Udine/Italien _ Gedenktafel für den Widerstand der Frauen 1943-45
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text _ Dragica Rajčić Holzner, Schriftstellerin
Fotos _ Walter Pobaschnig
UNDINE GEHT
Undine erinnerte mich an Udine 1946
Nostalgie der Grenzkämpfer
Dein Jäger traf sich in Venecia mit Nachkommenden
Indessen sind wir nur Wortmunition ohne Zukunft
Niemand forscht über
Eine Frau welche nie nach Udine allein kam
Gerede sagst du macht krank
Eine neue Sprache
Heilt die Grenzsprenger
Teetasse hat er nicht übersehen
Dragica Rajčić Holzner, 25.1.2026
Zu Udine _Gedenken an den Frauenwiderstand/Italien
Eine Gedenktafel, die an die Frauen des Friaul erinnert, die sich – ganz ohne Waffen – den deutschen Besatzern widersetzten und die zur Deportation Bestimmten unterstützten, befindet sich an der Fassade des Bahnhofs (in der Nähe des Taxistandes). Eine weitere kleine Gedenkstätte für die Frauen, die sich im Friaul am Widerstand beteiligten, befindet sich vor der Schule an der Piazzale Cavedalis.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24, folgende _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
Undine geht _ Akrostichon
Text _ Heinz Kröpfl, Schriftsteller
Performance _ Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24, folgende _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
UNDINE GEHT
Unterhalb
Namentlicher Zuversicht
Dräut
In einem fort
Neuerlich die jederzeitige
Einnahme durch das verwünschte Ungeheuer Angst
Geradewegs
Erfassend mich
Heftig und hart
Trifft sie vom Ursprung bis in mein Überall
Heinz Kröpfl, 26.1.2026
Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24 _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
Undine geht _ Akrostichon
Text _ Heinz Kröpfl, Schriftsteller
Performance _ Kerstin Ablasser, Schauspielerin, Model
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto: Heinz Bachmann
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Ina Solea_Schauspielerin, Model _ Wien _ performing Malina _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 6/20, folgende _ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann, 1971.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
INGEBORG _ Akrostichon
Text _ Brigitta Huemer, Schriftstellerin
Performance _ Ina Solea_Schauspielerin, Model
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ina Solea_Schauspielerin, Model _ Wien _ performing Malina _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 6/20, folgende _ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann, 1971.
INGEBORG
IMMERZU
NAHE
GEFÄHRTIN
EIN
BRACHIALER
RUTENSCHLAG
GEGEN DAS LAUE
Brigitta Huemer, 8.1.26
Ina Solea_Schauspielerin, Model _ Wien _ performing Malina _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 6/20, folgende _ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann, 1971.
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina spielt in Wien, ebenso nehmen viele Gedichte darauf Bezug.
Liebe Lisa, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Natürlich bin ich ihr bereits in der Schule im Deutschunterricht begegnet. Aber später habe ich auch allein „Malina“ und die Gedichte gelesen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie erschafft Bilder und Sätze, die für immer im Gedächtnis haften bleiben. Immer, wenn ich den Sternenhimmel sehe, muss ich an „Anrufung des großen Bären“ denken.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Besonders nachhaltig beindruckt hat mich das Märchen in „Malina“.
Und das Gedicht „Die gestundete Zeit“: Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,/er steigt um ihr wehendes Haar,/er fällt ihr ins Wort,/er befiehlt ihr zu schweigen,/er findet sie sterblich/und willig dem Abschied/nach jeder Umarmung.“
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie war Kind ihrer Zeit, sie hat vieles gesehen und hatte aber auch vieles internalisiert – und wir sind heute etwas weiter in der gesellschaftlichen Entwicklung, aber leider nicht viel weiter.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Nein, das Schreiben ist eine Überlebensform. Es kann qualvoll sein, es ist aber immer tröstlich.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Es geht niemanden was an, wie autobiographisch Deine Texte sind.
Gedanken gefangennehmen, abführen in eine erleuchtete Satzzelle.
Einen einzigen Satz haltbar zu machen, auszuhalten in dem
Bimbam von Worten. Und wo du aufprallst, sind die alten
Orte. Unter dem Weinstock im Traubenstrahl prägt der
Rausch dir ein Mal –
Geh, Gedanke, solang ein zum Flug klares Wort dein Flügel ist…
(Das Akrostichon besteht aus Zitaten aus folgenden Gedichten von Ingeborg Bachmann: „Ihr Worte“, „Unter dem Weinstock“, „Keine Delikatessen“, „Wahrlich“, „Lieder auf der Flucht XI“, „Geh, Gedanke“.)
Liebe Kathrin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
La Bachmann war eine Rastlose, Reisende, mit großem Freiheitsdrang. Das verbindet mich mit ihr. Sie war viel in der Welt unterwegs und lebte mit Unterbrechungen etwa zwanzig Jahre in Rom, sprach fließend Italienisch. Ein interkulturelles Miteinander war für sie selbstverständlich. Das spricht mich sehr an.
Ihr Ende berührt mich, denn es ähnelt dem Tod meiner Großmutter Ende der sechziger Jahre. Auch sie starb gebrochen und medikamentenabhängig, nachdem sie rauchend im Bett eingeschlafen war. Sie erlag im Krankenhaus den Folgen ihrer Verletzungen – im wörtlichen und im übertragenen Sinn…
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Die Rastlosigkeit zeigt sich auch in ihrem Schreiben, das mitunter fragmentarisch und haltlos wirkt, mit einzigartiger Bildsprache. Einzigartig sind auch Vielfalt und Form – sie schrieb ja neben Lyrik und Prosa auch Essays, Hörspiele und Opernlibretti. Zudem veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Ruth Keller Reportagen aus Rom.
Ihre Hingabe an das Leben, das Lieben und an die Sprache, ihre Streifzüge gegen die Eintönigkeit, und dabei dieses Kompromisslose, Existentielle – all das macht für mich ihr Schreiben aus. Auch das Dilemma zwischen dem Drang nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und immer wieder das Motiv der utopischen Liebe. Sprache dient ihr als Mittel zur Verhandlung von Schmerz und Grenzüberschreitung. Als Bollwerk, als Rettungsanker und Halt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich habe mich mehr mit ihrer Lyrik beschäftigt als mit ihren anderen Werken. Das Gedicht „Eine Art Verlust“ ist für mich ein gutes Beispiel, wie sie Brüche poetisch verarbeitet. Der Anfang eine lakonische Aufzählung: „Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.“ Und das Ende ein Paukenschlag: „Nicht dich habe ich verloren, sondern die Welt.“
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Aussage greift ein System an: patriarchale Strukturen und die Dominanz von Männern, auch in Literatur und Kritik. Sie bündelt viele schmerzhafte Erfahrungen Ingeborg Bachmanns, im Privaten und als Autorin.
Auch heute ist vieles davon noch aktuell. Gender Pay Gap, strukturelle Benachteiligung sowie Missbrauch und Gewalt gegen Frauen bis hin zu Femiziden gehören zur Realität.
Daher sehe ich Bachmanns Kritik als wichtigen Ansatz und halte zugleich ein differenziertes Bild für nötig, das pauschale Zuschreibungen vermeidet. Ein Bild, das Männer nicht pauschal als toxisch betrachtet und Frauen nicht nur als Opfer zeigt, sondern auch in ihrer Stärke und Handlungsfähigkeit. Wir müssen die Errungenschaften des Feminismus verteidigen und weiterführen.
In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?
Geschichte erscheint mir wie ein gefräßiges Monster, das nicht dazulernt. Sie wirkt nach, wiederholt sich, prägt Gegenwart und Zukunft. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Literatur Bezug darauf nimmt und Räume für Auseinandersetzung schafft. Bachmann formuliert es so: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit prägte Bachmanns Leben und Werk. So kam es etwa zum Zerwürfnis mit dem Piper Verlag, als für die Übersetzung der Gedichte Anna Achmatowas Hans Baumann beauftragt wurde, ein Dichter mit Nähe zum NS-Regime. Krieg und politische Gewalt – Geschichte im Außen – setzen sich bei Bachmann im Inneren fort: in Psyche, Liebe – und in Sprache.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde sie fragen, was sie aus den Vorlesungen von Viktor E. Frankl und den Begegnungen mit ihm mitgenommen hat.
Und welches ihre liebsten Schreiborte in Rom waren.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe Gedichte für verschiedene Projekte und arbeite an meinem zweiten Lyrikband.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“ (aus der Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, 1959).
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Station bei Malina _ Romanschauplatz Wien, Ingeborg Bachmann 1971 _ Walter Pobaschnig 3/26.
Im Interview _ Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Katharina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Im Stücktext „Bachmann in Leningrad“ habe ich Ingeborg Bachmann auf eine Reise in die Sowjetunion geschickt, 2022 ist der Text in der Regie von Alexander Kropsch im Grazer TiK (Theater im Keller) auf die Bühne gekommen.
Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Station bei Malina _ Romanschauplatz, Ingeborg Bachmann 1971 _ Walter Pobaschnig 3/26, folgende
In meiner Fiktion trifft Bachmann auf die russische Lyrikerin Olga Berggolz, die ihrerseits vor allem für ihre Arbeiten aus der Zeit des Krieges bekannt war und ist: Die deutsche Wehrmacht hatte Leningrad eingekreist und war dabei, die Stadt regelrecht auszuhungern, mehr als eine Million Menschen sind in den zweieinhalb Jahren umgekommen. Olga Berggolz hat während der Blockade im Radio Leningrad gearbeitet und mit ihrer Lyrik als „Lebensmittel“ vielen dabei geholfen, diese furchtbare Zeit durchzustehen. Beide Dichterinnen sind durch ihre Zeit gezeichnet, beide haben Diktatur erlebt: Berggolz hat ihr ganzes Leben in einer Diktatur zugebracht, bei Bachmann klingt die Nazizeit lange nach.
Durch mein Russischstudium und meine Unterrichtstätigkeit am Wiener Institut für Slawistik war mir Berggolz vermutlich näher, aber während der Arbeit an diesem Stücktext habe ich wieder mehr von Bachmann gelesen. Es gibt mehrere Facetten, warum es interessant ist, diese zwei Frauen aufeinandertreffen zu lassen: einerseits, weil das russische Verständnis von Poesie viel stärker klassisch geprägt ist und sich aber trotzdem Berührungspunkte finden lassen. Zweitens, weil sie beide wussten, wie es ist, in einer Diktatur zu leben. Und drittens – aber das ist ein Nebenschauplatz – , weil beide Frauen Erfahrung mit Sucht hatten. Berggolz ist am Alkohol zugrunde gegangen, sie hat ihn wohl – unter anderem – zur Bewältigung der unerträglichen politischen Situation in ihrer Heimat eingesetzt.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich weiß nicht, inwiefern wir unter Eindruck all der Extra-Publizistik rund um Bachmann noch unverstellt auf ihr tatsächliches Schreiben schauen können (es sei denn, wir sind professionelle Germanist*innen, die sich genau darum bemühen – oder haben als Leseliebende das Ethos, das ebenfalls zu tun).
Wenn ich noch einmal in ihre Gedichte schaue, sehe ich den Versuch, über eine gewisse Archaik in der Wortwahl eine Schau ins Innerste des Menschseins zu erreichen. Zeitübergreifend. Es ist immer wieder ein Schreiben, auch in der Prosa, über Schmerzerfahrung, Schmerz an den Gegebenheiten. Aber es ist auch ein Schreiben, das ein Aufbegehren in sich trägt, eine Energie der möglichen Veränderung. Und auch ein wenig Schalk. In den letzten Gedichten ist allerdings eine Verzweiflung spürbar, die wesentlich dunkler erscheint.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mir ist vor allem Bachmann als Lyrikerin nah. Ihr Gedicht „Reklame“ war in einem Schulbuch abgedruckt, das wir in der Oberstufe verwendeten; es hat mir damals als erstes Gedicht überhaupt einen bleibenden Eindruck davon gegeben, wie man in der Lyrik formale Mittel einsetzen kann, und dass diese Mittel wirken. Später waren es dann Gedichte wie „Böhmen liegt am Meer“, die bei mir geblieben sind. Und „Malina“ ist ein Text, zu dem man immer wieder zurückkehren kann. – Ich will mich aber keinesfalls als „Bachmann-Kennerin“ stilisieren, es gibt andere Autor*innen, die ich intensiver gelesen habe.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wir leben zweifellos weiterhin in einer patriarchal geprägten Welt, siehe Putin und Trump, siehe die Zahl der Morde an Frauen, auch in Österreich, und die ungelöste Frage der gerechten Aufteilung von häuslicher Arbeit. Wie Literatur heute darauf reagiert oder reagieren sollte, ist ein laufendes Experiment, ein laufendes Ereignis.
Die Literatur als Form der Gesellschaftskritik erreicht zwar nur kleine Segmente der Gesellschaft – Namen wie Bachmann oder Bernhard usw. sind keineswegs so landläufig bekannt, wie man als lesender Mensch selbstverständlich annehmen würde.
Literatur kann aber, solange sie öffentlich diskutiert wird, über mediale Verbindungsstränge einen Diskurs zumindest unterfüttern, indem Meinungsmacher*innen der Existenz von bestimmten Fragestellungen und Sichtweisen gewahr werden. Auch Leser*innen integrieren ihre Lektüre unbewusst in Anteilen und leiten davon bisweilen – vielleicht – Handlungsimpulse ab, allerdings verwinkelt und vertrackt und manchmal gegenläufig zum Gelesenen: insofern funktioniert geradlinige verbale Agitation oft nicht so, wie sie intendiert ist.
„Malina“, Bachmanns Roman über – sehr knapp gesagt – eine misslingende Beziehung, ist sicher ein Dokument seiner Zeit, ich denke aber, dass Lesende einige Anknüpfungspunkte an unser Heute finden werden. Vielleicht ist es auch eine gewisse Bockigkeit, die der weiblichen Ich-Erzählerin eignet, die ihre Ellipsen zieht? Ich denke, es gibt etliche literarische Kinder dieser Figur.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Unser Bild vom Lieben ist bestimmt durch verschiedenste Einflüsse geprägt, die wir oft gar nicht auseinanderfusseln können. Ich kann nachvollziehen, dass Bachmann in ihrer Zeit, vor allem als so eindeutig talentierte und erfolgreiche Frau, es sehr schwer in der Beziehung mit Männern hatte.
Es gibt eine Dimension der Sehnsucht, die sich bei jungen Mädchen, denke ich, anders ausbildet als bei Burschen, von dieser Sehnsucht handelt auch Bachmanns Roman „Malina“. Dieses Ausmaß der Sehnsucht mag damit verknüpft sein, dass wir als Frauen ahnen, dass die Konsequenz des Liebens, nämlich der Nachwuchs und damit die Gründung einer kleinen Gemeinschaft, im Auftreten der totalen Verpflichtung und Lebens-Verantwortung der Frau auch in die Abhängigkeit von einem Mann führt. Vielleicht ist diese Art der Sehnsucht auch unbewusst jene nach einer Kompensation für die jahrhundertelange, bereits vollzogene Abhängigkeit von Millionen Frauen, die vor uns kamen. Vielleicht ist die Sehnsucht fehlgeleitet, wenn sie sich an Männern festmacht, vielleicht meint sie etwas ganz anderes.
Ich kann mir aber vorstellen, dass die neuen Mädchengenerationen für sich etwas anderes entdecken oder aufbauen können. Es gibt bestimmt auch Frauen, die ganz gut ohne Sehnsucht zurechtkommen. Dann stellt sich die nächste Frage: Wie kann Liebe auf Augenhöhe gelebt werden? Wie kann ein gleichberechtigtes Miteinander in Zuneigung gelebt werden? Geht Liebe auch ohne Schmerz?
Ich glaube nicht, dass Bachmann diese Frage bejaht hätte.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Mich nervt diese Attitüde ein bisschen. Mir ist schon klar, dass Menschen, die sich für eine Vollzeitexistenz als Literat/in entscheiden, immer in der Nähe des Prekariats leben – so sie nicht durch ihre Lebenskonstellationen abgesichert sind. Ich verstehe auch, dass sich manche, die sich der Literatur buchstäblich verschrieben haben, eine Zweitexistenz als Erwerbsarbeiter/in nicht vorstellen können. Umgekehrt kenne ich viele, die genau das machen. Man ist dadurch weniger asozial und weniger einsam, ich kann allen, die sich als „verdammt“ begreifen, nur empfehlen, es auszuprobieren. Es gibt wahrlich genug Orte, wo man als wortgewandter Mensch gebraucht wird, nicht zuletzt in Schulen.
Ich kenne aber auch die andere Seite Bachmanns, ihre Rede „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“ finde ich viel nahbarer und, ja, zärtlicher.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Sie war hochgebildet, einige ihrer Texte sind in Teilen auf einer Ebene angesiedelt, die scheinbar Leser*innen mit ähnlichem Hintergrund sucht.
In ihrem späten (letzten?) Gedicht „Keine Delikatessen“ heißt es zum Beispiel „Soll ich … / die Syntax kreuzigen/auf einen Lichteffekt?“ Es braucht etwas fortgeschrittenes Sprachbewusstsein, um solche Bilder zu entschlüsseln (das sage ich als Lehrerin an einer Mittelschule, ich habe den Eindruck, dass vielen Schreibenden nicht bewusst ist, auf welchem Sprachniveau sich sehr viele Menschen bewegen). Und dennoch schlägt sie in so gut wie allen Texten eine Volte hin zu sehr klarem Ausdruck. In „Keine Delikatessen“ steht auch: „mit der Verzweiflung (…) / über das viele Elend, / den Krankenstand, die Lebenskosten, / werde ich auskommen.“
Es ist diese Mischung aus Zugänglichkeit und Abstraktion, die für mich zum „Bachmann-Sound“ gehört.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
War Max Frisch wirklich den ganzen Stress wert?
Welche Texte hätten Sie gerne noch verwirklicht?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich bin gerade in der Endphase eines Romans, den ich „Der Sultan von Assisi“ getauft habe. Darin geht es um ein historisch belegtes Ereignis: Franz von Assisi reiste 1219 in den 5. Kreuzzug nach Ägypten, um über die Frontlinie zu gehen, sich festnehmen und dem Sultan vorführen zu lassen – mit dem Ziel, über Frieden zu sprechen. Eine gewaltige Tat, finde ich. Es geht in dem Roman um dieses Ereignis, aber auch um den Kontakt zwischen Europa und dem Islam, um die politische Unterfütterung von Religion und um den Gegensatz zwischen einer spirituellen Gläubigkeit und der Brutalität des „rechten Glaubens“.
Außerdem: am 7. Mai wird im Offenen Haus Oberwart „Die Straße der Frauen“ uraufgeführt, ein Stück, an dem sieben Frauen geschrieben haben. Es geht um sechs Stationen im Burgenland, an denen sagenumwobene oder historische Frauen gelebt haben, von der Weißen Frau von Bernstein bis zu Margit Batthyány, der Schlossherrin von Rechnitz 1945. Ich habe die Rahmenerzählung zwischen den Stationen geschrieben.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Der Schriftsteller — und das ist auch in seiner Natur — ist mit seinem ganzen Wesen auf ein Du gerichtet, auf den Menschen, dem er seine Erfahrung vom Menschen zukommen lassen möchte (…) insbesondere vom Menschen, der er selber oder die anderen sein können und wo er selber und die anderen am meisten Mensch sind. Alle Fühler ausgestreckt, tastet er nach der Gestalt der Welt, nach den Zügen des Menschen in dieser Zeit. Wie wird gefühlt und was gedacht und wie gehandelt? Welche sind die Leidenschaften, die Verkümmerungen, die Hoffnungen …?“ (Aus: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Auch ich sage Merci.
Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Station bei Malina _ Romanschauplatz, Ingeborg Bachmann 1971 _ Walter Pobaschnig 3/26, folgende
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Station bei Malina _ Romanschauplatz Wien, Ingeborg Bachmann 1971 _ Walter Pobaschnig 3/26.
Liebe Manuela, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe mich für dieses Interview noch einmal neu mit Bachmann beschäftigen wollen. Das letzte Mal habe ich das vor etwa zwanzig Jahren getan, da war sie mir sehr nah und ich hatte eine intensive Phase der Auseinandersetzung mit ihren Texten und ihrer Biografie. Als ich nun erneut eintauchen wollte, fühlte ich plötzlich eine große Traurigkeit und fast Widerwillen gegen die Suche nach dem, was mir in Bachmann begegnet. Ich bin mir nicht mehr sicher über mein Verhältnis zu ihr. Ich möchte auch nicht die xte Interpretation ihrer Person versuchen, für mich bleiben in erster Linie Fragen. Und ich mag ganz allgemein die Romantisierung der Melancholie oder der Depression nicht mehr. Ein tragisches Leben wird nicht geadelt durch künstlerischen Erfolg, es bleibt in erster Linie tragisch.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich finde darin einen „hohen Ton“, eine Bestürztheit auch, Erschütterung. Einen tiefen Ernst und eine Unbedingtheit, Dringlichkeit im besten Sinne. Ihr Schreiben hat mich immer in erster Linie betroffen gemacht. Hautnah war ich ihr aber nie, es blieb und bleibt eine Distanz. Bachmann und ihr Werk wirken auf mich schillernd und abweisend zugleich.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich mochte Malina und auch Das dreißigste Jahr hat mich sehr berührt. Ihre Gedichte haben mich nur zum Teil abgeholt, aber wenn, dann auf eine intensive, inspirierende Art.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt „Todesarten“ heute?
Wie soll ich diese Frage beantworten, ohne Gemeinplätze zu bedienen? Man schaut auf diese Welt, schüttelt den Kopf und fragt sich, wie es so weit hat kommen können. Ich nenne keine Namen, zeige auf keinen Akteur. Jeder kann sehen, wie zerstörerisch und patriarchal die Welt gerade heute (wieder) ist und worin sich die Zerstörung zeigt.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Vergänglichkeit wie Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir, können wir noch lieben nach Bachmann?
Wir können auch nach Bachmann noch lieben. Wir müssen sogar. Mit Liebe meine ich dabei aber eher Agape als Eros. Was den Eros betrifft, denke ich, dass er überschätzt wird. Ich traue ihm nicht über den Weg und auch nicht viel zu. Wenn die Männer „unheilbar krank“ sein sollen, dann sind es die Frauen auch. Man braucht Mut, um das Parkett der Liebe zwischen den Geschlechtern zu betreten. Man kann verletzt werden, auch schwer. Und erholt sich vielleicht nie wieder.
Welche Aspekte Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Das ist für mich Bachmanns starke Bildsprache. „Löscht die Lupinen“. „Ein Zapfen: eure Welt. Ihr: die Schuppen dran.“ “Das dunkle Wasser, tausendäugig, schlägt die Wimper von weißer Gischt auf“… Man bekommt etwas zu sehen bei Bachmann, braucht seine inneren Augen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte gern eine Zigarette mit ihr zusammen geraucht, in einem Wiener Café, bei Sachertorte und Mocca, schweigend.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich sitze momentan an dem Manuskript zu einem nächsten Gedichtband, schreibe daneben aber immer auch Kurzprosa.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
„Es ist Zerstörung im Gang. Ich werde von Glück reden können, wenn dieses Jahr mich nicht umbringt.“ (aus „Das dreißigste Jahr“)
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina, den sie in Rom abschließt, spielt in Wien. Das „Ungargassenland“ im III.Wiener Gemeindebezirk ist dabei topographischer Bezugs- und Mittelpunkt. Ebenso nehmen viele Gedichte auf Wien Bezug.
Dragica Rajčić Holzner, Schriftstellerin
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Dragica Rajčić Holzner _ Florian Bachmann.
Fotos: Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien _ 1946-49 _ Walter Pobaschnig 7/2023