Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Regina Lehrkind, Autorin, BuchMentorin
Zur Person: Regina V. Lehrkind, geboren in Trepuzzi / Italien, aufgewachsen in Hagen / Westfalen. Nach dem Abschluss der Lehre zur Rechtsanwalt- und Notarsgehilfin, studierte sie an der ISL Hamburg BWL / Marketing mit dem Schwerpunkt Absatzwirtschaft. Im Folgenden bildete sie sich zur geprüften Personalmanagerin weiter. Regina Lehrkind ist selbstständig in den Bereichen Personalmanagement, Marketing und Officemanagement.
Seit 1986 schreibt Regina Lehrkind Lyrik und Kurzprosa. Sie war Mitglied der Autorengruppe Bleisatz in Hagen, war 1. Vorsitzende der Autorinnenvereinigung e.V. und ist Mitglied der Lyrikgesellschaft e.V.Leipzig, Lesungen u. a. in Flensburg (D), London (GB), Retz (A). Autorin – Regina Lehrkind 27.7.26
Im Interview _ Regina Lehrkind, Autorin, BuchMentorin, Hagen NRW
Liebe Regina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Erste Begegnungen mit Ingeborg Bachmann hatte ich während meiner Schulzeit – vorwiegend mit ihren lyrischen Werken. Ich war fasziniert von ihrer Sprache. Für mich Sprachkunst, geboren aus Sensibilität und Sehen. Ein enger Dialog mit den Erlebnissen aus ihrem eigenen Leben (Krieg, Gewalt, Einsamkeit, Liebe).
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann hat ihr Ziel zu Schreiben konsequent verfolgt. Das zu einer Zeit, in der es wenig publizierende Frauen gab und über die gesprochen wurde. Ihre Werke lassen sich nicht einfach so lesen. Sie wollen bewusst und langsam gelesen werden. Sie hinterlassen Spuren. Es ist eine Entdeckungsreise, die immer wieder Neues zu Tage und einen zum Nachdenken bringt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Für mich die „Gestundete Zeit“, als erste Begegnung mit den Werken von Ingeborg Bachmann. Malina – ein Werk in einer Form, die für mich ungeformt erscheint. Ich nehme es immer wieder gerne in die Hand und stöbere in den Zeilen.
Ihre Gedichte lassen mich in diesen von Hektik und Schnelllebigkeit gefluteten Zeiten in andere Welten abtauchen. Sie ermöglichen mir in Sprachräumen durchzuatmen. Sie werden mich immer begleiten.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Malina ist für mich ein gutes Beispiel, wie aktuell die Gesellschaftskritik von Ingeborg Bachmann ist. Im Laufe der Jahre scheint es kaum Veränderung gegeben zu haben. Frauen scheinen sich in der patriarchalen Welt anzupassen. Diese Welt ist geprägt von Selbstzerstörung und Zerstörung, Gewalt wird geleitet, statt beendet. Ein kranker Zustand.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
In Punkto Liebe/lieben hatte Ingeborg Bachmann wenig Einfluss auf mich. Liebe ist weit mehr als nur ein romantisches Ideal. Liebe setzt sich aus Respekt, Wertschätzung, Vertrauen, Ehrlichkeitkeit, u.s.w. zusammen. Dazu sollte man sich selbst sehr gut kennen, sich selbst lieben und wissen, was man für sich möchte. Liebe ist ein dauerhafter Prozess aus Loslassen, Anerkennen, Reflexion und bewussten Entscheidungen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das ist mir zu allgemein. Kunst ist so viel mehr … Sie vermittelt Freude, Provokation, Leidenschaft, ästhetisches Miteinander. Eine Bereicherung des Lebens mit neuen Perspektiven.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Schreiben ist Handwerk. Das ist in ihren Werken spürbar (schleifen, feilen, hämmern…). Es macht Mut und spornt an, immer wieder den Bleistift zu spitzen und sich zu verbessern.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte mich für ihr wunderbares Werk bedankt. Hat die Liebe zu Italien, das Lebensgefühl, deine Werke beeinflusst? Hast du dich heimatlos gefühlt?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Derzeit arbeite ich an meinem dritten Band GenussHappen gemeinsam mit Christine Carus. Erfolgscode: Geniales Business ist gerade erschienen. Ein weiteres Projekt formt sich.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
»Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir, Präferenzen habe ich freilich auch, viele Bücher bekommen mir nicht, einige nehme ich nur am Vormittag ein, andere nur in der Nacht, es gibt Bücher, die ich nicht loslasse, ich ziehe herum in der Wohnung mit ihnen, trage sie vom Wohnzimmer in die Küche, ich lese stehend im Korridor …«
Aus dem Roman Malina
Herzlichen Dank für das Interview!
Regina Lehrkind, Schriftstellerin
Zur Person: Regina V. Lehrkind, geboren in Trepuzzi / Italien, aufgewachsen in Hagen / Westfalen. Nach dem Abschluss der Lehre zur Rechtsanwalt- und Notarsgehilfin, studierte sie an der ISL Hamburg BWL / Marketing mit dem Schwerpunkt Absatzwirtschaft. Im Folgenden bildete sie sich zur geprüften Personalmanagerin weiter. Regina Lehrkind ist selbstständig in den Bereichen Personalmanagement, Marketing und Officemanagement.
Seit 1986 schreibt Regina Lehrkind Lyrik und Kurzprosa. Sie war Mitglied der Autorengruppe Bleisatz in Hagen, war 1. Vorsitzende der Autorinnenvereinigung e.V. und ist Mitglied der Lyrikgesellschaft e.V.Leipzig, Lesungen u. a. in Flensburg (D), London (GB), Retz (A). Autorin – Regina Lehrkind 27.7.26
im Interview _Klára Hůrková,Schriftstellerin _ Aachen/D.
Liebe Klára, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Bachmann wurde in Prag der 70. und 80. Jahre, als ich zu Schule und zur Uni ging, nicht ein Teil des Curriculums – sie gehörte wohl zu den sogenannten „bourgeoisen Schriftsteller*innen“, die das damalige Regime ablehnte. Deshalb lernte ich ihr Werk erst viel später kennen, durch eine deutsche Freundin, die über „Malina“ ihre Abschlussprüfung gemacht hat. Ich mag vor allem Bachmanns Gedichte und Erzählungen, zum Beispiel „Undine geht“. Schon seit meiner Kindheit war ich von Feen, Rusalkas, kleinen Meerjungfrauen, Nymphen und Undinen fasziniert – Ich glaube, Ingeborg Bachmann war selbst so ein Wesen…
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Sie denkt und schreibt in sehr eigenen, wunderschönen Metaphern und Vergleichen. Gleichzeitig ist ihre Sprache musikalisch. Beides – das Bildhafte und das Musikalische – macht die große Poesie aus. Sie will immer die Tiefe berühren, die Wahrheit finden, und obwohl sie über eine umfangreiche Kenntnis der abendländischen Ideenwelt verfügt, geht sie kompromisslos von ihren eigenen subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen aus, die sie artikuliert, strukturiert und durch ihre Kunst auf eine allgemeine Ebene hebt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ich bewundere ihre Gedichte aus den beiden Sammlungen „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des Großen Bären“. Mit zwei Freundinnen habe ich im privaten Kreis über das Buch „Der Fall Franza“ diskutiert, in dem sie ihre großen Themen behandelt – die Unterdrückung der Frauen und die männliche Dominanz, die Krankheit und den Tod. Wir fanden das Buch sehr bedrückend. Ich kann sehr gut verstehen, warum Bachmann die Arbeit daran abgebrochen hat. Die Wahrheitsfindung tut manchmal richtig weh. Jetzt muss ich an Franz Kafka denken, dessen Romane auch Fragmente geblieben sind – vielleicht aus demselben Grund. Bei „Malina“ ist es Bachmann immerhin gelungen, das Werk zu vervollständigen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde ihr sagen: „Danke dafür, dass Sie sich für alles Schwache und Unterdrückte und für die Poesie im weitesten Sinne eingesetzt haben! Ihr Leben war viel zu kurz, aber Sie haben sehr viel getan und viel erreicht.“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe wie immer Gedichte über alles, was mich berührt und beschäftigt. Darüber hinaus versuche ich schon seit langem, Prosa zu schreiben über mein Ankommen in Deutschland und die ersten Jahre meiner Emigration. Aber das ist sehr schmerzhaft und ich breche es immer wieder ab…
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Deck mir, Nacht, die Augen / mit dem Narrenhut.“ (Heimweg. In: Anrufung des Großen Bären)
Via Giulia, Rom _ Am Weg zum Wohnhaus/letzte Wohnung Ingeborg Bachmanns Rom _
Palazzo Sacchetti _ letzte Wohnung von Ingeborg Bachmann (1971-73) _ folgende
Innenhof Palazzo Sacchetti _ Ingeborg Bachmann wohnte im 1.Stock. Hier ereignete sich der schwere Brandunfall, an dessen Folgen die Schriftstellerin am 17.Oktober 1973 in Rom verstarb
INGEBORG
in meinen tagträumen ist das leben gefangen im kampf gegen verfall und siechtum
nachts liege ich wach und denke oft ich sei in der falschen stadt geboren
geboren in besetzter zone
einem verlorenen habe ich mich anvertraut … wollte mich auf augenhöhe mit ihm messen
bald ist auch das eine alte geschichte … eine weitere lieblose legende
ordnung … hab meine notizen geordnet … gestern schrieb ich: schreiben ist ein totentanz
rom gibt mir kraft und gleichzeitig löscht es mich aus
gestundet ist die zeit … die sonne kommt ans licht
Christoph Kleinhubbert, 3.5.26
Rom/Ospedale Sant’Eugenio _ Ingeborg Bachmann starb hier am 17.10.1973 _ folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance Originalschauplatz „Malina“ Wien.
INGEBORG _ Akrostichon
Text_ Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller _ Herne/D
Performance _ Ingala Fortagne _ Sopranistin, Schauspielerin_ Wien
Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann Henselstraße _ Juni 2026
Henselstraße 26, 9020 Klagenfurt _ ehemaliges Wohnhaus der Familie Bachmann, in dem die Geschwister Ingeborg Bachmann wie Heinz Bachmann und Isolde Moser (geb.Bachmann) aufwuchsen.
Henselstraße/Klagenfurt _ 2020 _
Ingeborg Bachmann und ihre Schwester Isolde Moser (geb.Bachmann _ Vordergrund) _ Familienarchiv Bachmann, folgendes
Heinz Bachmann
Ingeborg Bachmann, Rom 1962 _ Portraitserie von Heinz Bachmann
Rede zum 100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom
25.6.2026 Klagenfurt, Henselstraße 26
Dr.Heinz Bachmann
Dr.Heinz Bachmann, Geologe, Autor
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Werkes meiner Schwester Ingeborg, als ich vor 53 Jahren in der Henselstraße stand — an jenem schweren Herbsttag des Jahres 1973, als wir Abschied nehmen mussten von Ingeborg, viel zu früh, viel zu plötzlich —,
hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages hierher zurückkehren würde, um ihren hundertsten Geburtstag zu feiern. Dass ich als ihr Bruder, als der Jüngere, der sie so gut kannte und vielleicht doch nie ganz kannte, vor Ihnen stehen würde —
in dieser Straße, in dieser Stadt.
Klagenfurt, unser Klagenfurt.
Bachmannweg _ Klagenfurt/Kreuzbergl
Was seitdem geschehen ist, übersteigt alles, was wir als Familie je zu hoffen gewagt hätten. Aus dem Haus in der Henselstraße ist das Ingeborg-Bachmann-Haus geworden — ein wunderbarer Ort der Erinnerung, der Forschung, der Begegnung. Wer heute durch diese Räume geht, betritt nicht nur eine Biografie, sondern betritt eine Welt aus Sprache, aus Kindheit, aus der Sehnsucht eines Mädchens, das schon früh wusste:
Die Welt lässt sich nicht hinnehmen, wie sie ist. Sie muss erzählt, befragt ,herausgefordert werden.
Und seit vorgesten steht hier im Garten das Werk Anselm Kiefers „DIE ORDEN DER NACHT“ gewidmet meiner Schwester Ingeborg. Das Werk wurde begleitet von einem bewegenden Brief Anselms übermittelt durch Waltraud Forelli, die wir heute hier begrüßen können.
Wer hätte das gedacht oder gehofft. Diese Würdigung berührt mich sehr, vor allem da sie auf das Gedicht „An die Sonne“ anspielt, das mein Lieblingsgedicht ist. Ich denke da an den Frühling 1945 als Ingeborg schreibt:
(Textauszug „Kriegstagebuch“ Ingeborg Bachmann)
„Aber ich kann nicht mehr in den Bunker gehen, stundenlang wenn das Wasser an den Felswänden herunterrinnt und die Luft so schlecht wird, dass man halb ohnmächtig wird. Es ist zwar Sprechverbot wegen der Luft, aber diese stumpfen, stummen Massen sind auch unerträglich. Der Ge danke, dort womöglich mit allen wie in einer Viehherde zugrundezugehen, ist mir schauerlich. Wenigstens im Garten. Wenigstens in der Sonne…“
Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönerem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.
Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.
Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.
Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Dass ich wieder sehe und dass ich dich wiederseh!
Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein …“
Für dieses Doppeljubiläum wurden Biografien geschrieben. Interpretationen verfasst. Ihr Werk wurde in dutzende Sprachen übersetzt, an Universitäten auf allen Kontinenten gelehrt, von Leserinnen und Lesern geliebt, die Ingeborg nie persönlich gekannt haben und sie doch — durch ihre Worte — besser kennen als mancher, der ihr in Persona begegnet ist.
Das ist das Geheimnis großer Literatur: Sie überdauert die Person.
Ingeborg hat sich behauptet. Sie hat — wenn ich so sagen darf — überlebt; …durch die Kraft ihrer Sprache.
IJnd heute, in diesem Jahr des hundertsten Geburstags, in dieser Zeit, spüren wir, wie aktuell sie geblieben ist. Wie erschreckend aktuell.
Sie hat einmal geschrieben, und ich zitiere diese Worte, weil sie mich seit Wochen nicht loslassen und in den Straßen der Stadt überall zu sehen sind:
„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, bräuchten wir die Waffen nicht.‘
Hannelore Schmid, Schauspielerin, Regisseurin _ Wien _ Romanjubiläum Malina _ Walter Pobaschnig 6/21
Meine Damen und Herren — wann hätten diese Worte mehr gegolten als heute? In einer Zeit, in der Kriege toben, in der Sprache vergiftet, missbraucht, zur Waffe gemacht wird. Ingeborg hat das geahnt. Sie hat darunter gelitten. und sie hat dagegen geschrieben, mit jeder Zeile, bis zuletzt. Das ist ihr Vermächtnis, das sie uns hinterlassen hat.
Anna Possarnig, Tänzerin, Choreographin _ performing _ Romanschauplatz Malina/Wien _ Walter Pobaschnig 6/2020
Ich spreche heute im Namen der ganzen Familie, wenn ich sage: Wir sind bewegt. Wir sind dankbar. Wir schätzen es außerordentlich, wie liebevoll und ernsthaft Ingeborg hier in Klagenfurt, in Österreich, in der Welt gefeiert und gewürdigt wird.
Sie lebt — in den Lesungen, in der Forschung, in den Gesprächen. Sie lebt in jedem jungen Menschen, der zum ersten Mal ein Gedicht von ihr aufschlägt und merkt: Das trifft mich.
„Station bei Bachmann _ Literatur outdoors_ Constanze Sophie Passin, Schauspielerin_ performing _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien _ Walter Pobaschnig12/2021
Ich danke Ihnen von Herzen, dass sie so zahlreich gekommen sind.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Anne Mai, Schriftstellerin
Elena Platon, Schauspielerin _Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Anne Mai _ privat.
Fotos: Elena Platon, Schauspielerin _Wien _ acting Malina/Ingeborg Bachmann_ Walter Pobaschnig 5/21
Ingeborg Bachmann in Rom auf der Terrasse in ihrer Wohnung in der Bocca de Leone
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Klaus Oberrauner, Autor, Kulturvermittler, Textkünstler _ Wien
Lieber Klaus, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann ist für mich eine jener Autorenpersönlichkeiten, die immer wieder aufs Neue dazu einladen, entdeckt zu werden. Ich persönlich kam ihr relativ spät auf die Spur. Wie einem exotischen Tier, dem man voller Begeisterung, Faszination, Staunen aber auch voller ehrfürchtigem Respekt gegenübersteht. Etwas, das unnahbar scheint und lockt – aber doch so nahe und sogar Teil von einem selbst ist. Und ich bin noch immer dabei, sie zu entdecken und weiter kennen zu lernen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Die Zeitlosigkeit und die persönliche Tiefe ihrer „Welten“, wissen gleichermaßen aufzurütteln, zu erschüttern. Man findet sich berührt vor einem Spiegel der eigenen Umgebungsnatur. Ganz besonders schätze ich ihre Poetik – wie sie mit kleinen Wortstrichen klare Empfindungsmosaike und Gesellschaftskaleidoskope
Entwirft. Eine Facette, die ich persönlich auch besonders finde: die textlichen Brücken und Beziehungen hin zu Musik und Theater.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ganz besonders schätze ich ihre Gedichte. Sie lassen nicht nur empfinden. Sie lassen nach-lesen, nach-denken. Buchstäblich in sich kehren – und gar nicht kalt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Sie schreiben mir aus der Seele. Lassen Sie uns nun auch über Musik sprechen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich tüftle gerade an neuen Ideen, Wegen und Kooperationen für die neuen Bild Lyrik-Projekte. Je nach Inspirationsstatus spiele ich auch mit Gedanken an dramatische Texte.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Wir brauchen Musik. Das Gespenst ist die lautlose Welt.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Klaus Oberrauner _ Autor, Kulturvermittler, Textkünstler
Zur Person/über mich:Klaus Oberrauner _ Wortschöpfer. Geschichtenausdenker. Klangsucher. Ideenvermittler, Projekterzähler. In der medialen Kreativwerkstatt.
Studium der Musik- und Tanzwissenschaft in Salzburg sowie der Kunst- und Kulturvermittlung in Wien. Danach, davor und dazwischen Erfahrungsstationen bei Rundfunk, Zeitung und Theater in Österreich und Deutschland. Sowie Redakteur für eine österreichische Tageszeitung, danach für ein Wirtschafts- und Kulturmagazin. Umblicke aus dem Kulturleben. Für diverse Print- und Onlinemedien. Regelmäßig Konzerteinführungen.
Seit 2014 Mitgestalter für TV-Dokus (ORF III, arte).
Als Autor Pflege der kleinen literarischen Form. Kurzprosa und Gedichte. Auch Romaneskes im historischen Kontext.
Immer wieder Brückenschlag zwischen den Disziplinen. Gemeinsam mit bildenden Künstlern. Mit Sprechern. Mit Schauspielern.
Christoph Prückner, Regisseur, Schauspieler _acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Wien _ Walter Pobaschnig 6/23, folgende.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
MALINA_ Akrostichon
Text _ Romana Ganzoni, Schriftstellerin
Performance_ Christoph Prückner, Regisseur, Schauspieler
MALINA
Mein Leben in Sätzen.
Angst als Grundform.
Liebe, kein Versprechen.
Ich sage: ich. Es antwortet: Krieg.
Nichts endet.
Alles spricht weiter.
Romana Ganzoni, 9.1.2026
Christoph Prückner, Regisseur, Schauspieler _acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Wien _ Walter Pobaschnig 6/23.
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
im Interview _ Julia Grinberg, Schriftstellerin _ Wiesbaden/D
Liebe Julia, welche Zugänge gibt es für Dich zum Werk von Ingeborg Bachmann?
Mein Zugang war ein Umweg. Ich habe Bachmann zunächst auf Russisch gelesen, das hat mich sofort beeindruckt – die Dichte, Bildhaftigkeit, Eigenartigkeit der Texte. Als ich sie später auf Deutsch gelesen habe, war ich schlicht überwältigt, als wäre meine Empfindung schärfer, lauter und klarer gestellt worden. Es war die Entdeckung einer nächsten sprachlichen Dimension. Gleichzeitig merkte ich, wie schutzlos ein Text vor einer Übersetzung sein kann.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Für mich ist es der radikale Einfallsreichtum, als hätte sie mehr Sinne als ein Normalsterblicher. Dass die Sprache sich ihr dermaßen unterordnet – sie ist die Schöpferin ohne Wenn und Aber, die Sprache fügt sich. Dass sie keine Angst hat, Schöpferin zu sein.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ja, die Gedichte natürlich – Die gestundete Zeit ist eh ein Muss. Auch die Erzählungen mag ich sehr, ihre Erzählungen und die Gattung im Allgemeinen. Das passt wunderbar zu meiner Art zu lesen: nicht von A bis Z vollständig, sondern wiederkehrend, Wirkung auf Abstand prüfend. Und Bachmanns Texte wirken lange nach.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Kritik wirkt heute erstaunlich nah und zeigt, wie Machtverhältnisse nicht nur öffentlich und offensiv, sondern auch subtil im Verborgenen wirken – in Beziehungen, in der Sprache, im Alltag. Gewalt ist selten nur ein Ereignis; sie ist eine allgegenwärtige Struktur. Das macht ihre Texte leider so zeitgenössisch.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema bei Bachmann – wie lieben wir nach oder mit ihr?
Die Liebe bei Bachmann ist nie nur privat, sondern immer auch von Macht, Projektion und Verletzbarkeit durchzogen. Beziehungen finden nicht außerhalb gesellschaftlicher Strukturen statt. Das macht ihre Texte ehrlich. Man findet sich darin wieder.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für mich nicht. Eher das Gegenteil. Schreiben ist eine Form des Kanalisierens. Ohne Schreiben wäre vieles schwer auszuhalten. Wenn überhaupt, dann liegt das Martyrium für mich eher darin, nicht schreiben zu können.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Musikalität und Rhythmus der Sprache, Ambivalenz und Verschiebungen, Experimente mit Bewusstseinsströmen, Reflexivität, Sinnlichkeit, Detailvernarrtheit. Habe ich etwas vergessen? Bestimmt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie sie Angst vor der Konsequenz ihrer eigenen Erkenntnisse überwindet. Ob Schreiben für sie auch etwas Vorwegnehmendes hatte – nicht im Sinne einer Prophezeiung, sondern als Sensibilität für Entwicklungen, die sich später bestätigen. Ich hätte sie auch um Ratschläge gebeten – genau, so ein Schreibworkshop bei Ingeborg Bachmann, das wäre etwas, oder?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Derzeit arbeite ich an einem Projekt, das sich tatsächlich mit struktureller Gewalt und Sprache beschäftigt – damit, wie sich gesellschaftliche Ordnungen in Wahrnehmung und Selbstverständnis einschreiben. Mich interessiert dabei besonders, wie sich Zugehörigkeit und Fremdheit im Inneren abbilden.
Da war die Nacht. Die Ruhe. Roswitha und Karl und ihr Hund. Der Schlaf, das beschauliche Leben inmitten der sanften Hügel, Wälder des Mühlviertel. Der Takt der Tage ist ein regelmäßiger Rhythmus der Jahreszeiten. Licht und Dunkelheit. Sonne und Mond.
Der Mond über der Stille der Landschaft, dessen Schein jetzt ihr Gesicht berührt. Sie erwacht
„Gejaule drang an ihr Ohr“… “Du bist dran“, murmelte Roswitha…
Roswitha liebte es, wenn Karl an der Reihe war, mitten in der Nacht mit dem Hund Gassi zu gehen…“
Der vertraute Weg mit dem Hund. Hundertmal. Auch in der Dunkelheit. Dann aber ein Geräusch und die französische Bulldogge sprintet los. Karl hinterher.
Ein Haus. Licht.
„Er trat näher an das Haus heran und spähte durchs Fenster. Das Licht war gar kein Licht.
Es war Feuer!“
Und dann der Tag. Asche und Tod. x3.
Das Telefon läutet bei Chefinspektor Oskar Stern. Sein Fall.
Und jetzt hinein in die Tagesidylle rundum und hin zu Asche und Glut und den tödlichen Geheimnissen zwischen Wegen, Mühlen und Abgründen…
Bestsellerautorin Eva Reichl legt einen weiteren Mühlviertler Kriminalroman vor und dieser ist gleichsam ein roter Himmel abgründiger menschlicher Abendämmerung, der strahlend und intensiv Charaktere in sensationeller fesselnder Spannungsdichte zeichnet und in zerreißenden Lebensbanden offenlegt.
Es ist eine ganz feine wie messerscharfe soziale und psychologische literarische Klinge, mit der die in Oberösterreich lebende Autorin in das Herz und den Schmerz, den Zorn und die Rache von Existenz und Gesellschaft, Zeit hinter den typisch Mühlviertler grau-weißen Granitstein-Fassaden – „Steinbloßstil“ (Steinbloß-Bauweise) – schneidet und zu Tisch, Bett, Stube und allen Abgründen darin blicken lässt und menschliche Fassadenmasken zerreißt.
„Eva Reichl ist die Donna Leon des modernen deutschsprachigen Krimis!“
Mühlviertler Feuer. Eva Reichl. Kriminalroman. Gmeiner Verlag.
320 Seiten, 12,5 x 20,5 cm, Paperback, E-Book
Print 15,50 € / E-Book 11,99 €
ISBN 978-3-8392-8168-0
Fotos: Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreographin _ Wien _ performing „Malina“ _ Walter Pobaschnig 6/25