
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Jens-Philipp Gründler, Schriftsteller
Lieber Jens-Philipp Gründler, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn ich ehrlich sein soll, kam ich mit ihrem Werk vor allem aus biografischen Gründen in Berührung. Es mag traurig anmuten, aber ich war als Teenager emotional berührt von Ingeborg Bachmanns tragischem Ende. Ihr dramatischer Tod in Rom mit nur 47 Jahren, die Benzodiazepin- und Barbiturat-Abhängigkeit… Bachmanns Schicksal war eine Grandezza zu eigen, die mich über die Maßen faszinierte. Paul Celans Todesfuge war mir damals ein Begriff und über diesen ehrfürchtig von mir verehrten Dichter näherte ich mich dann der Frau, die ihn „mehr liebte als (ihr) Leben“. Auch ihre Beziehung zu dem Komponisten Hans Werner Henze, der ganz in der Nähe meines Kindheitsortes, im ostwestfälischen Gütersloh, geboren wurde, interessierte mich. Seine Filmmusiken, etwa für die Böll-Verfilmung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Schlöndorffs Junger Törless hatte ich im Deutschunterricht kennengelernt. Meine erste unmittelbare Begegnung mit Bachmanns Werk hatte ich indes zu Abiturzeiten, als ich mir eine Bühnenadaption ihres Romans Malina im Theater anschaute.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In meinen Augen weist ihr Werk eine Direktheit auf, eine Wucht, die aber nicht mit Monumentalität verwechselt werden sollte. Marcel Reich-Ranicki beschrieb ihre Prosa einmal als „anachronistisch“. Oftmals verknüpfen Interpretinnen und Deuter Bachmanns Texte mit Begriffen wie „kaleidoskopisch“, „fragmentiert“, „zersplittert“, „traumhaft“ oder „zerfasert“. Bachmann schreibt in gewisser Weise maskulin, wobei eine derartige Definition heutzutage mit Vorsicht zu betrachten ist. Die somnambule Relativierung des Ichs vieler ihrer Figuren, vor allem aber der weiblichen, einhergehend mit eleganter Gesellschaftskritik, kündet von einer Frische und Modernität, die ihresgleichen sucht – ohne Erfolg. Bachmann setzte alles auf eine Karte, war sie eine Künstlerin, bei der Vita und Werk ineinander verschmolzen. Sie opferte sich vollkommen für ihr Werk, so mein Eindruck, und ging schließlich leidvoll daran zugrunde. Ob es ehrwürdige Nachfolgerinnen und Adepten gibt, heutzutage? Ich wage es zu bezweifeln. Wer ist dieser Tage noch dazu bereit, Leib und Seele zu riskieren, für die Kunst?
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Der fünf Erzählungen enthaltende Band Simultan aus dem Jahr 1972 gefällt mir aufgrund seiner erzählerischen Klarheit und Prägnanz. Jeder Satz wirkt auf mich wie in Stein gemeißelt. Als habe Michelangelo eine Skulptur im rauen Marmorblock erkannt und sie dann präzise Schlag für Schlag daraus befreit. Des Weiteren mag ich die Mondänität der Settings, das existentielle In-die-Welt-Geworfensein der Figuren und deren Gegensätzlichkeit. Die Protagonistin der ersten Geschichte, eine Simultanübersetzerin, die sich in Mittelitalien erholen will und der beim Anblick einer Christusstatue übel wird, bietet einen humorvollen Kontrast zum nicht weniger amüsanten Dasein von Beatrix. Sie ist 21 Jahre alt, würde am liebsten die ganze Zeit schlafen und es gelingt ihr gerade einmal, den Friseur aufzusuchen. An dieser Stelle zeigt sich, wie vielschichtig Bachmanns Werk ausfällt und dass Witz und Esprit eine große Rolle spielen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Hättest Du dieses kompromisslose, radikale und dennoch von Schönheit und natürlicher Ursprünglichkeit geschmückte Werk auch erschaffen können, wenn Du hier und da auf die Bremse getreten hättest? Oder blieb Dir nichts anderes übrig als mit Vollgas zu fahren? War der Tragik bedingende Kollisionskurs die conditio sine qua non für Dein Schaffen? Oder blicken wir zu kurz und übersehen den Humor, der in deinen Arbeiten präsent ist?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Zurzeit bereite ich eine Anthologie zu der Kunstausstellung Skulptur Projekte 2027 vor, die alle zehn Jahre in Münster stattfindet und bei der Kunst im öffentlichen Raum präsentiert wird. Hierfür sammelt der VS Münsterland Texte, die von bereits vorhandenen oder ehemals ausgestellten Kunstwerken handeln. Darüber hinaus arbeite ich an einem Roman über eine Guerillagang, die einen einflussreichen und unerbittlichen Psychiater entführt, um ihn für das, was er vier Frauen antat, zur Rechenschaft zu ziehen. Auch wenn dies wie ein Racheroman erscheint: Der Grundgedanke hierbei soll die in der Bergpredigt geforderte Feindesliebe sein.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ Dieser Aphorismus könnte uns gegenwärtig sehr helfen, wären wir nur bereit, ihn zu verinnerlichen und dann umzusetzen.
Herzlichen Dank für das Interview!
Gern geschehen. Ich danke Dir!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Jens-Philipp Gründler _ privat.
Walter Pobaschnig, 29.3.26





















































































