen“ bestimmt Bachmann das Schreiben als „Existenzweise“. Es geht um Begehren, um Wut, um den „Krieg und Frieden“ im Einzelnen. Ob das Es, das Ich und das Über-Ich je in Balance sein können, lässt sie offen. „Malina“ endet mit dem Satz „Es war Mord.“ Das ist keine Balance. Das ist Befund: Wenn eine Instanz die andere auslöscht, stirbt das Ich.
Der Maßstab für mich: Bachmann überführt Psychoanalyse in Poetologie. Sie fragt nicht: Wie werde ich gesund? Sie fragt: Wie kann Sprache wahr sein, wenn das Ich zerfällt? Diese Frage gilt auch in „Magica“: Meine Figuren haben Macht, also haben sie ein Es. Sie haben Gesetze, also ein Über-Ich. Zerreißt es sie? Oder erschaffen sie aus dem Riss etwas Neues? Bachmann hat mir verboten, dabei zu lügen.
Für mich sind es zwei Dinge, die für mich wichtig sind: Erstens ihre Genauigkeit unter Druck – jeder Satz bei Bachmann muss sich rechtfertigen. Zweitens schreibt sie das Schweigen mit. Die Leerstellen in „Malina“ sind genauso wichtig wie die Worte. Sie traut ihren Lesern zu, das Unausgesprochene auszuhalten. Das macht ihr Schreiben auch nach 100 Jahren unbestechlich. Und es ist der Maßstab, an dem ich „Magica“ messe: Stimmen die Kosten, die meine Figuren zahlen?
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ich hebe mehrere hervor, weil sie eine Entwicklung zeigen, die auch meine Arbeit prägt:
1. „Undine geht“ – wegen des Urteils. Eine Frau spricht ihr eigenes Verschwinden aus. Kein Mann, kein Gott verurteilt sie. Sie selbst zieht die Grenze. Diese Selbstermächtigung im Untergang ist radikal. Und sie fragt: Was kostet es, geliebt zu werden? Eine Frage, die jede Figur in „Magica“ auch beantworten muss.
2. „Malina“ – wegen des Schweigens. Hier wird das Ich zwischen zwei Männern, zwei Sätzen, zwei Welten zerrieben. Bachmann schreibt das Verstummen nicht als Niederlage, sondern als Befund. Für mich als Autorin war das die Erlaubnis: Nicht jede Geschichte muss laut enden. Manche müssen bezeugen, was fehlt. „Malina“: nimmt das innere Leben einer Frau in den Fokus und thematisiert die Zerrissenheit zwischen zwei Welten.
3. Die Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ – wegen des Auftrags. Das ist kein Essay, das ist ein Gesetz. Für Bachmann, für mich. Wenn ich Fantasy schreibe, schreibe ich nicht, um zu trösten. Ich schreibe, um zu zeigen, was Menschen einander zumuten. Sie hat mir den Satz geschenkt, an dem ich jeden Band von „Magica“ messe.
Fazit:
„Undine geht“ für das Urteil, „Malina“ für das Schweigen, und ihre Rede zur Wahrheit für den Auftrag. Die drei zeigen: Bachmann tröstet nicht. Sie bezeugt. Das ist mein Maßstab – auch für „Magica.“
Weitere hervorzuhebende Werke sind:
„Die gestundete Zeit“: Eine Gedichtsammlung, die existentialistische Fragestellungen behandelt.
„Das schönste Wort“: Ihre Erzählungen sind prägnant und zeigen ihre Fähigkeit, emotionale Intensität einzufangen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Dazu habe ich mehrere Antworten, da ich nicht weiß wie genau die Situation sich gestaltet hätte:
Ich hätte sie gefragt: „Wieviel von „Malina“ haben Sie beim Schreiben geahnt, und wieviel hat erst der Text gewusst?“
Gesagt hätte ich: „Danke, dass Sie die Kosten nicht verschwiegen haben. ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar‘ – das ist ein Satz, an dem ich meine Figuren messe. Ohne den würde ich anders schreiben.“
Oder:
Ich hätte sie nichts gefragt. Ich hätte ihr „Magica“ Band 1 hingelegt. Auf die erste Seite hätte ich geschrieben: „Sie haben gezeigt, was Sprache aushalten muss. Ich versuche zu zeigen, was Sprache erschaffen kann.“
Dann wäre ich gegangen. Entweder sie zerreißt es oder sie versteht.
Oder:
Ich hätte sie gefragt: „Wer spricht, wenn das Ich schweigt? – Wie in „Malina?“
Dazu gesagt hätte ich: „Ihr Maßstab gilt. Auch 100 Jahre später. Auch in der Fantasy. Danke für diesen Maßstab. ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.‘ Den Satz halte ich auch „Magica“ vor.“
Oder ich hätte Fragen gehabt zu ihren Werken:
In „Malina“ zerfällt ein Ich:
Ich hätte sie gefragt: „Glaubten Sie, dass ein Ich, das einmal in Sprache zerbrochen ist, sich durch Sprache wieder zusammensetzen lässt? Oder ist Schreiben nur Protokoll des Bruchs?“
Die „Frankfurter Vorlesungen“ und „Malina“ lesen sich oft wie ein Gespräch mit Freud.
Ich hätte gefragt: „Ist ein Mensch nur dann ganz, wenn sich Ich, Es und Über-Ich die Waage halten? Oder entsteht ein Ich erst im Kampf zwischen Es und Über-Ich – und die Balance wäre schon sein Tod?“
„Undine geht“ und „Malina“ erzählen von Verrat und von „Wahlen, die wehtun. Kann Literatur ein Ort sein, an dem diese Wahlen anders ausgehen? Oder muss sie gerade zeigen, dass manche Wunden nicht heilen?“
Und gesagt hätte ich: „Danke auch für diesen Maßstab. Sie haben gezeigt, dass Literatur nicht trösten muss. Sie muss wahr sein. Auch wenn es weh tut.“
Weitere Fragen, die mich interessiert hätten:
„Wie haben Ihre persönlichen Erfahrungen Ihre Ansichten über Geschlechterrollen beeinflusst?“
„Welche Rolle spielt die Sprache für Sie in der Verarbeitung von Trauma?“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein nächstes Projekt ist der Abschluss der „Magica“-Trilogie. Band 3 erscheint 2026 mit Illustrationen von Erhard Sünder. Bachmann hat mir den Maßstab gegeben: Jeder Satz muss sich rechtfertigen. Bei Band 3 heißt das: Jede Szene, jede Figur, jedes Bild muss wahr sein – auch wenn es weh tut. Das bin ich ihr und meinen Lesern schuldig.
Bachmann zerlegt in „Malina“ ein Ich. Ich versuche, aus Scherben ein neues zu bauen. Erhard Sünder gibt den Scherben gerade Gesichter. 2026 wird man sehen, ob es hält. Mehr darf ich noch nicht verraten – außer: Der Maßstab ist derselbe wie bei ihr. Die Kosten müssen stimmen.
Bachmann hat gezeigt, was Sprache aushalten muss. Ich prüfe jetzt, was Sprache erschaffen kann. Das ist mein nächstes Projekt.
Bachmann hat mir den Maßstab gegeben: Wahrheit vor Trost. Daran messe ich jetzt jede Seite.
Alle drei Bände der Trilogie sind einzeln lesbar. Aber sie sind miteinander verwoben. Jeder Band schält ein anderes Ich aus derselben Welt. Band 1 fragt: Wer bin ich, wenn ich Macht bekomme? Band 2: Wer bin ich, wenn ich sie verliere? Band 3: Wer bin ich, wenn ich sie weitergeben muss. Bachmann hat gezeigt: Ein Ich ist kein Zustand. Es ist Arbeit. Genau das prüfe ich – Buch für Buch. Das ist mein „Wahrheit ist zumutbar.
Mein nächstes Projekt ist das Ende, vielleicht aber auch nicht. „Magica“ Band 3. Die Trilogie ist so gebaut: Jedes Buch steht allein. Aber alle zusammen sind ein Protokoll. Ein Ich wird nicht in einem Buch gefunden. Es zerfällt und setzt sich neu zusammen – von Band zu Band. Bachmann zerlegt das Ich in „Malina“. Ich versuche, es in drei Anläufen wieder zusammenzusetzen. Ob es hält, sieht man 2026 und in weiteren Projekten. Auch wenn man jeden Band einzeln lesen kann, erst zusammen erzählen sie, wie ein Ich reift: durch Macht, durch Verlust, durch Weitergabe. Bachmann sagte: Das Ich ist Arbeit. „Magica“ und auch weitere Bände ist meine Werkstatt dafür. Meine Gesamtwerke bilden ein Geflecht. Jedes neue Buch, greift sich ein „Ich“ aus „Magica“ und erzählt es weiter.
„Magica“ ist die Hauptstraße. Aus ihr zweigen Gassen ab. In jeder Gasse untersuche ich ein anderes Ich, das in der Trilogie nur kurz auftaucht. Ein Diener, eine Gegnerin, ein Schatten. Bachmann hat gezeigt: Ein Ich ist kein Zustand. Es ist Arbeit. Also gebe ich jeder dieser Stimmen ein eigenes Buch. Eine eigene Arbeit.
Ich schreibe nur ein Buch. Es heißt: Wie viele Ichs passen in einen Menschen? „Magica“ ist Band 1 bis 3. Jedes weitere Buch ist ein Teil davon. Ich greife mir eine Figur aus der Trilogie – manchmal hat sie dort nur einen Satz – und frage: Was ist ihr Maßstab? Was ist ihre Wahrheit? Was kostet sie? Bachmann zerlegt ein Ich. Ich versuche, alle Ichs zu sammeln, die daraus fallen.
Das heißt: Jedes meiner Bücher steht für sich. Und trotzdem gehören sie zusammen. Aus „Magica“ ziehe ich Figuren heraus und gebe jedem Ich ein eigenes Buch. Weil ein Ich nie zu Ende erzählt ist. Das habe ich von Bachmann gelernt.
„Wenn ich nun gefragt werde: Welches ich schreiben Sie als nächstes? Antworte ich darauf: Das entscheide nicht ich. Das entscheidet die Figur, die sich meldet. Nach Band 3 schreit gerade eine sehr leise. Ich höre noch hin. Ich höre meinen Figuren zu und jede erhält eine Chance! Solange bis ich alle Ichs zusammengesetzt habe.“
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
A. Das Aufrichtende: Aus der Dankrede zur Verleihung des Anton-WildganPreises 1972 aus der Rede: „Ein Ort für Zufälle“: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Der genaue Kontext bei Bachmann:
Bachmann spricht über die Aufgabe des Schriftstellers nach Auschwitz, nach dem Krieg. Der Satz fällt in diesem Absatz:
„Ich glaube […]: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Die Zumutbarkeit der Wahrheit ist der Maßstab, an dem die Literatur gemessen wird, wenn sie nicht in der Dekoration, in der Affirmation stecken bleiben will.“
Warum dies für mich das aufrichtende Zitat ist?
1. Es verspricht keine Heilung. Es sagt nicht: Du wirst wieder ganz. Es sagt: Du wirst es aushalten. Das ist Bachmanns Ethik. Kein Trost, sondern Kraft.
2. Es ist ein Maßstab. Für Bachmann, für mich, für „Magica“. Jeder Satz, jede Szene, jede Zumutung an meine Figuren muss sich daran messen.
3. Es verbindet zerbrochenes Ich und Magie. Das zerbrochene Ich wird nicht gekittet. Es wird aufgerichtet, indem man ihm Wahrheit zumutet. Auch wenn diese Wahrheit magisch ist. Auch wenn sie kostet.
Mein Merksatz: Während Bachmann „aufrichtend“ sagt, antworte ich mit „zumutbar“. Das Wort ist der Schlüssel. Es klingt hart, aber es richtet auf, weil es den Menschen nicht belügt. Dieser Satz sagt nicht: Du wirst heil. Er sagt: Du wirst es aushalten. Das ist härter und ehrlicher. In „Magica“ mute ich meinen Figuren Magie zu – mit allen Kosten. Bachmann gab mir das Recht dazu. Wahrheit vor Trost. Auch in der Fantasy.
B. Das Kämpferische: Aus „Malina“, gegen Ende: „Es war Mord.“
Zwei Worte. Das kürzeste Urteil der deutschen Literatur. Es sagt: Das Verschwinden eines Ichs ist kein Unfall. Es hat Täter. Dieser Satz hat mich gelehrt, dass Magie in „Magica“ nie folgenlos sein darf. Wenn Macht nimmt, muss jemand es aussprechen. ‚Es war Mord.‘ Das ist der Satz, mit dem jedes zerbrochene Ich sich wieder aufrichtet: indem es benennt. Zaubersprüche benennen Macht.
C. Das Hoffnungsvolle trotz allem: Aus „An die Sonne“, letztes Gedicht: „Nicht an den Tod zu denken, uns zum Trost.“
Sie schreibt: ‚Nicht an den Tod zu denken, uns zum Trost.‘ Also: Trost ist kein Weg. Leben ist der Weg – trotz Wissen um den Tod. Das ist für mich Magie. Magie ist nicht Flucht vor dem Bruch. Magie ist der Versuch, mit dem Bruch zu leben und trotzdem zu erschaffen. Das zerbrochene Ich wird nicht ganz. Aber es schreibt weiter. Es zaubert weiter.
Aus ihrer Dankrede 1972: ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.‘ Für mich ist das der Satz, der ein zerbrochenes Ich aufrichtet. Er verspricht keine Heilung. Er verspricht Kraft. Und genau das prüfe ich in „Magica“: Ist meinen Figuren – und meinen Lesern – auch die Magie zumutbar, mit allem, was sie kostet? Das ist Bachmanns Erbe für mich.
Herzlichen Dank für das Interview!
Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin
Zur Person: Rose A. W. Diamond _ Schriftstellerin.
Rose A. W. Diamond ist das Pseudonym von Anke Wagner, Autorin, Illustratorin, Reittherapeutin, Examinierte Krankenschwester, Focussingbegleiterin.
Als examinierte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in psychosomatischen Kliniken, als ausgebildete Reittherapeutin und Focussingbegleiterin verbindet sie therapeutische Tiefe mit literarischer Fantasie. Ihre Arbeit mit Menschen und Tieren prägt ihre Geschichten: geerdet, einfühlsam und voller innerer Transformation.
2024 debütierte sie mit „Magica – Die Reise durch die Zeit“, den Auftakt ihrer preisgekrönten Fantasy-Trilogie für Leser ab 12 Jahren. Der Roman wurde bei der Koblenzer Buchmesse ausgezeichnet und von Lesern durchgehend mit 5 Sternen bewertet. 2025 folgten „Magica – Die Reise durch die Welten“ Teil 1 & 2. Der Abschlussband erscheint 2026. Illustrator Erhard Sünder gestaltet die visuelle Welt der Reihe.
Rose A. W. Diamond lebt mit ihrem Mann, fünf Pferden, zwei Hunden und vier Katzen auf einem Aussiedlerhof in Rheinland-Pfalz.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Rose A. W. Diamond _ Walter Pobaschnig, Station bei Malina/Wien 5/26
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Rose A. W. Diamond, Schriftstellerin _ performing Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) _ 100.Geburtstag _Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom) _ Walter Pobaschnig 5/26
Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25, folgende
Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25, folgende
MALINA
Manchmal ist
Alles
Leichter,
Im
Nachhinein betrachtet,
Als es anfangs zu ertragen war.
Nicole Hohenwarter, 26.5.2026
Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25, folgende
Fotos: Motive Klagenfurt & Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25
Im Interview _ Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt
Liebe Nicole, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn man in Klagenfurt wohnt, stolpert man natürlich zwangsläufig über Ingeborg Bachmann. Überall finden sich Fragmente ihres literarischen Erbes, Textzeilen prangern von Hauswänden, Straßenschilder sind nach ihr benannt. Mein Sohn hat das Ingeborg-Bachmann-Gymnasium besucht; dort finden sich überall Textauszüge und Hinweise auf ihre literarischen Werke. Also man kommt hier mit Ingeborg Bachmann in Berührung und auch mit ihren Werken, die natürlich einen Denkanreiz liefern.
Ursulinengymnasium/Mittelschule _ KlagenfurtMusilmuseum Klagenfurt mit Ingeborg Bachmann Schauraum
Als ich die ersten Texte von Ingeborg Bachmann gelesen habe, merkte ich schnell, wieviel Traurigkeit sich darin verbirgt. Starke Gefühle, denen sie Ausdruck verleihen wollte oder sogar musste, um innerlich nicht daran zu zerbrechen. Ich mag Texte von Menschen, egal ob sie von bekannten Autoren oder noch unbekannten Schreibern kommen, die in ihren Aussagen authentisch sind. Über ein Thema zu schreiben, das man selbst nicht fühlt, ist wie einen Bericht abtippen, der ohne Inhalt und ohne Leben ist. Ich war auch sehr überrascht, dass sie mit dieser Art von Texten, zur damaligen Zeit und als Frau, Anklang gefunden hat. Das hat mich beeindruckt.
„Ingeborg, wie ich meine Schwester in Rom sah“ _ Heinz Bachmann, Portraits _ Musilmuseum Klagenfurt, Ausstellung 2016
Brunnen, Stadttheater Klagenfurt
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich denke, sie war ihrer Zeit weit voraus und hatte den Mut, Gesellschaftsfragen und vor allem auch die Stellung der Frau zur damaligen Zeit, zu benennen und eine Formulierung dafür zu finden. Sie hat nicht angeklagt, aber beschrieben und es spiegelt sich viel von diesen Zuständen in ihren Texten wider. Eigentlich enthalten viele ihrer Texte kleine Botschaften und Hinterlassenschaften an andere Frauen. Um zu kommunizieren und vielleicht auch, um Zustände in Worte zu fassen, die andere zwar ebenso wahrgenommen, aber vielleicht nicht formulieren konnten.
Viele der Texte sind auch Zeitzeugen. In einer Epoche, wo es Krieg gab, sind Dinge passiert, die nicht so leicht verarbeitbar sind. Auch das liest man in ihren Texten, wie sie mit Verlust, Hoffnung und den Fragen, die sie an die damalige Gesellschaft hat, umgeht.
Ich denke, dass sie sich dieser Herausforderung gestellt hat, über Themen zu schreiben, die oftmals totgeschwiegen wurden, machen das Besondere aus. Sie hat sich getraut hinzusehen, wo andere schwiegen.
„Nebelland hab ich gesehen, Nebelherz hab ich gegessen…“ Ingeborg Bachmann/Nebelland _ Stadtpark Klagenfurt
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich muss gleich vorweg nehmen, dass ich nicht mit all ihren Werken vertraut bin. Man wird bei ihren Texten so sehr mit der Realität konfrontiert, was manchmal schwer auszuhalten ist. Mir geht es zumindest so wenn ich ihre Texte lese. Ich muss aber auch nicht jedes ihrer Werke gelesen haben, um ein Gespür für sie als Person zu bekommen. Die Texte, die ich gelesen habe, wie beispielsweise der Gedichtband „Die gestundete Zeit“, zeigt viel von ihrem Innenleben und wie sie mit den Themen der damaligen Zeit, aber auch ihren privaten Themen umgegangen ist. Ich denke, das Schreiben hat ihr geholfen ihre Gedanken zu sortieren und Abstand zu Themen zu gewinnen, sobald sie niedergeschrieben wurden.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich finde es höchst interessant, aber auch passend zur damaligen Zeit, in der die Frauenbewegung und der Feminismus am Vormarsch waren und sich gesellschaftlich einiges für die Frauen verändert hat. Bemerkenswert ist für mich, dass sie das so ausformuliert hat und sich auch getraut hat. Das war nicht selbstverständlich.
Sie hat damals einfach erkannt, dass es an den gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit lag und es den Männern gar nicht bewusst ist, dass sie dieses Patriarchat zwar leben, weil es gesellschaftlich so weitervererbt wurde und auch die gesamten Strukturen so erstellt waren, die Männer begünstigten, dass sie aber menschlich davon schon längst geheilt sein hätten können. Deshalb beschreibt sie es auch wie eine Krankheit, welche die Männer befallen hat. Und dieses „unheilbar“, das sie anfügt, spiegelt ihre eigene Hoffnungslosigkeit wider, dass sich der Mann davon auch nie erholen wird.
Wenn sie die Weiterentwicklung heute sehen könnte, würde sie nicht mehr von einer unheilbaren Krankheit reden, sondern von einer Krankheit, die viele nicht mehr befällt. Aber dafür hat es eben Vorreiter und mehrere Generationen gebraucht. In vielen Ländern dieser Welt stehen die Frauen erst am Anfang. Aber das Patriarchat wird sich abschaffen. Davon bin ich überzeugt.
In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?
Ich muss ganz offen sagen, dass ich „Malina“ selbst noch nicht gelesen habe. Aber auch ohne die genauen Inhalte zu kennen, würde ich sagen, dass Bachmanns literarischer Zugang grundsätzlich kein erzählender im klassischen Sinn ist, sondern ein diagnostischer. Sie interessiert sich weniger für Geschichte als Ereignis, sondern für Geschichte als innere Realität. Gerade die Traumata des 20. Jahrhunderts, Shoa und Krieg, erscheinen bei ihr nicht abgeschlossen, sondern wirken weiter, oft dort, wo man sie nicht vermutet – im Privaten, im Intimen.
Was mich aber berührt, ist dieser Gedanke, dass Geschichte nicht einfach vergeht. Dass Krieg, Schuld, Gewalt oder Sprachlosigkeit auch Generationen später noch in Menschen weiterleben – in Beziehungen, im Denken, vielleicht auch in dem, worüber geschwiegen wird. Für uns heute bedeutet das vielleicht, dass Literatur nicht nur erinnern soll, sondern sensibel machen muss für das, was weiterwirkt, auch wenn wir glauben, längst darüber hinweg zu sein. Aber nicht unbedingt, um Antworten zu geben, sondern etwas sichtbar zu machen, das oft unter der Oberfläche liegt. Geschichte verlangt nicht nur Wissen, sondern Aufmerksamkeit.
Klagenfurt/Lendkanal
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Das kann ich so nicht beantworten. Ich hätte sie einmal kennenlernen müssen, dann hätte ich gemerkt, ob wir einen Draht zueinander hätten. Im Zuge des Gesprächs ergeben sich Themen. Man merkt, ob man Gemeinsamkeiten oder Parallelen hat. Aber wenn du meinst, ob mir eine Frage unter den Nägeln brennt, dann nein, ich hätte jetzt keine konkrete Frage an sie.
Vielleicht hätte ich ihr gesagt, dass die Liebe zu einem Mann nicht alles ist. Aber ohne die Liebe die Welt nichts ist. Ich denke wir hätten sehr wahrscheinlich Gesprächsstoff zu unterschiedlichen Themen gefunden.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell bin ich dabei, die Vorbereitungen für mein nächstes Buch zu treffen. Ich feile gerade noch am Titel. Es soll wieder mit Texten, gefüllt sein, die das Leben widerspiegeln.
Außerdem habe ich einige Projekte im Kopf, die ich gerne umsetzen möchte, die ich aber noch für mich behalte. Ich mache Projekte erst publik, wenn sie fertig sind.
Begleitend zur Veröffentlichung meines zweiten Buches möchte ich auch wieder Lesungen machen. Ich sehe darin eine schöne Möglichkeit, meine Texte nicht nur schriftlich weiterzugeben, sondern sie auch persönlich erlebbar zu machen und mit Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.
Parallel habe ich gerade meine Homepage www.nicole-hohenwarter.at erstellt, was sehr arbeitsintensiv war. Das sind so Dinge neben den eigentlichen Schreibprojekten, die zusätzlich auch Zeit erfordern.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
Nachdem ich ihre Zitate durchgelesen habe, ist Folgendes bei mir hängen geblieben:
„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“
In diesem Zusammenhang wünschte ich mir, die Menschheit würde gewisse Dinge nicht immer so schnell vergessen bzw. das, was sie in dem Moment daraus gelernt hat auch für die Zukunft mitnehmen. Die Menschheit vergisst all zu schnell. Nur nicht, wenn sie jemandem etwas nachträgt und auf Vergeltung aus ist. Dann scheint es über Generationen nicht vergessen zu werden bzw. sorgt irgendjemand dafür, dass es nicht vergessen wird.