
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Corinna Antelmann, Schriftstellerin
Liebe Corinna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe Bachmann zu lesen begonnen, da lebte ich noch in Norddeutschland und kannte Österreich allein von der Durchreise nach Italien. Ich dachte, der Graben, von dem sie schrieb, sei ein Bach, und neulich erzählte mir ein Bekannter (beim Gang über den Graben), dass es eine Übersetzung ins Tschechische gebe, in dem die Wiener Einkaufsstraße tatsächlich mit dem tschechischen Wort für Bach bezeichnet werde.
Das Interessante jedoch ist, dass meine frühen Missverständnisse aufgewogen wurden durch ein tiefes Verständnis für das, was sie beschrieb und selbst die norddeutsche Neunzehnjährige anrührte. Ich konnte ohne Weiteres diese Welt betreten, sie war mir vertraut. Natürlich erreichte mich ihr Werk früher auf andere Weise als heute, wo ich in Österreich wohne und inzwischen Erfahrungen teile, die Bachmann auf ihre unvergleichliche Art zu beschreiben verstand. Als Schriftstellerin lese ich zudem anders, wenngleich ich noch immer in erster Linie zunächst zu erspüren versuche, was es ist, was dort nach einer Sprache sucht.

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 5/22, folgende
Dass Ingeborg Bachmann es auf das Titelbild des Spiegels schaffte, als Frau, als Lyrikerin, ist jedenfalls mitverantwortlich dafür, dass ich – trotz aller Widrigkeiten – dachte: Du kannst es schaffen. Auch du kannst Schriftstellerin werden. Sie hat mich über die Schwelle gehievt, so kann ich sagen. Dass ebendies Aufgabe und Möglichkeit von Literatur sein kann, thematisiere ich, in anderem Kontext, in meinem neuen Monolog, der zugleich ein Brief an Ingeborg Bachmann ist und mir noch einmal einen anderen Zugang eröffnet hat. Auch von „Zugängen in die Literatur“ ist darin übrigens die Rede …

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich sehe in ihrem Schreiben den unbedingten Versuch, präzise sein zu wollen und nach den passenden Worten zu fischen, um die Wahrheit aus den Tiefen der menschlichen Seele hervorzuholen und ihr Ausdruck zu verleihen. Es geht nicht um schnelle Urteile, sondern um die existentiellen Dilemmata, denen wir als Mensch ausgesetzt sind. Auf sie scharfsinnig zu reagieren, bleibt eine stete Herausforderung, der Ingeborg Bachmann sich – zumindest im Schreiben – gestellt hat.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mein „Einstieg“ in Bachmanns Schreiben war Malina, da ich erst sehr spät angefangen habe, Lyrik zu lesen (vom Lyrik schreiben halte ich mich nach wie vor möglichst fern, und das ist gut so). Ich möchte den Roman auch deshalb hervorheben, weil er mich nach wie vor zu wiederholter Lektüre ruft. In einem Interview in der ZEIT sagte Bachmann einmal, „man müsse überhaupt ein Buch auf verschiedene Arten lesen können und es heute anders lesen als morgen.“ Nicht bei jedem Buch gelingt es mir, aber im Falle Malinas betrete ich beim (Neu-)Lesen – je nach Lebensalter – immer wieder verschiedene Ebenen. In der Doppelnatur, die Bachmann in Malina beschreibt, habe ich meinen Faust gefunden; nur ist mir das ICH näher als Goethes Gelehrter, weil es aus der weiblichen Erfahrung heraus schildert, die noch einmal anderen Begrenzungen unterworfen ist als allein (dies zusätzlich!) der allgemeinen Begrenztheit des Menschen.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Eine Gesellschaft, die ihre Frauen nicht mit einbezieht, mehr noch: nach wie vor unterdrückt, und, getrieben vom Gedanken an Ungleichheit, Expansion, Leistung, zerstört nicht nur jeden Gedanken an Gleichheit, Humanismus, Demokratie, sondern ebenso die Lebensgrundlagen selbst. Die Haltung, mit der das Patriarchat herrscht, geht nicht nur davon aus, dass die eine Art Mensch mehr wert ist als die andere (wohin das bereits geführt hat, sehen wir im Nationalsozialismus), sondern schreckt auch nicht vor der Zerstörung aller natürlichen Ressourcen zurück, indem alle Vorgänge des Lebensprinzips als überwindbar und damit ebenso auf gewisse Weise als den Technologien unterlegen angesehen werden. Das Patriarchat verachtet das Leben (und verirrt sich dabei noch in dem Glauben, sich über es stellen zu können), so wie es diejenigen verachtet, die dieses Leben hervorbringen. Das Thema Mutterschaft wurde im Übrigen im Nationalsozialismus in ein Eck getrieben, in dem es noch immer steht, sodass die einzige Idee scheint, sich wiederum von der Mutterschaft befreien zu wollen. Dabei gäbe es durchaus andere Varianten, zum Beispiel die Vaterschaft oder den Clan in die Verantwortung zu holen, ohne in entweder die Heiligsprechung oder die Abwertung des Mütterlichen wandern zu müssen.
Allerorts fehlt die Achtung, vor der Umwelt, den Mitmenschen, den eigenen Sehnsüchten gegenüber, und kann somit nur in die Zerstörung führen. Kriege sind jedoch kein Naturgesetz, und ich sehe (will es sehen!) zarte Bestrebungen, es anders zu versuchen. Der Feminismus kann uns dabei einen Weg weisen, und jede und jeder, die oder der weiß, was Feminismus bedeutet, würde den Weg mitgehen, unabhängig vom Geschlecht.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für mich ist das Schreiben kein Martyrium, sondern eine stete Auseinandersetzung mit mir selbst, die mir höchstes Glück bedeutet. Nur deshalb bleibe ich dem Schreiben noch immer treu, obwohl es mich – die ich es nicht auf das Titelblatt des Spiegels geschafft habe bisher – nicht selten an den Rand der Existenz drängt, der materiellen Existenz; meiner Existenz als Mensch rücke ich dagegen näher, so hoffe ich.
Martyrium hieße ja, das Schreiben auszuhalten, weil ich daran glaube, mit dem Schreiben etwas bewirken zu können. Dieser Glaube schwankt zunehmend, wenngleich ich davon überzeugt bin, dass die Wirkung von Literatur niemals unterschätzt werden sollte – nur müsste sie sich eben der Wahrheit verpflichten, wie oben beschrieben, statt auf den Zug der schnellen Urteile und verkürzten Thesen aufzuspringen, und müsste mehr Menschen erreichen können. Aber da streifen wir eine grundsätzliche Frage, nämlich: Was ist Literatur? Vielleicht kann so viel gesagt werden: Wenn sie zur Ware verkommt, wie es größtenteils geschieht, wird sie verzichtbar sein, fürchte ich und fände es zugleich äußerst dramatisch. Und zwar nicht allein für die Schreibenden.
„Und der Versuch heute, dem Schriftsteller die Notwendigkeit seiner Existenz abzusprechen, scheint mir daher sehr töricht zu sein“, schreibt Bachmann in „Wie müssen wahre Sätze finden“ (das Buch stellst du ja hier vor). Dem stimme ich zu.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Von meinem vierzigseitigen Monolog, in dem ich (in der Form eines fiktiven Briefes aus der Perspektive einer Neunzigjährigen) alles sage und frage, was ich ihr hätte sagen wollen, habe ich bereits berichtet. Deshalb hier der Verweis auf: Alle Zeit gestundet (Premiere am 7. Apil in der Tribüne Linz, Erscheinungstermin des „Briefes“ zeitgleich, Kollektiv Verlag). Hier nur eines: Danke.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Zusätzlich zu dem fiktiven Brief an Ingeborg Bachmann gibt es zwei weitere „Briefe“ an Franz Kafka und an Heinrich Böll, geschrieben von unterschiedlichsten Menschen, Männern und Frauen, auf der Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt. Die Veröffentlichung steht noch aus.
Außerdem habe ich letztes Jahr ein Manuskript fertiggestellt, das die ehemalige Tötungsanstalt Schloss Hartheim zum Ausgangspunkt nimmt und ein Roman hatte werden sollen, sich jedoch in der Form verweigert hat und nun ein Text geworden ist, den ich „Eine Befähigung“ nenne. Die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus teile ich ebenso mit Ingeborg Bachmann wie die Frage nach dem Entstehen von Faschismus – ein Prozess, den wir heute leider live in den sogenannten Sozialen Medien mitverfolgen können. Für das Manuskript suche ich nach dem passenden Verlag, was sich als schwerer erweist als angenommen. Ich bin dennoch froh, es geschrieben zu haben. Nicht nur beschäftigt sich die Geschichte mit dem Faschismus, sie nimmt zudem die Kunst in die Verantwortung, beziehungswiese attestiert ihr die Fähigkeit, verändern zu können, was wieder zu deiner oben gestellten Frage zurückführt ….
Noch einmal Bachmann (in ihrer Poetikvorlesung): „Und die verändernde Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewusstsein“
Herzlichen Dank für das Interview!
Zur Person: https://corinna-antelmann.com/tag/monolog/

Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 5/22.
Aktuelles Buch von Corinna Antelmann:

Buchinfo:
Der fiktive Brief an Ingeborg Bachmann wird von der neunzigjährigen Anette geschrieben, als sie nach Klagenfurt reist. Der persönliche Rückblick berührt dabei Motive aus Bachmanns Leben und Anette findet, kaum zufällig, Übereinstimmungen, die sich offensichtlich aus dem Wirken einer Frau und Intellektuellen in einer noch immer männerdominierten Welt ergeben. Zugleich ermöglicht ihr das Schreiben des Briefes, einen versöhnlichen Abschied aus dem Leben zu finden, denn sie weiß bereits, dass sie bald sterben wird.
Das Buch erscheint nahezu zeitgleich mit der Premiere einer Bühnenadaption: https://www.tribuene-linz.at/alle-zeit-gestundet
URAUFFÜHRUNG: 7. April 2026
Hausregisseurin Cornelia Metschitzer inszeniert diesen kraftvollen Text von Corinna Antelmann als eingängiges Crossover aus Theater, Film, Hörspiel und Musik. Dabei wird Ihnen die fast 90-jährige Literaturprofessorin Anette aus ihrem Leben erzählen, von dem sie gerade Abschied nimmt. Ihrer Vergesslichkeit trotzend analysiert sie mit Humor und Scharfsinn, wie sie es schaffte, sie selbst zu werden. Ein feministisches Stück, das sich nicht nur dem Leben und Schreiben der bekannten Dichterin aus Klagenfurt widmet, die heuer 100 Jahre alt geworden wäre, sondern auch vielen universellen Frauenthemen: dem Spagat zwischen Familie und Beruf, dem Streben nach Unabhängigkeit, dem Mut, sich der Liebe ohne Knautschzone hinzugeben, dem Schmerz über das Zerbrechen von Beziehungen, dem Altern in Würde, dem Loslassen sowie der Suche nach Transzendenz. Es spielt für Sie unser wunderbares Ensemble-Duo Lisa Kröll und Jakob Griesser.
(Infos_ Corinna Antelmann)
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Corinna Antelmann, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina Wien _
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _
Walter Pobaschnig 5/22, folgende
Walter Pobaschnig 18.2.2026











































































































