Hi Mohamed, what are your approaches to the work of Ingeborg Bachmann?
Ingeborg Bachmann is one of the most important German‑language writers. She can be placed alongside: Max Frisch, Günter Grass, Robert Walser, Herta Müller, Elfriede Jelinek, Peter Handke… I first read her in an anthology of contemporary German short stories translated into Arabic, and I greatly admired her style, along with some Arabic translations of her poems.
What makes her writing special for you?
What makes her writing distinctive is its existential philosophical tone. She wrote her doctoral thesis on Martin Heidegger. She was also part of Group 47, influenced by the atmosphere that followed the Second World War. Her works address themes such as death, life, time, language, and love. In addition, there is a feminist dimension in her writing, which gives much of her work a deeply human and existential character, alongside her constant experimentation with literary forms.
Would you like to highlight certain works and why?
There is a story by Bachmann that was the first I read in Arabic, titled “Everything,” from her collection “The Thirtieth Year.” It is a story about the relationship between a father and his son, in which Bachmann presents an existential vision of the world and of others. Through it, she penetrates deeply into the essence of human existence, through the dialectical relationship between fathers and sons and the responsibility of bringing children into the world. In that story, Ingeborg said everything… It is an extraordinarily beautiful story.
What would you have liked to say or ask Ingeborg Bachmann?
“The world needs women writers like you—especially at this particular moment in history.” We are in need of human voices in literature.
What are your current literature project plans?
I am trying to publish my second short‑story collection, and perhaps my first critical book will be released as well.
Please conclude the interview with a quote/text from Bachmann.
A quote from her story “Everything”: “I discovered within myself a weakness; it was the child who made me discover it, and discover a feeling that I was moving toward defeat.”
Im Interview _ Jens-Philipp Gründler, Schriftsteller
Lieber Jens-Philipp Gründler, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn ich ehrlich sein soll, kam ich mit ihrem Werk vor allem aus biografischen Gründen in Berührung. Es mag traurig anmuten, aber ich war als Teenager emotional berührt von Ingeborg Bachmanns tragischem Ende. Ihr dramatischer Tod in Rom mit nur 47 Jahren, die Benzodiazepin- und Barbiturat-Abhängigkeit… Bachmanns Schicksal war eine Grandezza zu eigen, die mich über die Maßen faszinierte. Paul Celans Todesfuge war mir damals ein Begriff und über diesen ehrfürchtig von mir verehrten Dichter näherte ich mich dann der Frau, die ihn „mehr liebte als (ihr) Leben“. Auch ihre Beziehung zu dem Komponisten Hans Werner Henze, der ganz in der Nähe meines Kindheitsortes, im ostwestfälischen Gütersloh, geboren wurde, interessierte mich. Seine Filmmusiken, etwa für die Böll-Verfilmung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Schlöndorffs Junger Törless hatte ich im Deutschunterricht kennengelernt. Meine erste unmittelbare Begegnung mit Bachmanns Werk hatte ich indes zu Abiturzeiten, als ich mir eine Bühnenadaption ihres Romans Malina im Theater anschaute.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In meinen Augen weist ihr Werk eine Direktheit auf, eine Wucht, die aber nicht mit Monumentalität verwechselt werden sollte. Marcel Reich-Ranicki beschrieb ihre Prosa einmal als „anachronistisch“. Oftmals verknüpfen Interpretinnen und Deuter Bachmanns Texte mit Begriffen wie „kaleidoskopisch“, „fragmentiert“, „zersplittert“, „traumhaft“ oder „zerfasert“. Bachmann schreibt in gewisser Weise maskulin, wobei eine derartige Definition heutzutage mit Vorsicht zu betrachten ist. Die somnambule Relativierung des Ichs vieler ihrer Figuren, vor allem aber der weiblichen, einhergehend mit eleganter Gesellschaftskritik, kündet von einer Frische und Modernität, die ihresgleichen sucht – ohne Erfolg. Bachmann setzte alles auf eine Karte, war sie eine Künstlerin, bei der Vita und Werk ineinander verschmolzen. Sie opferte sich vollkommen für ihr Werk, so mein Eindruck, und ging schließlich leidvoll daran zugrunde. Ob es ehrwürdige Nachfolgerinnen und Adepten gibt, heutzutage? Ich wage es zu bezweifeln. Wer ist dieser Tage noch dazu bereit, Leib und Seele zu riskieren, für die Kunst?
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Der fünf Erzählungen enthaltende Band Simultan aus dem Jahr 1972 gefällt mir aufgrund seiner erzählerischen Klarheit und Prägnanz. Jeder Satz wirkt auf mich wie in Stein gemeißelt. Als habe Michelangelo eine Skulptur im rauen Marmorblock erkannt und sie dann präzise Schlag für Schlag daraus befreit. Des Weiteren mag ich die Mondänität der Settings, das existentielle In-die-Welt-Geworfensein der Figuren und deren Gegensätzlichkeit. Die Protagonistin der ersten Geschichte, eine Simultanübersetzerin, die sich in Mittelitalien erholen will und der beim Anblick einer Christusstatue übel wird, bietet einen humorvollen Kontrast zum nicht weniger amüsanten Dasein von Beatrix. Sie ist 21 Jahre alt, würde am liebsten die ganze Zeit schlafen und es gelingt ihr gerade einmal, den Friseur aufzusuchen. An dieser Stelle zeigt sich, wie vielschichtig Bachmanns Werk ausfällt und dass Witz und Esprit eine große Rolle spielen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Hättest Du dieses kompromisslose, radikale und dennoch von Schönheit und natürlicher Ursprünglichkeit geschmückte Werk auch erschaffen können, wenn Du hier und da auf die Bremse getreten hättest? Oder blieb Dir nichts anderes übrig als mit Vollgas zu fahren? War der Tragik bedingende Kollisionskurs die conditio sine qua non für Dein Schaffen? Oder blicken wir zu kurz und übersehen den Humor, der in deinen Arbeiten präsent ist?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Zurzeit bereite ich eine Anthologie zu der Kunstausstellung Skulptur Projekte 2027 vor, die alle zehn Jahre in Münster stattfindet und bei der Kunst im öffentlichen Raum präsentiert wird. Hierfür sammelt der VS Münsterland Texte, die von bereits vorhandenen oder ehemals ausgestellten Kunstwerken handeln. Darüber hinaus arbeite ich an einem Roman über eine Guerillagang, die einen einflussreichen und unerbittlichen Psychiater entführt, um ihn für das, was er vier Frauen antat, zur Rechenschaft zu ziehen. Auch wenn dies wie ein Racheroman erscheint: Der Grundgedanke hierbei soll die in der Bergpredigt geforderte Feindesliebe sein.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ Dieser Aphorismus könnte uns gegenwärtig sehr helfen, wären wir nur bereit, ihn zu verinnerlichen und dann umzusetzen.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Siegfried Völlger, Schriftsteller_ Augsburg/D
Sarah Zaharanski, Schauspielerin _Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Siegfried Völlger _ privat.
Fotos: Sarah Zaharanski, Schauspielerin_performing „Malina“ _ am Original-Romanschauplatz_Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 6/21
Lieber Siegfried, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Gedichte. Vor Jahrzehnten die Entdeckung der Gedichte, alles andere später.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Der mutige Gebrauch der Worte, das Zulassen, Einlassen auf Wortmehrdeutigkeiten. Realismus und Absurdität dicht nebeneinander – was beidem guttut.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Wieder die Gedichte. Die Entdeckungen vieler Düsterkeiten und dazwischen die glitzernden Splitter, die man manchmal erst nach genauerem Lesen/Bedenken findet. Reiche Beute ist da zu machen. Und einige der Erzählungen, der Überlegungen zu Dichtern und Werken – jede Menge Anregungen fürs Weiterdenken.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Es gibt grauenhafte Entwicklungen und gleichzeitig immer auch Widerstand. Bachmann passt da gut: den Widerständischen Unterstützung, den grauenhaften Kerlen Gegenrede. Aufklärung, wenn es denn nützt, in der Welt die Lüge und Dummheit als oberstes Ziel ausgibt, oftmals.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich glaube nicht an pauschale Besserung durch Dichterin/Dichter. Aber jede Leserin, jeder Leser, kann im Werk Hinweise, wenn nicht Anweisungen, finden, die zur Selbstprüfung, zur Selbstbetrachtung anregen, zwingen, kann man sagen, wenn man sich drauf einlässt. So wie Bachmann eine Einzelne war, müssen auch Leserin und Leser sich ihre eigenen Wege suchen – die immer noch recht viel Arbeit erfordern, aber nützen (- so der optimistische Gedanke).
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Immer nicht. Ich halts mit H.C.Artmann: Von der Wollust des Dichtens
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Es gibt Sätze, die mich treffen, und die bleiben. „Böhmen liegt am Meer“ – ist einer der Sätze, die mir klargemacht haben, dass ich etwas, das ich nicht verstehe, verstehen kann. Dass ich, die Absurdität, das Unverständliche, ein wenig die Welt, und ihre Wirrungen verstehen kann.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Das ist eine schwierige Frage. Was fragt man eine Dichterin, eine Musikerin, die man sehr verehrt? Man muss nicht übers Werk reden, das spricht selbst, und für eine schnelle Frage sollte man Künstler nicht belästigen. Würde man sie/ihn ein bisschen näher kennen, wäre vielleicht ein Gespräch möglich. Ich erinnere mich an einen Beitrag auf einer Seite über Bob Dylan auf der ein Besucher eines Konzerts sagte: Und da steht Dylan vor mir, er gibt ausnahmsweise Autogramme, und ich, Fan seit vierzig Jahren, bringe kein Wort heraus.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Nachdem im letzten Jahr zwei Gedichtbände erschienen sind, muss ich damit etwas bremsen. Laut Verleger erscheint mein Roman demnächst, es gibt noch keinen Termin. Ein Band mit Erzählungen ist sehr weit. Aber natürlich, das ist unaufhaltsam: Gedichte entstehen immer.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“
Aus: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden
Im Interview _ Marion Margarethe Kecht, Dichterin _ Wien
Liebe Marion, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Einer meiner ersten Eindrücke entstand in etwa so: Ich war 19 und machte am Bodensee Urlaub, es war Mai, ich lag im Gras unter Apfelbäumen und habe zum ersten Mal ‚Malina’ gelesen.
Diese Kulisse war idyllisch – und stand in einem merkwürdigen Kontrast zu dem, was ich da gelesen habe. Der Text hat mich sofort hypnotisiert — und verstört. Gerade die Albtraumkapitel, die sich mir entzogen, haben mir ins Mark gesprochen. Ich war fasziniert, begriff jedoch wenig.
Was geblieben ist, war also kein Verstehen, sondern ein Eindruck von Härte, von etwas Unausweichlichem.
Erst später, mit mehr Erfahrung – auch als Frau – habe ich begonnen, dieses Buch anders zu lesen. Nicht mehr als Rätsel, sondern als Beschreibung von Strukturen: von Unterwerfung, von Sprachlosigkeit, von Beziehungen, in denen etwas systematisch verschwindet.
Mein Zugang zu Bachmann ist deshalb kein kontinuierlicher. Ich lese sie nicht „gern“, sondern aus Notwendigkeit.
Sie hat mich nie mehr losgelassen – und ich sie auch nicht.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Streben nach Vollkommenheit – und die Fähigkeit, auf unnachahmliche Weise tiefgreifende Fragen an den Menschen und die Gesellschaft zu stellen und ihnen auf die Spur zu kommen, vielleicht durch die Sprache selbst – sowie ihr philosophischer Hintergrund.
Ingeborg Bachmann kam ja nicht aus einer rein literarischen Tradition. Ihre Dissertation über Martin Heidegger war bereits eine kritische Auseinandersetzung mit existenzialistischem Denken, gleichzeitig stand sie unter dem Einfluss des Wiener Kreises um Viktor Kraft.
Wesentlich scheint mir aber ihre Nähe zu Ludwig Wittgenstein zu sein: die Frage nach den Grenzen der Sprache, nach dem Sagbaren und dem, was sich entzieht. Das ist keine Theorie geblieben. Es prägt ihr Schreiben unmittelbar. Ihre Texte balancieren auf der Grenze des Sagbaren: sie sagen, während sie zugleich zeigen, dass so manches sich der Sprache widersetzt.
Für mich liegt darin ihre eigentliche Radikalität. Sprache wird bei ihr nicht verwendet, sondern überprüft. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem ich mich ihr am nächsten fühle: Schreiben heißt nicht ausdrücken, sondern freilegen – auch dort, wo Sprache an ihre absolute Grenze kommt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Selbstverständlich ihre Gedichte, vor allem die ‚Anrufung des Großen Bären‘, aber auch ihre Erzählungen, die ich immer wieder zur Hand nehme, ‚Malina‘, weil dieser Text noch einen Schritt weiter geht: Er zeigt nicht nur Verletzung, sondern ihr System dahinter. Der Satz „Es war Mord“ ist dabei weniger Anklage als Diagnose. Und ganz wichtig: ‚Der Fall Franza‘ aus den Todesarten.
Dass Bachmanns Prosa mitunter als bieder oder banal bezeichnet wurde, ist für mich kaum nachvollziehbar. Diese Lesart verkennt, wie präzise ihre Texte konstruiert sind – und wie kompromisslos, aber auch wie ungeschützt sie an die Grenzen von Sprache, Obsession und Bewusstsein rühren.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat nichts an Schärfe verloren – im Gegenteil. Was Bachmann beschreibt, sind keine rein historischen Zustände, sondern Muster: Macht, die sich als Intimität tarnt, Sprache, die entzogen oder manipuliert wird.
Heute offenbaren sich diese Strukturen unverhüllt: Entwertung, Grenzüberschreitung, Gewaltformen, die unsichtbar bleiben und doch spürbar tödlich wirken.
Bachmann hat diese Zusammenhänge früh erkannt, noch lange bevor sie gesellschaftlich benannt wurden. Und vielleicht ist gerade diese Klarheit heute wieder schwer auszuhalten.
Die Liebe ist bei Bachmann oft mit Zerstörung verbunden. Wie lieben wir nach ihr?
Vermutlich weniger naiv. Bachmann nimmt der Liebe ihre Unschuld. Sie zeigt, dass sie kein geschützter Raum ist, sondern von Machtverhältnissen durchzogen. Das bedeutet nicht, dass Liebe unmöglich ist, aber dass man ihre Bedingungen nicht ignorieren kann.
Für mein eigenes Schreiben heißt das: Mich interessiert nicht die Oberfläche von Gefühlen, sondern das, was darunter wirkt – das, was Beziehungen formt und auch deformiert – und was sich oft erst im Nachhinein als solches erkennen lässt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunstimmer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht nicht Martyrium, aber es ist eine Form von Konsequenz. Bei Bachmann bedeutet Schreiben, sich keiner Illusion zu überlassen – auch nicht über sich selbst. Das hat einen Preis.
Es gibt eine Anekdote aus ihrer Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze auf Ischia: dass er sie zeitweise regelrecht eingeschlossen haben soll, damit sie schreibt und liefert. So zugespitzt das klingt – es zeigt etwas sehr Konkretes über die Bedingungen, unter denen ihre Texte entstanden sind.
Ich erkenne darin auch etwas wieder: dieses Gefühl, mit dem Rücken zur Wand stehen zu müssen, damit eine Arbeit ihre nötige Schärfe erreicht. Echte Qualität entsteht selten aus Bequemlichkeit. Mir selbst fällt das Schreiben eher schwer.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nichts. Ich glaube nicht, dass ihre Texte eine Ergänzung brauchen. Eher im Gegenteil: Sie fordern dazu auf, selbst genauer zu werden.
Aber ich wäre gerne mal mit ihr einkaufen gegangen, um gemeinsam über die „unheilbar kranken“ Männer zu lästern. Sie war ja bekanntlich sehr modeaffin und ein gebranntes Kind – und das bin ich auch.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Noch bevor mein erster Lyrikband veröffentlicht ist, arbeite ich bereits an einem neuen Projekt.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Das Gesetz von der Erhaltung der Energie ist nicht anwendbar auf mich. Ich bin die vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen.“ (aus „Malina“)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Marion Margarethe Kecht, Dichterin _ Wien
Ingala Fortagne _ Sopranistin, Schauspielerin_ Wien
Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich lese immer wieder einzelne Gedichte, und vor allem kehre ich oft zu ihren Briefen zurück, die sind für mich ein wichtiger Teil ihres Werkes. Einerseits sind das natürlich intime Texte, die nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren, zugleich aber sind sie Literatur und, wie auch Lyrik und Prosa, sowohl an einen (hier: ganz konkreten) Adressaten gerichtet als auch eine Art von vergewisserndem Selbstgespräch. Und Themen wie Liebe, Nähe, das Scheitern von beidem, die Verquickung von beidem mit Gesellschaft und Politik sind in ihren Briefen so präsent wie in der Erzählprosa und den Gedichten.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Privates und Gesellschaftliches sind eins, sind untrennbar miteinander verbunden: alles gleichermaßen intensiv, hautnah und oft genug schmerzhaft. Direktheit und Komplexität sind im selben Maße Charakteristika ihrer Ästhetik: Alles ist heftig präsent, nichts wird plakativ ausgestellt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Gedichte, Malina (wenig überraschend, ich gebe es zu) – aber auch: der Briefwechsel mit Paul Celan (als „Herzzeit“ publiziert).
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Hellsichtig war sie – oder dunkelsichtig –, sie hat aber nicht prophetisch Themen vorausgesehen, die uns heute noch massiv beschäftigen, sondern Gesellschaft (mit ihren Machtverhältnissen und Verkrustungen) immer schon als den großen Schmerz beschrieben, den sie am eigenen Leib erfahren hat. Wie wir alle.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vielleicht lieben wir schmerzbewusster, macht- und ohnmachtbewusster. Vielleicht lieben wir aber auch offener, empfänglicher, mit mehr Wissen um unsere ständige Verletzbarkeit und Verletztheit.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Auf eine Weise vielleicht schon. Aber das Schreiben ist ja nicht nur Begegnung mit Leid oder Schmerz, sondern auch deren produktive, manchmal spielerische Anverwandlung. Literatur ist eine Glücksmaschine, weil sie sich dem Unglück stellt, es verwendet und verwandelt. Angstfrei von der eigenen Angst zu erzählen, das ist sehr ermutigend.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die Feier der Sprache, die Feier der Liebe – wenn es auch oft eine Feier im Trauergewand ist.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie geht es Ihnen heute?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade ist mein Erzählband „Kummerflimmern“ erschienen, ich bin also noch in der Annäherungsphase an etwas Neues. Gedichte, aber wohl auch ein Roman.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
[…]
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
[…]
Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
(„Alle Tage“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Andreas Lehmann, Schriftsteller
Zur Person: Andreas Lehmann, geb. 1977 in Marburg, dort aufgewachsen, hat Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz studiert, lebt in Leipzig. Er war zweimal Teilnehmer des Open Mike-Wettbewerbs der Literaturwerkstatt Berlin und hat Werkstattstipendien der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin und der Romanwerkstatt im Literaturforum des Brecht-Hauses Berlin erhalten. Robert Gernhardt Preis 2022, Bad Godesberger Literaturpreis 2023. 2018 erschien sein Debütroman Über Tage, 2021 der Roman Schwarz auf Weiß, 2023 der Erzählband Lebenszeichen und 2026 der Erzählband Kummerflimmern, alle im Karl Rauch-Verlag, Düsseldorf.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin
Florian Raphael Schwarz, Schauspieler _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto_Isobel Markus _ (c) Nathalie Claude.
Fotos: Florian Raphael Schwarz _ Schauspieler _ acting _ Malina – Roman_Ingeborg Bachmann, 1971_ Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 4/22.