Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25, folgende
Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25, folgende
MALINA
Manchmal ist
Alles
Leichter,
Im
Nachhinein betrachtet,
Als es anfangs zu ertragen war.
Nicole Hohenwarter, 26.5.2026
Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25, folgende
Fotos: Motive Klagenfurt & Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt _ Lendkanal/Klagenfurt _ Kindheit/Jugendstadt Ingeborg Bachmanns, mit der sie zeitlebens in guter Verbindung war_ Walter Pobaschnig 10/25
Im Interview _ Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt
Liebe Nicole, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn man in Klagenfurt wohnt, stolpert man natürlich zwangsläufig über Ingeborg Bachmann. Überall finden sich Fragmente ihres literarischen Erbes, Textzeilen prangern von Hauswänden, Straßenschilder sind nach ihr benannt. Mein Sohn hat das Ingeborg-Bachmann-Gymnasium besucht; dort finden sich überall Textauszüge und Hinweise auf ihre literarischen Werke. Also man kommt hier mit Ingeborg Bachmann in Berührung und auch mit ihren Werken, die natürlich einen Denkanreiz liefern.
Ursulinengymnasium/Mittelschule _ KlagenfurtMusilmuseum Klagenfurt mit Ingeborg Bachmann Schauraum
Als ich die ersten Texte von Ingeborg Bachmann gelesen habe, merkte ich schnell, wieviel Traurigkeit sich darin verbirgt. Starke Gefühle, denen sie Ausdruck verleihen wollte oder sogar musste, um innerlich nicht daran zu zerbrechen. Ich mag Texte von Menschen, egal ob sie von bekannten Autoren oder noch unbekannten Schreibern kommen, die in ihren Aussagen authentisch sind. Über ein Thema zu schreiben, das man selbst nicht fühlt, ist wie einen Bericht abtippen, der ohne Inhalt und ohne Leben ist. Ich war auch sehr überrascht, dass sie mit dieser Art von Texten, zur damaligen Zeit und als Frau, Anklang gefunden hat. Das hat mich beeindruckt.
„Ingeborg, wie ich meine Schwester in Rom sah“ _ Heinz Bachmann, Portraits _ Musilmuseum Klagenfurt, Ausstellung 2016
Brunnen, Stadttheater Klagenfurt
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich denke, sie war ihrer Zeit weit voraus und hatte den Mut, Gesellschaftsfragen und vor allem auch die Stellung der Frau zur damaligen Zeit, zu benennen und eine Formulierung dafür zu finden. Sie hat nicht angeklagt, aber beschrieben und es spiegelt sich viel von diesen Zuständen in ihren Texten wider. Eigentlich enthalten viele ihrer Texte kleine Botschaften und Hinterlassenschaften an andere Frauen. Um zu kommunizieren und vielleicht auch, um Zustände in Worte zu fassen, die andere zwar ebenso wahrgenommen, aber vielleicht nicht formulieren konnten.
Viele der Texte sind auch Zeitzeugen. In einer Epoche, wo es Krieg gab, sind Dinge passiert, die nicht so leicht verarbeitbar sind. Auch das liest man in ihren Texten, wie sie mit Verlust, Hoffnung und den Fragen, die sie an die damalige Gesellschaft hat, umgeht.
Ich denke, dass sie sich dieser Herausforderung gestellt hat, über Themen zu schreiben, die oftmals totgeschwiegen wurden, machen das Besondere aus. Sie hat sich getraut hinzusehen, wo andere schwiegen.
„Nebelland hab ich gesehen, Nebelherz hab ich gegessen…“ Ingeborg Bachmann/Nebelland _ Stadtpark Klagenfurt
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich muss gleich vorweg nehmen, dass ich nicht mit all ihren Werken vertraut bin. Man wird bei ihren Texten so sehr mit der Realität konfrontiert, was manchmal schwer auszuhalten ist. Mir geht es zumindest so wenn ich ihre Texte lese. Ich muss aber auch nicht jedes ihrer Werke gelesen haben, um ein Gespür für sie als Person zu bekommen. Die Texte, die ich gelesen habe, wie beispielsweise der Gedichtband „Die gestundete Zeit“, zeigt viel von ihrem Innenleben und wie sie mit den Themen der damaligen Zeit, aber auch ihren privaten Themen umgegangen ist. Ich denke, das Schreiben hat ihr geholfen ihre Gedanken zu sortieren und Abstand zu Themen zu gewinnen, sobald sie niedergeschrieben wurden.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich finde es höchst interessant, aber auch passend zur damaligen Zeit, in der die Frauenbewegung und der Feminismus am Vormarsch waren und sich gesellschaftlich einiges für die Frauen verändert hat. Bemerkenswert ist für mich, dass sie das so ausformuliert hat und sich auch getraut hat. Das war nicht selbstverständlich.
Sie hat damals einfach erkannt, dass es an den gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit lag und es den Männern gar nicht bewusst ist, dass sie dieses Patriarchat zwar leben, weil es gesellschaftlich so weitervererbt wurde und auch die gesamten Strukturen so erstellt waren, die Männer begünstigten, dass sie aber menschlich davon schon längst geheilt sein hätten können. Deshalb beschreibt sie es auch wie eine Krankheit, welche die Männer befallen hat. Und dieses „unheilbar“, das sie anfügt, spiegelt ihre eigene Hoffnungslosigkeit wider, dass sich der Mann davon auch nie erholen wird.
Wenn sie die Weiterentwicklung heute sehen könnte, würde sie nicht mehr von einer unheilbaren Krankheit reden, sondern von einer Krankheit, die viele nicht mehr befällt. Aber dafür hat es eben Vorreiter und mehrere Generationen gebraucht. In vielen Ländern dieser Welt stehen die Frauen erst am Anfang. Aber das Patriarchat wird sich abschaffen. Davon bin ich überzeugt.
In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?
Ich muss ganz offen sagen, dass ich „Malina“ selbst noch nicht gelesen habe. Aber auch ohne die genauen Inhalte zu kennen, würde ich sagen, dass Bachmanns literarischer Zugang grundsätzlich kein erzählender im klassischen Sinn ist, sondern ein diagnostischer. Sie interessiert sich weniger für Geschichte als Ereignis, sondern für Geschichte als innere Realität. Gerade die Traumata des 20. Jahrhunderts, Shoa und Krieg, erscheinen bei ihr nicht abgeschlossen, sondern wirken weiter, oft dort, wo man sie nicht vermutet – im Privaten, im Intimen.
Was mich aber berührt, ist dieser Gedanke, dass Geschichte nicht einfach vergeht. Dass Krieg, Schuld, Gewalt oder Sprachlosigkeit auch Generationen später noch in Menschen weiterleben – in Beziehungen, im Denken, vielleicht auch in dem, worüber geschwiegen wird. Für uns heute bedeutet das vielleicht, dass Literatur nicht nur erinnern soll, sondern sensibel machen muss für das, was weiterwirkt, auch wenn wir glauben, längst darüber hinweg zu sein. Aber nicht unbedingt, um Antworten zu geben, sondern etwas sichtbar zu machen, das oft unter der Oberfläche liegt. Geschichte verlangt nicht nur Wissen, sondern Aufmerksamkeit.
Klagenfurt/Lendkanal
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Das kann ich so nicht beantworten. Ich hätte sie einmal kennenlernen müssen, dann hätte ich gemerkt, ob wir einen Draht zueinander hätten. Im Zuge des Gesprächs ergeben sich Themen. Man merkt, ob man Gemeinsamkeiten oder Parallelen hat. Aber wenn du meinst, ob mir eine Frage unter den Nägeln brennt, dann nein, ich hätte jetzt keine konkrete Frage an sie.
Vielleicht hätte ich ihr gesagt, dass die Liebe zu einem Mann nicht alles ist. Aber ohne die Liebe die Welt nichts ist. Ich denke wir hätten sehr wahrscheinlich Gesprächsstoff zu unterschiedlichen Themen gefunden.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell bin ich dabei, die Vorbereitungen für mein nächstes Buch zu treffen. Ich feile gerade noch am Titel. Es soll wieder mit Texten, gefüllt sein, die das Leben widerspiegeln.
Außerdem habe ich einige Projekte im Kopf, die ich gerne umsetzen möchte, die ich aber noch für mich behalte. Ich mache Projekte erst publik, wenn sie fertig sind.
Begleitend zur Veröffentlichung meines zweiten Buches möchte ich auch wieder Lesungen machen. Ich sehe darin eine schöne Möglichkeit, meine Texte nicht nur schriftlich weiterzugeben, sondern sie auch persönlich erlebbar zu machen und mit Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.
Parallel habe ich gerade meine Homepage www.nicole-hohenwarter.at erstellt, was sehr arbeitsintensiv war. Das sind so Dinge neben den eigentlichen Schreibprojekten, die zusätzlich auch Zeit erfordern.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
Nachdem ich ihre Zitate durchgelesen habe, ist Folgendes bei mir hängen geblieben:
„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“
In diesem Zusammenhang wünschte ich mir, die Menschheit würde gewisse Dinge nicht immer so schnell vergessen bzw. das, was sie in dem Moment daraus gelernt hat auch für die Zukunft mitnehmen. Die Menschheit vergisst all zu schnell. Nur nicht, wenn sie jemandem etwas nachträgt und auf Vergeltung aus ist. Dann scheint es über Generationen nicht vergessen zu werden bzw. sorgt irgendjemand dafür, dass es nicht vergessen wird.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller _ Herne/D
Lieber Christoph, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine erste Begegnung mit Ingeborg Bachmann war die Lektüre von MALINA in einem Literaturkurs am Gymnasium. Das war gegen Ende der siebziger Jahre.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie findet klare und ehrliche Worte. Sie schafft es mit ihrer Sprache zu berühren (das kann so angenehm wie auch unangenehm sein).
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nein, das kann ich nicht, dafür habe ich zu wenig von ihr gelesen. Dem Grunde nach ziehe ich ihre Gedichte ihren Prosatexten vor. Ihren Band „Die gestundete Zeit“ finde ich ziemlich gut.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Der Satz von „den alten weißen Männern“ ist schon reichlich überstrapaziert worden (soweit ich weiß hat Frau Bachmann den auch nie gesagt) aber tatsächlich sind es gerade „alte weiße Männer“ die in einem, bis vor ein paar Jahren nicht für möglich gehaltenem Ausmaß Kriege führen, die Erde ausbeuten, Geld scheffeln, die Menschheit als Verhandlungsmasse ansehen, Wohn – und Lebensräume zerstören, vor Völkermord nicht zurückschrecken und die so unberechenbar sind, das man (mittlerweile vieler alter Sicherheiten beraubt) täglich mit weiteren, schlimmen Steigerungen des Wahnsinns rechnet. Da hatte Frau Bachmann mit ihrem Thema „die Männer sind unheilbar krank“ einen prophetischen Blick in die Zukunft getan. Ich denke aber, das heutige Ausmaß, das von der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt derzeit ausgeht, hätte sie sich in dieser Dimension nicht vorstellen können. Für mich sind das auch keine Menschen. Eher Monster in Menschenverkleidung … Monster, Aliens, was auch immer Nichtmenschliches im Kostüm eines alten weißen Mannes.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ob mit oder ohne Frau Bachmann … wie wir lieben, wie wir leben wollen, müssen wir für uns selbst entscheiden. Ich denke: wenn ein Paar über sich, ihre Zusammengehörigkeit, ihr gemeinsames Leben reflektiert und sagt: Das haben wir gut gemacht, dann war es ein glückliches zusammen lieben und leben. (… nimm es als kleine Anspielung auf den Suhrkamp/Piper-Band zum Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch).
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das Martyrium ist so ein religiös geprägter Begriff. Es beschreibt landläufig einen Prozess in dem man langes, schweres Leid und Leiden, extreme Qualen, auf sich nimmt um Zeugnis abzulegen von Treue zu Gott. Oder Soldaten die unter unmenschlichsten Bedingungen in Schützengräben liegen und ihr Land verteidigen. Ich denke Schreiben ist ein Vorgang in dem man sich selbst in ziemlicher Einsamkeit begegnet und lernen muss sich selbst auszuhalten. Schreiben ist auch Befreiung, es ist zudem ein mächtiges kreatives Instrument. Wenn mir ein guter Text gelungen ist, bin ich glücklich, geradezu euphorisch und jedes Mal frage ich mich dann: Wird dir das noch einmal gelingen? Als „Schreibender“ zu existieren ist für mich ganz normal. Außenstehende mögen da manchmal denken, ich sollte mit meiner Zeit was Besseres anfangen. Insofern stimme ich Frau Bachmann bei „absonderliche Art zu existieren“ und „einsam“ voll zu.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Was ich in ihren Texten oft finde, ist eine Art von „Grundtraurigkeit“ die bei ihr zu Wort gekommen ist. Ohnmacht, Vergeblichkeit, Vergänglichkeit, Einsamkeit, Gebrechen und Krankheiten … und am Ende steht der Tod, er wird in jedem Fall siegen und das Leben und die Liebe werden verlieren. Eigentlich sind das die zentralen Themen der Menschheit und kommen in der Literatur, in der Musik, im Film und der Malerei immer wieder vor.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Diese Frage kann ich nur unter der Voraussetzung beantworten Ingeborg Bachmann und ich seien so gute Freunde gewesen, dass man sich „was fragen oder sagen dürfe“. Dann würde ich ihr sagen: Gib dich nicht auf. Such dir einen neuen Platz in dieser Welt. Übernimm für dich Verantwortung und lass ruhen, was nicht zu ändern ist.“ Und vor allem: „Schreib mehr Gedichte!“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
2024 ist bei Ralf Friel im Verlag moloko + die MONDLANDUNG erschienen. Ein Buch mit Gedichten von mir und wunderbaren Collagen von Boris Kerenski. Wir haben nachgelegt und ein weiteres gemeinsames Projekt mit dem Titel SCHNITTWUNDEN liegt fertig bei moloko + und soll in diesem Jahr veröffentlicht werden. Dann wird es eine weitere Ausgabe des literarischen Magazins PRESSWURST geben. Sie wird wie sonst auch bei Rodneys Underground Press erscheinen. Ein drittes Projekt mit Boris Kerenski ist beinahe fertig und ich arbeite bereits an einem neuen Gedichtband als möglichen Nachfolger für den Gedichtband DER LETZTE SOMMER DER SCHÖNHEIT der 2024 bei Trikont Duisburg/Dialog Edition erschienen ist. Ich bin also momentan voll ausgelastetJ.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Es sind gleich die ersten 3 Zeilen ihres Gedichts „Alle Tage“ – „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt. Das Unerhörte / ist alltäglich geworden.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Immer wieder gerne. Und vielen Dank für Deine Arbeit und Deinen unermüdlichen Einsatz für die Literatur und die Kunst.
Im Interview _ Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Berlin
Liebe Kerstin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Die ersten Bachmann-Gedichte las ich 1980. Da war ich 19. In der DDR gab es zu dieser Zeit nur spärliche Veröffentlichungen ihrer Werke. Für den Zirkel subversiver Literaten und Künstler, die mir damals die Augen öffneten, war Ingeborg Bachmann eine enorme Stimme, die das uns verordnete optimistische Welt- und Selbstverständnis gnadenlos zu den Utopien legte. Sie geriet für uns zur Ikone, zum Mythos und war gleichsam eine von unerfüllbaren Träumen überwältigte und überwältigende Realistin.
Was macht das Besondere von Bachmanns Schreibens aus?
Das abgründig Poetische, die Tiefe ihre Suchbewegungen, das Existentielle, Trotzige, Kritische, Atemberaubende, Sinnliche, Visionäre.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die Gedichte. Die Erzählungen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Dito.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Nach wie vor lieben wir die „unheilbar kranken Männer“. Immer wieder. Mit den gleichen Fragen/Klagen an uns selbst. Immer weiter. Immer anders.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Keiner, dem das Schreiben eine ernste Leidenschaft ist, tut das aus tiefster Lebenszufriedenheit. Ich, die an keinen Gott, doch an die Wirksamkeit der Kunst glaubt, ziehe harte Arbeit, gepaart mit Lust/Erkenntnis dem Martyrium vor.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Dass sie „Dunkles sagt“, um dem Leser Hellsicht zu ermöglichen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nichts. Die Antworten auf Fragen, die ich habe, stehen in ihren Texten.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Einen Roman schreiben, in dem die Abbruchkanten der Gesellschaft und der Liebe aufscheinen. Im Hintergrund wird die Ostsee rauschen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Zum Projekt: Pola Polanski _ Das Rumoren der Toten
Das Zunehmen von rechtslastigen Politiker:innen auf der Welt, so auch in Deutschland, hat mich dazu bewogen, an die Geschehnisse und das Grauen im zweiten Weltkriegs zuerinnern. Noch heute rumoren die vielen Toten durch die Zeit. Meine Arbeiten stellen ein Mahnmal dar und appellieren an die künstlerische Freiheit.
Erstens male ich Portraits von Künstlerinnen und Schrifstellerinnen, die im Nationalsozialismus gelebt haben, in schwarz-weiß Überlebensgröße (160 x 200 cm groß) Kohle auf Papier. Hier ist das Medium die Message. Kohle deshalb, weil es an die Asche, den Staub, den Ruß der verbrannten Leichen erinnern soll).
Zweitens male ich kleinere Portraits von den Frauen, die vom Nationalsozialismus tangiert worden sind, im Format DIN A 3 in der Technik Tusche auf Papier.
Dritten versuche ich mir in kleinen Zeichnungen (A5) das Unfassbare, das dieser Krieg angerichtet hat, klarzumachen in der Technik Fineliner in schwarz auf Papier.
So hat die Lyrikern Nelly Sachs zum Beispiel viele ihrer letzten Lebensjahre in Psychiatrien wegen Paranoia vor den Nazis verbracht. Auch das Beispiel der Lyrikerin Gertrud Kolmar ermahnt daran, was im Nationalsozialismus passiert ist. Sie wurde in Auschwitz vergast. Das nationalsozialistische Dritte Reich bedeutete auch Gewalt gegen Frauen, Kinder und Künstler:innen.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin
Ingala Fortagne _ Sopranistin, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Andrea Maria Kerstinger _ Anna Maria Kuzmits.
Im Interview _ Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin _ Burgenland/AT
Liebe Andrea, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Zuallererst denke ich an den Bachmannpreis, der nach ihr benannt ist, und an Ingeborg Bachmann als Lyrikerin. Ich sehe sie vor mir, wie sie in einer Schwarz-weiß-Dokumentation mit feiner Stimme ihre Gedichte vorliest, verschüchtert gar. Später dann sagt sie, sie würde keine Gedichte mehr schreiben und das verwundert mich sehr. Kann man, wenn man einmal damit angefangen hat, wieder damit aufhören? Natürlich kann man sich anderen Dichtungsgattungen widmen, aber einmal Lyrikerin bleibt man das doch für immer, oder etwa nicht?
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Es ist diese besondere Anordnung von Wörtern, die in ihren Gedichten eine ganz eigenwillige Schwingung erzeugen und die auch ihre Prosatexte durchdringen. Die Wörter sind natürlich immer vorhanden, doch niemand reiht sie so aneinander wie Ingeborg Bachmann.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
„Undine geht“ fasziniert mich neben ihren Gedichten wohl am meisten. Die Muse ist nicht nur stark und selbständig, Eigenschaften, die man eher Männern zuschreibt oder damals zugeschrieben hat und damit zutiefst feministisch, sondern sie unterwirft sich gleichzeitig auch der Liebe. Auch die Form ist äußerst ungewöhnlich und mäandert zwischen den Genregrenzen, ist Poem und Erzählung, und enthält dramatische Elemente. Das muss ein Text erst einmal schaffen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Mich hätte interessiert, wie es war so zwischen all den männlichen Literaten und Schriftstellern, die ein starkes Renommée hatten und damals als gewichtiger angesehen wurden als eine weibliche Autorin. Es muss sich unfassbar schwierig gewesen sein sich zu behaupten. Zum Glück hat sich in der Zwischenzeit viel getan und auch der Begriff „Frauenliteratur“ ist am Verschwinden – das würde ich ihrem Autorinnen-Ich gerne zuflüstern, um ihr retrospektiv Mut zu machen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Momentan komme ich nicht wirklich zum Schreiben, seit mein Debütroman „Klasse Frauen“ erschienen ist. Durch die vielen Lesungen und den Brotjob bin ich zurzeit ziemlich ausgelastet. Aber es gibt natürlich weitere Projekte, an denen ich zumindest gedanklich arbeite. Mein nächster Roman wird sich wieder um Frauen und das Burgenland drehen, es soll aber ein Generationenroman werden, so viel kann ich schon mal verraten.
Und durch die Beschäftigung mit Ingeborg Bachmann möchte ich auch selbst wieder mehr Gedichte schreiben.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Geh, Gedanke, solang ein zum Flug klares Wort dein Flügel ist“
(aus: Geh, Gedanke)
Herzlichen Dank für das Interview!
Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin
Aktueller Roman von Andrea Maria Kerstinger:
Als Rebekka ein Maturatreffen initiiert, kommt Bewegung in das Leben jener Frauen, die sich seit ihrer Schulzeit im Burgenland kennen. Unterschiedliche Lebenswege, verdrängte Erinnerungen und verteidigte Entscheidungen treten zutage. Über das ganze Burgenland verteilt, spiegeln die Frauen die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Region wider: Burgenland-Kroatisch, Ungarisch, Hianzisch, Dialekt, Romani und Ukrainisch finden selbstverständlich Platz. Das Maturatreffen selbst bleibt ausgespart – und entsteht doch im Kopf der Leser:innen. Andrea Kerstinger zeichnet ein vielschichtiges Porträt von Frauen Mitte vierzig, geprägt von Solidarität, Lebensrealitäten und einer tiefen Verbundenheit mit dem Burgenland. (Pressetext_ Verlag)
Format: 13 x 20 cm; Broschur Seiten: 184 ISBN13: 978-3-903575-70-7 Preis: AT € 22,00 / DE € 21,40 Erscheinungsdatum: 25. Februar 2026
Im Interview _ Rudolf Kraus, Schriftsteller _ Wien
Lieber Rudolf, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Sehr früh die Faszination von „Undine geht“, welches ich als junger Erwachsener „entdeckt“ habe und das mich beeindruckte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Dichte, empathische Sprache, der Wahrheit verpflichtet.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Undine geht, Malina und Die Gedichte
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Kritik ist nach wie vor unerlässlich und zeitgemäß. Ein Ausgleich zwischen Matriarchat und Patriarchat wäre notwendig.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich sehe es nur als Zitat, denn sonst wäre es eine Verallgemeinerung. Aber die Liebe ist ein Wechselspiel. Zudem denke ich, dass es bei Bachmann auch die Enttäuschung über das Ende der Beziehung mit Max Frisch widerspiegelt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Aus meiner Sicht ist das Schreiben bzw. die Kunst sowohl Martyrium als auch eine Art Befreiung.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob es ihr leichtgefallen ist Italienisch zu lernen.
Denn ihre Nachdichtung Ungarettis zeigt ein feinsinniges Sprachgefühl in der Art einer Muttersprachlerin.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im September 2026 erscheint „Ludwigs Tagebuch“, das von mir in Erzählform gebrachte Kriegsgefangenentagebuch meines Urgroßvaters 1914-1920, an dem ich 7 Jahre gearbeitet habe. Und ich arbeite zurzeit an einem neuen Lyrikband, da gibt es aber noch keinen Termin.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.“
(aus dem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Rudolf Kraus, Schriftsteller
Zur Person:Rudolf Kraus, * 1961 Wiener Neustadt (Niederösterreich). Aufgewachsen in Bad Fischau-Brunn (NÖ.), lebt als Schriftsteller und Bibliothekar i.R. in Wien.
Er war von April 2001 bis August 2024 Stv. Leiter der Hauptbücherei der Stadt Wien – Büchereien und ebendort als Leiter der Literaturabteilung (College 1) tätig, wo er u.a. den Bereich „Szene Österreich“ (zeitgenössische Literatur von österreichischen Autor*innen, auch von weniger bekannten, desgleichen aus Kleinverlagen) etablierte.
Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitungen, Zeitschriften, im Rundfunk und Fernsehen. Seine Gedichte wurden ins Englische, Albanische, Spanische, Türkische und Persische (Farsi) übersetzt. Mitgliedschaften: Literaturkreis PODIUM, GAV – Grazer Autorinnen Autorenversammlung, Ö.D.A., Österreichischer Schriftstellerverband.
Bisher mehr als 30 Buchveröffentlichungen, darunter Prosa, eine Herausgeberschaft sowie etliche Gedichtbände.
Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 5/26 folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance _ Donau/Wien
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text _ Rudolf Kraus, Schriftsteller _ Wien
Performance _ Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 5/26 folgende
Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 5/26 folgende
UNDINE GEHT
undine
nähert sich
dem
ideal einer
neuen
elfe
gestern aber
entstand unerwartet &
heimlich ein
tabu
Rudolf Kraus, 2.5.26
Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 5/26 folgende
Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 5/26 folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance _ Donau/Wien
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text _ Rudolf Kraus, Schriftsteller _ Wien
Performance _ Katrin Fuchs, Sängerin und Schauspielerin _ Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.