„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Julia Kulewatz,Schriftstellerin, Verlegerin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Portrait_Julia Kulewatz _ privat.
Fotos: Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig, 6/24
Karin Peschka, Schriftstellerin _ Wien _ BKS Publikumspreisträgerin _Bachmannpreisteilnehmerin 2017 _ 5. – 9.7.2017 Klagenfurt _ Foto: Romanschauplatz „Malina“ Wien, 2023, Walter Pobaschnig, folgende
Im Interview _ Karin Peschka, A _ Publikumspreisträgerin 2017
Liebe Karin, Du hast 2017 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen, was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?
Es war schön, anstrengend, lustig, spannend, erschöpfend … war quasi alles dabei.
Karin Peschka, vor der Lesung _ dem Lesungsauftakt beim Bachmannpreis 2017
Lesende und Lesereihenfolge _ Bachmannpreis 2017
Bachmannpreis Jury 2017 _ (von links) Christian Ankowitsch(Moderator), Justitiar Andreas Sourij (Stadt Klagenfurt) _Jury: Klaus Kastberger,Sandra Kegel, Stefan Gmünder, Hubert Winkels (Vorsitzender), Meike Feßmann, Michael Wiederstein, Hildegard Elisabeth Keller _ davonin aktueller Jury 2026 _ Klaus Kastberger, Juryvorsitzender seit 2024 (seit 2015 in Jury) _ Foto: Preisverleihung 2017
Wie kam es zu Deiner Nominierung und wie hast Du Dich im Vorfeld vorbereitet?
Ich wurde von Stefan Gmünder eingeladen und habe zur Vorbereitung den Text einige Male laut gelesen, auch im kleinen kritischen Kreis. Der hilfreichste Rat kam von Ludwig Hartinger. Er hat „Autolyse Wien“ lektoriert, den Erzählband, in dem auch mein Klagenfurt-Text „Wiener Kindl“ nachzulesen ist. Das Buch erschien im Herbst 2017 bei Otto Müller.
Ludwig Hartinger riet mir, beim Lesen durch die Erzählung zu gehen wie im Vorstellungs-Video durch unser altes Eferdinger Haus. Und noch etwas riet er mir, aber das verrate ich nicht.
Lesesetting _ ORF Studio Erster Lesetag _ Ankommen der Jury Ankommen der ersten Lesenden _ Karin Peschka, Schriftstellerin/Wien _ Die letzten Momente vor der Lesung…Es beginnt…
Wie hast Du deine Lesung/Kritik erlebt?
Die Lesung schön, vor allem wegen der Atmosphäre im Raum. Das Publikum hat mitgelesen, der Text war ja verteilt worden davor. Das gemeinsame Umblättern, ein fast synchrones Blätterrauschen, war schon besonders. Auf die Kritik konnte ich mich dann wenig konzentrieren, hab sie später nachgehört.
Studiosetting _ Lesungsstuhl/Jury/Publikum
Du wurdest 2017 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Wie gewinnt man das Publikum in Klagenfurt?
Das weiß ich nicht. Ich war nach Tag eins (ich war als Erste an der Reihe) davon überzeugt, von der Jury keinen Preis zu gewinnen. Für den Publikumspreis hatte ich eine Kollegin auf dem Schirm, deren Text ich sehr mochte. Mir ging es gut damit, ich glaube, ich war bei der Preisverleihung eher neugierig und relativ entspannt als aufgeregt oder gar enttäuscht. Als mein Name fiel, war ich sehr überrascht. Und dann ganz außerordentlich glücklich. Und das war’s ja auch: ein großes Glück.
Preisverleihung 2017 _ Karin Peschka, Zweite von rechts, BKS Publikumspreis; weiter von links – John Wray – Deutschlandfunkpreis; Gianna Molinari – 3sat Preis; Ferdinand Schmalz – Bachmannpreis 2017; Eckhart Nickel – Kelag Preis; Preisverleihung ORF Studio Klagenfurt 9.7.2017.
Mit dem Publikumspreis war der Klagenfurter Stadtschreiberpreis (den es ja nicht mehr gibt) verbunden. Wie lange warst Du vor Ort und wie hast Du diese Zeit erlebt?
Ich war 2018 über einige Monate immer wieder für ein paar Tage in der Stadtschreiberwohnung. Hab` mich dort wohlgefühlt. In der Wohnung und in Klagenfurt. Denke, ich konnte die Zeit und Gelegenheit gut nützen.
Klagenfurt/Lendkanal Abendstimmung Wörthersee _ traditioneller Schloss Lorettoempfang der Stadt Klagenfurt beim Bachmannpreis (Entfall 2025)
Wie hat sich die Teilnahme auf Deinen weiteren Weg des Schreibens ausgewirkt?
Der Preis macht sich gut im Lebenslauf. Die Teilnahme hat sich ausgezahlt, die Bekanntheit steigert sich, und mit einem gut dotierten Preis gewinnt man Schreibzeit. Alles wichtige Faktoren in unserer Branche.
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Gartentreffpunkt _ ORF Kärnten
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Alle Fotos Bachmannpreis/Klagenfurt _ Walter Pobaschnig
Liebe Ruth, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann bin ich zeitlebens ausgewichen, ihrem Schmerz und Intellekt. Las hier und dort ein Gedicht, war bewegt bis zur Regungslosigkeit und musste wieder zu mir kommen. Deine Anfrage lässt mich erneut zu ihrem Werk greifen, zu ihren Gedichten. 2008 kaufte ich den Band „Sämtliche Gedichte“ anlässlich einer Hommage der Literarischen Vereinigung Winterthur. Da hatte ich hineingeschrieben: „Sämtliche Gedichte für 16 Franken 80 Rappen – ist das nicht ungeheuerlich?“ und „… ich erlaube mir wieder, Bücher zu kaufen!“
Das war meine Notiz am Anfang des Gedichtbandes – wohl als Erinnerung an die spätere Ruth, dass ich mir aus Geldgründen eine Zeitlang keine Bücher zu kaufen erlaubte. Das ist 18 Jahre her.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ihre Schärfe. Die Wucht ihrer Sprache. Der Schmerz, den sie mit seinen tausend verschiedenen Gesichtern benennen kann in tausend verschiedenen Bildern, Gerüchen, Anklängen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
In den Briefwechsel Bachmann/ Frisch „Wir haben es nicht gut gemacht“, herausgegeben von Thomas Strässle u.a. habe ich mich hineingestürzt und mehrere Nächte lang gelesen, geweint, weitergelesen. Es ist ein intensives Leseerlebnis, das mich erschütterte; zwei Menschen, die sich liebten, fanden und wieder auseinander(ge)trieben (wurden).
Aber auch das Buch „Wir müssen wahre Sätze finden“, Gespräche und Interviews mit Ingeborg Bachmann. (1953-1973). Ein Fundus!
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Bachmanns Werk war zukunftsweisend. Sie hat so vieles schon früh verstanden, erlebte jedoch wenig Fortschritt diesbezüglich. – Und gerade erleben wir erneut eine krasse Zeit des „Nicht-Wissens“, die es auszuhalten gilt. Gesellschaftlich scheint es lauter Rückschritte zu geben. Doch das *Neue* wächst leise heran, da bin ich mir sicher.
*Menschlichkeit. Eine friedvolle Welt für alle. Eine Welt, in der Kinder ihre Talente kennen- und ausdrücken lernen und diese auch als Erwachsene einbringen werden in eine neue Gesellschaft.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Auf eine bestimmte Weise kann man das so sehen, kann auch ich das so sehen. Doch wir schreiben nun das Jahr 2026 und es hat in den letzten Jahren so viele ermutigende Kollektive gegeben. Wo sich schreibende Menschen jenseits und so unabhängig wie möglich von Klischees und starren Regeln austauschen und ermutigen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich wäre wohl noch heute zu schüchtern, sie anzusprechen.
Und wenn ich den Mut fassen würde, würde ich fragen, ob ich sie am Zürichsee zu einem Kaffee einladen dürfte. (Welches ihr Lieblingscafé gewesen sei in ihren Monaten in und um Zürich).
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein Manuskript, ein Roman, an dem ich seit mehreren Jahren arbeite, zum Abschluss und Druck zu bringen. Und auch meine Gedichte warten darauf, überarbeitet und zu einem „Körper“ zusammengefügt zu werden für einen neuen Band – der letzte ist 2023 erschienen. Auch Schriftbilder entstehen, zurzeit kommen „Kleine Stickereien“, gestickt auf kostbares Papier (aus Wien!) dazu. Diese werde ich ab Frühjahr 2026 in der Galerie Weiertal in Winterthur zeigen dürfen.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Liebe Tina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann begleitet mich schon sehr lange. Ich habe Ihre Gedichte schon als Jugendliche gelesen und geliebt und im Studium meine Abschlussarbeit über ihren Gedichtband „Die gestundete Zeit“ geschrieben. Und nicht zuletzt begegnete ich der Autorin und ihrem Werk, da meine Tochter am Ingeborg Bachmann Junior Literaturwettbewerb 2024 teilnahm und ins Finale kam. Auf der Reise dorthin, die vom Niederrhein aus doch recht lange ist, beschäftigten wir uns noch einmal intensiv mit Texten von Ingeborg Bachmann und mit ihrem Leben. Ein Satz, der Titel eines Buches von ihr, begleitet mich überdies fortwährend. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Geprägt von der Stunde Null, von der Idee, dass es nach den Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges keine Schönheit mehr in der Literatur geben könne, dass Literatur, das Schreiben sich neu erfinden müsse, hat Ingeborg Bachmann eine eigene Sprachschönheit entwickelt, die zwischen Kargheit und einer rohen Poesie der Naturbilder sich bewegt. Als wäre die Natur in ihrer Unverfänglichkeit und Unbestechlichkeit ein Rettungsanker, als wäre dort und darin ein gefahrloses Sprechen möglich. Ich spüre in ihrem Schreiben einen unbedingten Willen, Worte zu finden. Es geht nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, es geht immer um die Auseinandersetzung, um den Weg zu einem Ziel, um das Schreiben zu einem Ende hin. Das entwickelt eine bestechende Kraft. Gleichzeitig haben Texte von ihr auch etwas Zerbrechliches, Filigranes. Ich denke, das Besondere liegt genau in diesem Spannungsfeld und im Grunde spiegelt sich das auch in der Person Ingeborg Bachmann: Ein unbedingter Wille, in dieser aus den Fugen geratenen Zeit, die nach Aufbruch strebt und schreit, zu bestehen und gleichzeitig die eigene, weibliche Zerbrechlichkeit im Umfeld ihrer meist männlichen Kollegen zu thematisieren.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihre Gedichtbände „Die gestundete Zeit“ und „Die Anrufung des großen Bären“ und „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Es ist aktueller denn je. Toxische Männlichkeit ist das drängendste Problem unserer Gegenwart, sie kehrt in einem Ausmaß zurück, das lebensbedrohlich für die Umwelt, die Demokratie, die Freiheit der Kunst und Frauenrechte ist. Das ist schockierend. Ich organisiere seit 2024 immer zum 25.11., dem Aktionstag zur Sichtbarmachung von Gewalt gegen Frauen eine Lesung mit Musik. Mit Autorinnen aus meinen Schreibkursen haben wir Texte gesammelt, autobiographische – es waren so viel mehr als erwartet – und fiktionale Geschichten sowie Gedichte. Aus diesen Texten ist eine Anthologie entstanden, die ich herausgebe und die ganz aktuell im Geest Verlag erscheint (2.3.2026). Darauf bin ich sehr stolz. Für viele Autorinnen war es ein Teil der Aufarbeitung, dort sind Dinge genannt, die noch nie erzählt wurden. Und es wird immer wichtiger, dass die Kunst laut wird, dass wir Autorinnen uns positionieren, Haltung zeigen und nicht verstummen. Ich bin der Meinung, dass Kunst nicht zum Selbstzweck entsteht, sondern dass Kunst einen Beitrag zur Gesellschaft leisten sollte, dass Kunst und Demokratie und Frauenrechte zusammengehören – weil es stets um Freiheit geht. Nichts davon darf zum Spielball und politischen Kampffeld werden.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Oh, das ist schwer zu sagen. Ich denke, Ingeborg Bachmann hat selbst ein Leben lang genau nach dieser Antwort gesucht: Wie begegnen wir einander, wohl wissend, dass wir von unterschiedlichen Mustern und Verhaltensweisen, aber auch grundsätzlichen Denkansätzen geprägt sind. Ich glaube, in der Liebe ist es wie mit der Demokratie und auch der Gleichberechtigung: Alle drei sind sie keine Prozesse, die man abschließt und dann ruhen lassen darf. Die Demokratie muss jeden Tag weiter bestärkt werden, die Gleichberechtigung ebenfalls. Genauso ist es mit der Liebe. Es sind keine Errungenschaften, auf denen man sich ausruhen kann, es sind lebende Organismen, die in Bewegung bleiben, die wachsen können, die aber auch schrumpfen können, die wir immer und immer wieder mit Leben füllen müssen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für AutorInnen, die sich als Kunstschaffende sehen, auf jeden Fall. In der Gegenwart, in der die Literatur immer stärker der Kommerzialisierung unterworfen ist und viele AutorInnen mit ihren Werken nur noch Produktionsfaktoren einer Industrie sind, geht die Künstlerseele ein wenig verloren, da kaum Zeit bleibt zum Innhalten. Dabei ist in diesem schmerzhaften Prozess, der aus der Kunst und dem Schreiben etwas Existentielles werden lässt, doch auch der größte Reiz eingeschrieben. Die Wut sei der größte Antrieb für Kreativität, sagte einst der Regisseur Rosa von Praunheim, Selbstzweifel sind dann gewiss der wichtigste Begleiter für den schöpferischen Prozess.
Und ja, Schreiben ist ein einsamer Prozess, der sich für viele mit der Idealvorstellung verknüpft, ein Zimmer mit Aussicht zu haben, Ruhe, Zurückgezogenheit. Auch ist Schreiben immer eine Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Reise zu eigenen Erfahrungen, ein Entdecken eigener Gedanken und Spielräume der Fantasie.
Schreiben ist etwas Wunderbares, mal tieftraurig, mal verzweifelt, dann wieder erhebend und erhellend und mutmachend. Aber nie geradlinig.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich denke, dass gerade in der Gegenwart die Lyrik Ingeborg Bachmanns noch einmal neu gelesen werden kann im Hinblick auf die Naturmetaphern. Während aktuell Nature Writing wieder verstärkt im Kommen ist, das Naturbeobachtung in das Zentrum des Erzählens rückt und gleichzeitig innere Zustände spiegelt, setzte Bachmann die Natur ein, um sogar in der unbestechlichen Natur, die Zerrüttung der Welt zu zeigen. Und doch wirkt die Natur für mich in ihrer Lyrik wie die einzige Zuflucht. Natur ist Beständigkeit, die den Menschen in seiner Bereitschaft zu zerstören, nicht braucht. Natur überlebt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gern gefragt, was sie sich im Leben gewünscht hätte. Welche Worte, welche Art der Anerkennung von den männlichen Kollegen, um zufrieden zu sein. Ich hätte ihr vor allem Kraft gewünscht, ihre zerrissene Seele zusammenzufügen und glücklich sein zu können. Und, ach, ich weiß nicht, was ich ihr gesagt hätte …
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Morgen, am 2. März, erscheint ein neuer Thriller von mir bei Ullstein, „Totenmosaik“. Zeitgleich erscheint die Anthologie, die ich herausgebe: „Ausgesprochen – Frauen schreiben über Gewalt an Frauen“ im Geest Verlag. Ich arbeite gerade an einem Romanprojekt über drei Generationen einer deutschen und einer jüdischen Familie, deren Leben sich immer wieder kreuzen und suche nach einem neuen Verlag, um mich literarisch anders aufzustellen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Wohin aber gehen wir ohne sorge sei ohne sorge wenn es dunkel und wenn es kalt wird sei ohne sorge aber mit musik
Im Interview_ Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin, Künstlerin
Liebe Jayne-Ann, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es sind vor allem ihre Gedichte, die mich gefesselt haben. Las sie in den siebziger Jahren, ist also schon lange her, aber immer noch eindrücklich dieser eigene, zwingende Ton. Harte Texte, auch desillusionierende, weil nichts beschönigende Gedichte mit Bezügen zu einer gerade einmal ein Jahrzehnt zurückliegenden Gegenwart, die von Krieg, Gewalt bestimmt war. Wer außer ihr schrieb in den 50er Jahren in solcher Rückhaltlosigkeit – Borchert vielleicht, einige aus der „Gruppe 47“, jedenfalls nicht viele in einer Zeit, wo man lieber zu vergessen trachtete, in was man verwickelt gewesen. Diesen Gedichten aus den 50ern, ihrem Ton, ihrer Verbindlichkeit vermag ich mich kaum zu entziehen, ihrer Gegenwärtigkeit. Sie erschüttern und berühren zugleich, in ihrer Sinnlichkeit – wenn ich heute ein Gedicht wie „Die gestundete Zeit“ wieder lese, und zugleich sie vortragen höre (Lyrikline). Diese Unausweichlichkeit lässt mich an eine Autorin wie Inge Müller denken, die von Kriegstraumata gezeichnet schrieb.
Es ist, wie oben gesagt, die Intensität, Unbedingtheit ihrer Texte, ihre Wort- und Sinngenauigkeit, das Analytische, das Sinnlichkeit nicht ausschließt. Und sie eröffnet, in Prosa wie Dichtung, oft ausgehend von vertrauten Topoi, neue, überraschende Perspektiven. Es ist eine famose Übersetzungsarbeit ins Literarische.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Unbedingt die ersten Gedichtbände: Die gestundete Zeit, Anrufung des Großen Bären, Undine geht, Malina.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich ihre Beziehung mit Max Frisch (der Briefwechsel zwischen beiden wurde 2022 publiziert, Suhrkamp/Piper), die mir doch sehr ambivalent erscheint, widersprüchlich, weil auch da einfach tradierte Ansprüche an Rollenbilder hineinwirkten. Ingeborg Bachmann war eine emanzipierte Person, die solche überkommenen Geschlechterverhältnisse auch konterkarierte, sie kritisch sah, in einer Zeit, in der noch das tradierte Geschlechterverhältnis vorherrschte. Politik und Wirtschaft, aber auch das familiäre Leben von diesem Machtgefälle geprägt waren. Erste Erfolge der Frauenbewegung der 20er Jahre waren in der NS-Zeit gekappt und dem Krieg zum Opfer gefallen. Mich erinnert die Beziehung Bachmann/Frisch an andere Schriftsteller-Ehen, wie etwa die von Brigitte Reimann mit Siegried Pitschmann in den Sechzigern, die sich nach einigen Jahren wieder getrennt haben. Das hat nicht nur mit Geschlechterrollen zu tun, aber auch. Wir leben jetzt in Zeiten, in denen per se Gleichberechtigung herrscht, dennoch funktionieren die Rollenklischees immer noch, werden zum Teil neu belebt, sind die Strukturen beruflich und gesellschaftlich oft so, dass z.B. die Sorgearbeit immer noch mehr an den Frauen „hängen“ bleibt, die dann eher Teilzeit-Arbeit verrichten und/ oder auf Karrieren verzichten. Und im Zeichen von drohenden Kriegen, militärischer Aufrüstung reanimiert sich das patriarchalische Weltverständnis.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Da fehlen mir die Worte, sinnvoller ist es, wieder einmal ihre Gedichte, Romane und Erzählungen zu lesen, die ja immer noch von einer Aktualität sind, also leben.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Habe letztes Jahr einen Prosa-Text mit dem vorläufigen Titel „Die anderen Tage“ begonnen, handschriftlich, weiß noch nicht, wohin das führen wird, aber es geht um eine Person in den 70er/80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Erste Absätze habe ich schon mal in den Computer getippt – scheint was zu werden damit.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
„Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.“ (Ingeborg Bachmann _ aus dem Gedicht „Alle Tage“)
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Text& Performance _ Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Originalschauplatz „Malina“ Wien.
Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 2/26, folgende
MALINA
Mein
Alter
Liegt
Im
Neuen
Anfang
Vivian Mary Pudelko, 11.2.2026
Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 2/26, folgende
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin
Liebe Vivian Mary, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Einen direkten zu Ihrer Sprache und einen indirekten über die Fotos, die von ihr aufgenommen wurden.
Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 2/26, folgende
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Intensität und Unmittelbarkeit in einer auf mich zugleich verdichteten und erstaunlicherweise auch einfach wirkenden Sprache
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
All ihre Gedichte!
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt „Todesarten“ heute?
Ja.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Vergänglichkeit wie Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir, können wir noch lieben nach Bachmann?
Weiterhin – eben in allen Facetten. Und davon gibt es unendlich viele.
Welche Aspekte Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Große Emotionen containergleich in Worte/Sprache zu platzieren
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Welche kleinen Momente im Alltag sie beglücken. Und was rückblickend die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben waren.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Weiterschreiben. Mich den Geschichten und Erzählungen widmen und dann irgendwann das dritte Buch herausbringen. Und 30 Karten zur Resilienz zeichnen – und verkaufen.
Bücher von Vivian Mary Pudelko im Verlag Kremayr & Scheriau:
„Darf ich das? – Wie Selbstfürsorge im Alltag gelingt“ (2022)
Aktuelles Buch:Vivian Mary Pudelko _ Kann ich das? – Resilienz und Verletzlichkeit _ Verlag Kremayr & Scheriau (2025)
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
Das Gedicht: „Eine Art Verlust“
„Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.
Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und ein Bett.
(…)
Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar erklärt,
angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem Nichts,
(-der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit einer Notiz)
furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett.
(…)
Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äußerste Farbe.
Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude.
Nicht dich habe ich verloren,
sondern die Welt.“
Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 2/26, folgende
Herzlichen Dank für das Interview!
Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin im „Ungargassenland“ _ Romanschauplatz „Malina“ Wien.
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Vivian Mary Pudelko, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Ingeborg Bachmann, Malina, Roman 1971 _ Walter Pobaschnig 2/26.