Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Asta Cink, Bildende Künstlerin
Cozy Friedl, Jazzgeigerin, Sängerin, Komponistin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Asta Cink _ privat.
Fotos: Cozy Friedl, Jazzgeigerin, Sängerin, Komponistin_Wien _ performing Malina am Originalschauplatz Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 9/21.
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt
Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015 _ vor der Lesung _ ORF Studio Klagenfurt/2015
im Interview _
Nora Gomringer/D _ Bachmannpreisträgerin 2015,
Bachmannpreisjurorin 2018-2020
Liebe Nora, Du hast 2015 den Bachmannpreis in Klagenfurt, den größten und reichweitenstärksten deutschsprachigen Literaturpreis, gewonnen. Wie hast Du Deine Lesung/Kritik, die Lesetage, die Preisverleihung, diese Zeit rundum vor Ort erlebt?
Fieberhaft! Das waren tolle Tage. Meine Mutter, meine Verleger, mein Bandkollege Philipp und meine Assistentin waren dabei. Ich hatte eine Art „Pit Stop Team“. Das war wunderbar, weil ich zum Fremdeln neigen kann. Ich war also gelöst und gut drauf und freute mich auf das Lesen des Texts. Sandra Kegel, die Jurorin auf deren Einladung hin ich teilnahm, war sehr von ihm überzeugt. Die wunderbare Maskenbildnerin Michaela Haag hat mich fröhlich gemacht und dann lief der Auftritt rasch und klar ab, es gab Lacher und danach Bravo-Rufe. Ich war happy. Das schönste Geräusch war das Mitblättern der Studiogäste. Die Besprechung der Juroren danach habe ich nicht richtig mitbekommen. Es war das Übliche an Kritik und freundlichen Lobes, sah ich danach. Die restlichen Tage (es war super gut, dass ich am ersten Tag dran war! Das wünsche ich immer allen; da ist die Presse wach, viele Leute schauen drauf und das setzt den Ton) waren eher amüsant. Bei mir war damals ja auch Jürg Halter und Ronya von Rönne, die mit Security ankam.
Am Morgen der Verleihung bin ich in den Gottesdienst und stellte fest, dass ich einen Fleck auf dem designierten Outfit hatte, also musste ich improvisieren. Hätte ich gewusst, was der ORF nach der Preisverleihung noch für den Rest des Tages geplant hätte, hätte ich ein Survival Pack ins Studio gebracht. Danach war es, als hätten sie mich kurzfristig angestellt. Drei Stunden Dreh und Herumfahren. Nette Leute von der Produktion, aber natürlich nicht das Richtige, wenn man gerade gewonnen hat und Eltern, Freunde und Kollegen einen sprechen möchten und man noch 9 Stunden nach Hause fahren muss, um am nächsten Tag um 8 Uhr im Büro zu sein. Die Preisverleihung war also etwas unglücklich, wobei der Moment an sich – im Studio – auf den Fotos viel Glück zeigt. Ich nehme an, dass ganz Österreich extrem enttäuscht war, dass Theresa Präauer nicht gewann. Persönlich gratulierte ich Dana Gregorcia sehr herzlich, denn eigentlich hatte ich mir den 3Sat Preis sehr gewünscht.
Nora Gomringer, vor der Lesung _ Bachmannpreis 2015Jury 2015 (nicht im Bild Klaus Kastberger, Hildegard Elisabeth Keller)
Kurz bevor wir gefahren sind, haben wir meinen Studioblumenstrauss noch bei Ingeborg Bachmann aufs Grab gelegt. Das war mir wichtig. Meine Mutter und ich haben die Situation fotografiert. Meine Mutter hat meinem Verleger vor Spannung im Studio fast die Hand gebrochen. Eine niedliche Vorstellung, dass sie Händchen hielten.
Nora Gomringer im Siegerininterview Familiengrab Bachmann _ Ingeborg Bachmann und ihre Eltern _ Klagenfurt/AnnabichlKlagenfurt/Henselstraße _ hier wuchs Ingeborg Bachmann auf _ Foto: 2015
Du bist jetzt über 10 Jahre Bachmannpreisträgerin. Wie wirkte/wirkt sich dieser Preis auf Deinen literarischen/künstlerischen Weg aus?
In den Jahren bis Covid wurde ich immer mit dem Preis vorgestellt; letzthin kam jemand in mein Büro und bot sich als Sprechtrainer für Stipendiaten und eventuell auch mich an, falls ich mal beim Bachmann-Preis mitmachen wollte. Als ich ihn informierte, dass ich ihn tatsächlich auch mal gewonnen hatte, war er ahnungslos. Es ist also nicht so, dass sich der Gewinn fest in die Leute einprägte, aber er ist ein Ausweis in der eigenen Vita. Und verbindet mich mit einer gewissen Aura, die das alles trägt. Das ist schön, ehrenvoll und irgendwie tröstlich. Außerdem hat der Preis genau den guten Namen, den es braucht, um ausländische Verlage und Übersetzer – die interessantesten Menschen und Leser der Welt! – auf einen aufmerksam zu machen. Durch die vielen Übersetzungsprojekte, die klugen Fragen meiner Übersetzerinnen und Übersetzer vieler Sprachen verstehe und sehe ich die Welt besser. Denen ist so viel zu danken. So unendlich viel.
Pressekonferenz nach der Preisverleihung _ Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015 (dritte von links) mit Valerie Fritsch (zweite von links) _ Kelag Preis und BKS-Bank-Publikumspreis (Stadtschreiberstipendium Klagenfurt) _ Dana Grigorcea (erste von links) _ 3sat-Preis und Hubert Winkels (Juryvorsitzender, erstmals)
2018-2020 warst Du in der Bachmannpreisjury. Wie hast Du diesen Studiotischwechsel erlebt?
Hm. Ich fühlte mich …seltsam uninformiert. Abgesehen davon, dass ich mir die etwa 180-250 Einsendungen wirklich alle händisch angesehen habe, die mich persönlich erreicht hatten, verstand ich, dass das so wohl längst nicht alle Juroren taten. Jeder schien ein eigenes System zu haben und da ich einfach kein Insider im Literaturbetrieb bin, außer, dass er mich hier und da zu einem macht, weil er dann für Kürzestmomente um mich oder meine Produkte kreist, verstand ich nicht, wie ich mit den anderen Kritikern darüber hätte sprechen können. Auch war ich gegen eine 2020-Produktion. Ich hätte es passend gefunden, im Jahr der globalen Unsicherheit, diese durch ein Aussetzen zu markieren. Aber natürlich nachvollziehbar, dass wenn etwas einmal seine Abwesenheit unbeschadet erlebt, Geldgeber sagen können: Ach, dann braucht es das ja nicht mehr. Man muss in der Kultur auf der Hut sein, sich nicht selbst abzuschaffen, weil man so preiswert, handlich, gefällig wird. Kurzum: Die Juryarbeit, die ich heute in drei Gremieren mache, mache ich besser. Die Autorinnen und Autoren, die ich aber da ins Licht setzen konnte im Studio, hinter denen stehe ich voll und ganz und interessiere mich für deren Wege und Projekte.
Jury 2020 _ online Bachmannpreis _ Jurorin Nora Gomringer (oben ganz rechts) _ Christian Ankowitsch moderiert den online Bachmannpreis 2020 im leeren ORF Studio/Klagenfurt
Was unterscheidet die Kritik einer Autorin von jener einer literarisch nicht schreibenden Jurorin? Was ist ihre Stärke?
Ich fühlte zu viel Benommenheit, um pointiert und gut im Juryverband zu wirken. Meine Stärke war vielleicht, besondere sprachliche Bilder recht schnell als Bullshit oder poetische Potenz zu erkennen. Im Schreiben gibt es unendlich viel „Gepose“. Autoren erkennen untereinander, wer sich da wie vor den Spiegel stellt. Es ist dann feine Diplomatie, den stillen Pakt mit Kollegen zu erhalten oder zu verraten, was da läuft.
Jury Bachmannpreis 2019 _ Nora Gomringer (zweite von links)
Welche Bedeutung hat der Bachmannpreis für die deutschsprachige Literatur – für Schreibende, Verlage, Presse, Publikum?
Er ist ein Ausweis der Exzellenz. Jede Szene baut sich ihre Formen der Distinktion. Der Preis ist ein großer Teil davon. Der ORF, 3sat und SRF ? machen das mit viel Power. Ich fand die Produktion an sich sehr spannend. Denn was für ein Horror: So viel Text und Bild zu verbinden. Das eine strebt zum Langsamen, das andere verschnellert sich nur noch. Crazy. Zwei Gangarten, die die Sache an sich zu zerreißen drohen und doch: gelingt es. Immer wieder.
Was ist Dein Bachmannpreis 50er Geburtstagswunsch?
Dass sich die große Bachmann nicht zu oft im Grabe umdrehen musste bisher. Dass wir nachfolgenden Autorinnen und Autoren ihrem Namen Ehre machen. Und ich wünsche der Produktion des Bewerbs stetige Gelder, um das Aussehen der Produktion stets in ihr Ansehen wandeln zu können.
Robert Musil Literaturmuseum _ Klagenfurt
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015, vor der Lesung
Lieber Karl Johann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin ein Bewohner des Alltäglichen. Diese Struktur fesselt mich mehr als sie mir Freiheit gibt. Schon am Morgen begegnen mir Belanglosigkeiten, wie lauwarmes Wasser in der Dusche, Zahnbürste und Rasierapparat. Ich rieche Gewohnheit und Hygiene. Die Kleidung von gestern hat sich nicht von der Stelle bewegt. Für dieses Heute ist sie mir noch frisch genug.
Der Kühlschrank wirft ein kaltes Frühstück auf den ungedeckten Tisch. Manchmal denke ich darüber nach, ob ein warmes Porridge für meinen Magen nicht erträglicher wäre. Und manchmal, wenn mir meine Frau eines aufkocht, esse ich es auch brav und denke dabei an frische Brötchen, Marillenmarmelade und Butter. Erst der brühwarme Kaffee erinnert mich daran, dass die Nacht vorbei ist, meine Träume auf die nächste Schlafenszeit warten dürfen und mir die wachen Stunden, die vor mir liegen, Chancen offenbaren, die ich zu selten in der Lage bin, auch zu nutzen.
Ich hätte doch so viel zu sagen, soviel zu schreiben, aber die Trägheit meiner Gedanken und meines Körpers verharren stümperhaft in den leicht zu bewältigenden Gewohnheiten, die keine Mühe erfordern. Seit meine berufliche Tätigkeit ihre Notwendigkeit verloren hat, ist mein Tagesablauf zwanglos geworden. Ich unterliege nur noch der selbstverschuldeten Aufgabe, Texte für das Theater zu lernen, Regiekonzepte auszudenken, den Rasen zu mähen und auf die Mülltrennung nicht zu vergessen.
Aber es gibt sie noch diese Minuten und Stunden, wenn auch nicht täglich, an denen sich Ideen in geschriebene Worte verwandeln. Dann halte ich die Gedanken fest, binde sie an Papier und möchte sie nicht mehr loslassen, bis die Filter, die da heißen Form, Logik und Gemüt, nur wenig davon übriglassen.
Das sind die schönen Tage, an denen der Abend sich mit ein paar Sätzen schließt, die mir wert scheinen, sie zu bewahren.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für mich ist jetzt besonders wichtig, dass die Menschen es endlich schaffen, ihr Handeln und Denken nach Immanuel Kants kategorischem Imperativ auszurichten: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Heruntergebrochen auf unser tägliches Leben formuliert es die Goldene Regel als universeller ethischer Grundsatz folgendermaßen: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Wir sollten als Menschheit endlich lernen, was auch in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union verankert ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es scheint aber, dass es nicht in unserer Natur liegt, sich an solche Grundwerte zu halten, weil sonst würden wir mit mehr Respekt miteinander umgehen. Der Mensch ist eben ein Mängelwesen und diese Mängel sind die Ursache für viele kleine und große Probleme, mit denen wir seit jeher zu tun haben und wahrscheinlich, solange die Menschheit existiert, zu kämpfen haben werden. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, singen die Engel in Goethes Faust. Mir geht es nicht um die Erlösung, sondern um das Bestreben, die eigene Freiheit dort enden zu lassen, wo die Freiheit des anderen beginnt. Mehr können wir nicht tun, als uns darum zu bemühen, in jedem den Menschen zu sehen, den Menschen in seiner Unzulänglichkeit und Unverlässlichkeit. Und die Mängel, die wir für uns selbst in Anspruch nehmen, auch jenen zuzugestehen, über die wir uns so gerne erheben. Wenn es möglich wäre, uns Menschen dieses Streben als naturgegeben einzupflanzen, könnte es sein, dass viele Konflikte nicht mehr existent wären.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Was für einen gesellschaftlichen Neubeginn und Aufbruch soll es denn geben? Ich sehe keinen. Ich wünschte mir so sehr, es gäbe ihn. Und „alle“ suggeriert die Illusion von einer Gemeinschaft, in der jede und jeder zumindest annähernd die gleichen Ansichten teilt. In diesem Sinne gibt es kein Alle. Jeder hat die Freiheit, mit dem, was er wahrnimmt, was er liest und lernt, was die alten und neuen Medien ihm bieten, nach seinem Dafürhalten umzugehen. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Noch dürfen wir individuelle Entscheidungen über unser Denken, unsere Einstellung zur Gesellschaft, der Welt und zu unserem Tischnachbarn selbst treffen. Das, finde ich, ist erhaltenswert. Über bestehende Gefahren, die diese Freiheit bedrohen, nachzudenken, zu diskutieren, ist ebenfalls wichtig. Die Welt wächst zusammen. Leider nicht als Gemeinschaft, sondern als Konvolut, innerhalb dessen die einzelnen Teile darum streiten, wer von wem mehr abhängig gemacht werden kann.
Genauso werden die sogenannten „westlichen Gesellschaften“ zunehmend vom Streit der Ideologien beherrscht. Die einen sind auf der Suche nach dem Verbindenden, die anderen nach dem Trennenden, während wir alle unausweichlich in die Abhängigkeit von Digitalriesen und Geldbaronen schlittern und die sogenannte „Mittelschicht“ langsam ausgedünnt wird. Der Schutz der Freiheit des Individuums innerhalb der Regeln, die für ein Zusammenleben unabdingbar sind, ist derzeit nach meinem Dafürhalten die größte Herausforderung. Der Streit innerhalb unserer Gesellschaft um die Vorherrschaft einer Ideologie ist in vollem Gange. Dabei scheinen jene im Vorteil zu sein, die auf unsere emotionalen Reflexe setzen. Insoweit muss es enorm befriedigend und erhebend sein, Schuld zuzuweisen, Feindbilder zu schaffen, ohne dabei genau hinsehen und recherchieren zu müssen.
Genau Hinsehen – das ist die Aufgabe, die der Kunst im Allgemeinen und dem Theater und der Literatur im Besonderen zukommen sollte und im Großen und Ganzen auch zukommt. Sie können, zumindest solange sie diese erhaltenswerte Freiheit noch haben, gesellschaftliche Herausforderungen auf die individuelle Ebene herunterbrechen, Sprachrohr für Einzelschicksale sein und Verallgemeinerungen desmaskieren. Genauso können Sie Utopien und Dystopien entwickeln, ohne den Anspruch auf Realität zu erheben. Real ist nur die Kunst selbst. Ihre Interpretation bleibt individuell. Aber nicht nur ihre Interpretation, auch ihre Wirkung ist es. Wenn vor etwa 250 Jahren Friedrich Schiller von der Schaubühne als moralische Anstalt, als einem Ort der Aufklärung und sittlichen Bildung sprach, mag das damals auf jene Teile der Oberschicht, die sich Theateraufführungen angesehen haben, in eingeschränktem Maße zugetroffen haben. Für alle anderen war es damals schon unbedeutend. Kunst ist vielschichtig, greift nach allen Richtungen. Wenn das nicht so wäre, hätte sie ihre Freiheit verloren. Da sich damals wie auch heute bei Weitem nicht alle Menschen mit Kunst beschäftigten bzw. beschäftigen, sind ihre Themen, Provokationen, leisen Andeutungen, rührenden und umrührenden Performances nur in sehr beschränktem Ausmaß dazu geeignet, gesellschaftlichen Einfluss auszuüben, Denkweisen zu ändern oder zu lenken. Zumal diejenigen, die sich intensiv und bewusst mit Kunst auseinandersetzen, das zum größten Teil nur tun, weil ihnen der ideologische Unterbau, auf dem ein Kunstwerkt ruht, auf den ein Theaterstück Bezug nimmt oder den ein literarischer Text vertieft, schon vorher vertraut waren. Und doch braucht die Gesellschaft alle diese Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit sich selbst, sowohl zur Identifikation, zur Selbstbestätigung, als emotionale Ergänzung als auch als Feindbild, Reibebaum oder kognitive Herausforderung. Ohne die Kunst in ihren vielfältigen Ausdrucksformen wäre die Gesellschaft wie eine Landschaft ohne Farben.
Was liest Du derzeit?
Zuletzt gelesen habe ich „Das Café ohne Namen“ von Robert Seethaler und „Der Abituriententag. Die Geschichte einer Jugendschuld“ von Franz Werfel. Jetzt habe ich eine Ausgabe von Ingeborg Bachmanns sämtlichen Erzählungen zum Wiederlesen zur Hand genommen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Freiheit herrscht nicht“ von Erich Fried
Vielen Dank!
Karl Johann Müller, Schriftsteller
Zur Person: Karl Johann Müller, geb. 1960 in Bludenz, lebt in Vorarlberg, schreibt Kurzgeschichten und Lyrik seit 2013, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, Hauptpreisträger Hildesheim 2017 und Lyrik Preis International 2024, 2. Preis Lyrik beim Landschreiber Wettbewerb 2025, Einzelveröffentlichung: „Da war doch noch. Prosa trifft Lyrik – Edition ArtScience 2024
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Elfriede Schüsseleder, Schauspielerin, Autorin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Fotos: Elfriede Schüsseleder, Schauspielerin, Autorin _ Wien_ performing Undine geht/Donau Wien _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Wien _ Walter Pobaschnig 7/26.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ioana Miron, Schriftstellerin
Lara Bumbacher, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Ioana Miron_ privat
Fotos: Lara Bumbacher, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Originalschauplatz _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 12/21
im Interview _ Ioana Miron, Schriftstellerin _ Bukarest
Liebe Ioana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Lieber Walter, ich glaube, dass es der lebendige, grüne, kantige Stil ist, das mich an Ingeborg Bachmann schikt. Ich glaube, wir beide verstehen es, in die Tiefe des Seins zu blicken, wir verstehen es, jedes Gefühl zu analysieren, wie tief es auch sein mag, wir verstehen es, jeden Faden aufzunehmen und ihn zu einem Knäuel zu verwickeln, nämlich jenem des geschriebenen Bewusstseins, der Literatur, die wir als Lebensstil angenommen haben.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie nutzt die Sprache und ihre Kraft in hohem Maße. Es ist eine Mischung aus Autorität und lyrischer Klarheit, ein spielerisches Gleichgewicht zwischen Intellekt, Emotion und existenziellen Spannungen. All dies wird einzeln betrachtet, verschmilzt aber letztendlich auf künstlerische Weise mit einer einzigartigen Präzision, die immer wieder fasziniert. Ihr Stil besitzt eine zeitlose Lebendigkeit.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Die gestundete Zeit und Der Fall Franza diese beiden Werke sind meiner Meinung nach Meilensteine, sowohl was ihre Schriften betrifft als auch meine spätere Entwicklung als Schriftstellerin. Wenn man Texte findet, mit denen man sich identifizieren kann, wird der Weg des schriftstellerischen Schicksals immer klarer.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gefragt, wie sie dasselbe Bild, dieselbe Silhouette oder dieselbe Figuren wahrnehmen kann, wenn sie von unterschiedlichen Gemütszuständen beherrscht wird. Wie sie den Regen betrachtet, wenn sie traurig oder glücklich ist, wie sie sich in einem Museum verirrt und was sie dann erzählt. Wie sie die Zustände, die sie in den Gesichtern der Menschen ablesen kann, interpretiert.
Ich würde ihr auch sagen, dass ich mich in ihr wiederfinde, als hätten wir als Kinder zusammen gespielt und unsere Wege hätten sich irgendwann unwiderruflich getrennt. Doch ihr Eindruck, das, was in unserer gemeinsamen Erinnerung geblieben ist, würde mich immer leiten.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Meine Hauptprojekte sind meine Kinder. Es ist mir sehr wichtig, dass sie zu Menschen mit einem ausgeprägten Charakter heranwachsen. Daher schreibe ich still, übersetze viel, entdecke Welten durch die Verse und epischen Passagen von Schriftstellern. Ich möchte nicht so sehr poetische oder epische Stile kennenlernen, sondern auch Fragmente von Leben, die darin geschildert werden. Meine Projekte scheinen sich von selbst zu entwickeln, ich gebe ihnen nur die Richtung vor, und wenn die Zeit reif ist, werden sie sich von selbst bemerkbar machen. So finde ich zu mir selbst zurück, erschaffe mich neu, stelle mich wieder zusammen: durch Schreiben.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
»Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir, Präferenzen habe ich freilich auch, viele Bücher bekommen mir nicht, einige nehme ich nur am Vormittag ein, andere nur in der Nacht, es gibt Bücher, die ich nicht loslasse, ich ziehe herum in der Wohnung mit ihnen, trage sie vom Wohnzimmer in die Küche, ich lese stehend im Korridor …«
Aus dem Roman Malina
Weil ich selbst büchersüchtig bin. Und neben meinem Bett liegen immer Bücher. Edvard Munchs Tagebuch, Thomas Manns Doktor Faustus, Die stumme Patientin von Alex Michaelides, Being a manvon Siri Hustvedt, Michael A. Singers Die Seele wird frei sein… Und viele andere, die wiederkehren oder umherirren wie die Träume.
Herzlichen Dank für das Interview!
Ioana Miron, Schriftstellerin
Zur Person/über mich _ Ioana Miron, geboren 1989 in Botoşani, Rumänien, schreibt Gedichte und hat vor kurzem Zeit begonnen, mit Prosa zu jonglieren, um ihre eigene Realität zu überdenken und zu polieren. Sie übersetzt Gedichte und Prosa aus dem deutschen und nordischen Raum. Sie ist auch Illustrator und Grafiker und Mitglied für Pen Rumänien. Sie lebt derzeit in Bukarest. (Iona Miron, 11/2022)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Petra Mickl, SchriftstellerinLisa Kröll, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Petra Mickl _ privat.
Fotos: Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 1/22
+Erni Mangold, Schauspielerin, Regisseurin _ * 26.1.1927 Großweikersdorf/NÖ +5.9.2026 Wien
Im Interview _ Martina Stilp, Schauspielerin _ Wien
Liebe Martina, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Erni Mangold?
Mit Erni´s Eintreten ins Theater kam immer auch ein Hauch von Kraft mit ihr mit. Naturkraft, Lebenskraft. Erzählkraft.
In der Kammerspiele-der-Josefstadt Produktion „Harold und Maude“ ( Premiere war genau an ihrem 90.Geburtstag, am 26.1.2017) hat sie sich so pudelwohl gefühlt, dass sie uns alle in ein Wirtshaus in ihrem Waldviertler Wohnort einlud und uns danach noch ihren Garten und ihr Haus zeigte. Barfuß sind wir über ihre Teppiche und Holzböden marschiert und sie hat uns geduldig und leidenschaftlich jedes Bildchen an der Wand, alles was wir wissen wollten, erklärt.
Sie konnte in der Seele des Gegenübers das Wahre entdecken. Zum Beispiel Ängste, Unsicherheiten oder Komplexe… Ihr blieb nichts verborgen…
Was macht für Dich das Besondere ihres Schauspiels aus?
So unprätentiös, angstfrei und kompromisslos sie persönlich war, so war auch ihr Spiel! Eine herrliche Purheit, Klarheit und Unverstelltheit, Tiefe und Authentizität war in ihr und um sie!
Möchtest Du bestimmte Rollen hervorheben und warum?
Den frechen Kobold Puck im „Sommernachtstraum“ (Premiere am 24.4.2015 im Volkstheater Wien). Sie war zu diesem Zeitpunkt 88 Jahre alt, aber auf der Bühne war sie ein freches Elfenkind mit nackten Beinen und einer Wollmütze auf dem Kopf…8tinazu Erni Mangold
Erni Mangold (r.) als Puck, hier mit Patrick O. Beck als Oberon _ Probe zu „Ein Sommernachtstraum“ _ Premiere 24. April 2015 am Volkstheater in Wien _ folgendes
Wie hast Du Erni Mangold als Kollegin erlebt?
Rauschend, ohne körperliche Scham. War sie zum Beispiel grad beim Umziehen in ihrer Garderobe und ihr fiel plötzlich ein, was sie uns unbedingt erzählen wollte, dann lief sie halt so bekleidet oder nicht bekleidet wie sie gerade war auf den Gang und verkündete uns ihre meist sehr unterhaltsamen Geschichten.
Auch hat sie uns großzügig mit Waldviertler Mohnzelten und anderen kulinarischen Leckerbissen versorgt.
Auf der Bühne beim Spielen war sie absolut pur, klar, direkt. Ich hab mit ihr vergessen, dass wir spielen…einfach einander zuhören, aufeinander reagieren. Der Sinn der Szene war eh klar.
Was nimmt die Theater/Filmbühne von ihr in die Zukunft mit?
Ich hoffe, alles!
Herzlichen Dank für das Interview!
Martina Stilp, Schauspielerin _ performing _ „Undine geht“ Donau/Wien _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Walter Pobaschnig 7/26
Foto/Portait: Erni Mangold _ Österreichischen Nationalbibliothek/ÖNB_Photo Simonis; um 1950; Bildarchiv Austria
Foto: Erni Mangold als Puck mit Patrick O. Beck als Oberon _ Probe zu „Ein Sommernachtstraum“ _ Premiere 24. April 2015 am Volkstheater in Wien _ Roland Schlager/APA
+Erni Mangold, Schauspielerin, Regisseurin _ * 26.1.1927 Großweikersdorf/NÖ +5.9.2026 Wien
Im Interview _ Florian-Raphael Schwarz, Schauspieler _ Wien
Lieber Florian-Raphael, welche Erinnerungen gibt es für Dich an +Erni Mangold?
Wenige bewusste und umso mehr überraschende und unterhaltende wenn ich Sie heute in Filmen und Serien entdecke, die ich früher gesehen habe, ohne zu wissen, wer Sie war.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schauspiels aus?
Dass Sie sich voller Mut und Vertrauen in alle möglichen Figuren fallen gelassen hat und so auch mit Ihnen verschmelzen konnte.
Möchtest Du bestimmte Rollen hervorheben und warum?
Ihre Rolle als Handleserin in „Before Sunrise“ war die erste Rolle, in der ich Sie bewusst erkannt hatte und in der sie mysteriös, verspielt und ernst zu gleich erschien, was für ein wunderbarer Auftritt.
Wie hast Du Erni Mangold als Kollegin erlebt?
Leider nie persönlich und doch in ihren Interviews wirkte Sie wie eine fürs Leben brennende, weltoffene Frau, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt und auch vor schwierigen Themen nicht zurückschreckte, diese ansprach.
Was nimmt die Theater/Filmbühne von ihr in die Zukunft mit?
Ich hoffe ihren Mut, das Vertrauen, ihr Feuer und ihre Direktheit dort hinzuschauen und zugehen wo es nicht einfach, dafür wichtig und spannend ist.
Herzlichen Dank für das Interview!
Florian-Raphael Schwarz, Schauspieler
Foto/Portait: Erni Mangold _ Österreichischen Nationalbibliothek/ÖNB_Photo Simonis; um 1950; Bildarchiv Austria
Foto: Florian-Raphael Schwarz _ Station bei Malina _ Walter Pobaschnig 1/21.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Martina Stilp, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Fotos: Undine geht _ Martina Stilp, Schauspielerin _ Wien._ performing _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 7/26